Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 49 (23.6.1890)
- Date
- 1890-06-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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886 Frankreich. Paris. „Matin" veröffentlicht eine Unterredung seines Mitarbeiters mit einem ungenannten österreichischen Diplomaten, welcher erklärte, die sociale Frage in Oesterreich complicire sich durch den Antisemitismus. Letzterem sei nunmehr mit den energischsten Mitteln entgegenzutreten. „Ich kann versichern" — so schloß der Diplomat — „daß Kaiser Franz Josef der entschiedenste und entschlossenste Feind des Antisemitismus ist." Versailles. Vor zwei Jahren starb hier der Großrabbiner Charleville und hinterließ eine Tochter ohne jedes Vermögen. Der Stadtpsarrer, der mit dem Verstorbenen in Frieden und Freundschaft zusammenlebte, hat dieser Tochter eine lebenslängliche Pension von 1800 $ranc$ au$gefe$t, indem er derselben zurief: „Je recompense en vous les vertus de votre pere“. („Ich belohne in Ihnen die Tugenden Ihres Vaters!") Amerika. Baltimore, 12. Mai. Der „Baltimore Americane" schreibt: Der ehrw. Dr. H. W. Schneeberger von der „Chizuk Amuno-Synagoge" hielt gestern eine Gedächtnißrede zu Ehren des in Mainz verstorbenen ehrw. He r r n D r. Le h m a n n, welcher einer der vorzüglichsten Rabbiner Europas, Verleger und Herausgeber des „Israelit" und über zwei Jahre Dr. Schneeberger's Lehrer gewesen. Dr. Schneeberger erwähnte in dieser Rede den verstorbenen Dr. N. Adler, Oberrabbiner Englands. Der Cantor, Herr Glaß, sang den 16. Psalm und sprach die Gebete für die Seelenruhe der Verstorbenen. Dr. Schn, sagte, daß in den abgelaufenen 18 Monaten das Judenthum durch den Tod dieser berühmten Männer, sowie durch den des Rabbiners Hirsch von Frankfurt a. M. einen Verlust erlitten hätte, welcher nicht so bald wieder ausgeglichen werden könne, und daß möglicherweise mehrere Generationen dahin gehen würden, ehe Ihresgleichen erstehen werde. Er sprach von Dr. Adlers Treue zum Judenthum, und daß er in allen Ländern, wo Englisch gesprochen wird, viel geleistet habe, nicht allein für die Juden, sondern für alle Menschen; er habe Israels Banner hochgehalten. Als er von dem verstorbenen Dr. Lehmann sprach, rief er aus: Wo soll ich ansangcn, seine vielen Tugenden und edlen Eigenschaften aufzuzählen? Mein Lehrer, mein Führer, mein Erzieher, der Mahner meiner Jugend, dessen Führung durch Wort und That und lebendiges Beispiel mich alle Mühsalen des Lebens haben ertragen lassen. Stets habe ich mir meinen Lehrer ins Gedächtniß zurückgerufen, welcher gar oft Anfeindungen erlitten, die er männiglich ertragen, wie einer der fühlte, daß er für seine Grundsätze lebte. Auf der Kanzel war er ernst und begeistert; reich an literarischen Kenntnissen, bestrebte er sich stets, unsere Religion in dem Geiste der alten Propheten und unserer Weisen darzustellen. Er war immer von großer Liebenswürdigkeit und wohlthätig gegen Arme ohne Unterschied der Confession. Fortwährend forderte er in seinem Blatte zur Unterstützung von Wittwen und Waisen auf. Während 30 Jahren veröffentlichte Dr. Lehmann den „Israelit" und seine Ansichten durchdrungen das Judenthum Europas. Die Rechtlichkeit seines Charakters und die Güte seines Herzens sind Dinge, deren Größe unser schwacher Mund nicht auszudrücken vermag. Das ganze Leben der erwähnten berühmten Männer bewies jene großen Grundsätze des Judenthums , dessen Religion auf dem Gesetze und dem Dienste edler und wohlthätiger Handlungen beruht. P a l ä st i n a. Jerusalem. Am r>izn2i7-Feste beherbergte die heilige Stadt einige illustre Gäste; außer Herrn Oberrabbiner Schreiber aus Beregszüs, Enkel des “isid onn, dem die öst.-ung. isr. Gemeinde bei seiner Ankunft einen solennen Empfang bereitete, und noch mehreren Gästen aus Ungarn, kam auch der Oberrabbiner S. Mohluiver aus Byalistock in Rußland mit noch mehreren hervorragenden Glaubensgenossen an. Herr Oberrabbiner Schreiber hielt am verflossenen nntt' eine rwn in der öster.-ungar. Synagoge, die mit größtem Beifall ausgenommen wurde, und hat sich Sr. Ehrwürden durch seinen fesselnden Vortrag und anziehendes Wesen einen großen Verehrerkreis in der h. Stadt erworben. Der gefeierte Redner mahnte seine Zuhörer in der h. Stadt, nicht dem sogenannten Zeitgeist zu huldigen und ttmpn nonp hv nur ri-nayi min zu pflegen. Herr Rabbiner Schreiber '"2 wurde auch in anderen Synagogen nitm zu halten eingeladen. Seit kurzer Zeit haben wir auch hier einen Thierschützler-Trutz. Das von Israeliten geschlachtete Fleisch ist den Mohamedanern verboten, in dem städtischen Schlachthaus wird daher seit vor dem türk. Bairamfeste von den cramts' nicht geschlachtet, wodurch unseren Glaubensgenossen große Opfer u. Beschwerden auferlegt sind, da die jüd. Fleischer