Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 49 (23.6.1890)
- Date
- 1890-06-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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wurde. Hinterher suchte Letztere die Identität zu leugnen, fand aber umso weniger Glauben, da auch der Lehrer und die Verwandten das Kind rekognoscirten, und sie, wie die amtliche Untersuchung ergab, ganz unter dem Einflüsse gewisser christlicher Kreise stand, welche zuerst ihren Verdacht auf die Juden gelenkt und die ganze Hetzagitation bis zur Auffindung des Kindes geleitet hatten. Diesen Kreisen ist durch die Auffindung der Leiche und durch das Ergebniß der amtlichen Untersuchung das Conzept gründlich verdorben worden, und sie suchen nun durch allerlei lügnerische Erfindungen die Hetze fortzusetzen. Nun lohnte es sich nicht, über diese neue Probe antisemitischer Moral zu berichten, würden nicht die „Genossen" in Europa den Lügenbolden von Damaskus Handlangerdienste leisten und Anstalten treffen, den „Christenmord von Damaskus" für ihre Zwecke auszubeuten. Mehrere deutsche Antisemitenblätter veröffentlichen nämlich ein angeblich von der Mutter des Kindes herrührendes Schreiben, worin dieselbe in rührseligen Worten über die Parteilichkeit der amtlichen Untersuchungs - Commission Klage führt und behauptet, das Kind habe an Hals und Armen Verwundungen gezeigt, aus denen augenscheinlich „Blut abgezapft" wurde. Selbst wenn die Mutter wirklich die Schreiberin dieses Briefes wäre, würde über dessen Glaubwürdigkeit kein Zweifel sein, da man die Einflüsse kennt, welche auf die bornirte, im Banne der Dominikaner stehende Frau geltend gemacht wurden; aber der letzte Zweifel, daß es sich um eine niederträchtige Fälschung handelt, ist ausgeschlossen, wenn man erfährt, daß dieses famose „authentische Aktenstück" zuerst von dem französischen Antisemitenhäuptling Eduard Drumond veröffentlicht wurde, welcher behauptet, dasselbe aus Damaskus erhalten zu haben, aber vorsichtigerweise die Bemerkung vorausschickt: „nach der Briefmarke (!!) zuurtheilen, scheint (!!) dieser Brief den Charakter unzweifelhafter Echtheit an sich zu tragen". Das Wiener „Vaterland" druckt diese Bemerkung mit ab, das Stöcker'sche „Volk" und der Berliner antisemitische Moniteur schweigen dieselbe todt, um das „Aktenstück" desto schamloser ausbeuten zu können. Wahrlich, eine saubere Gesellschaft das, diese Vorkämpfer für „deutsche Wahrheitsliebe" gegen „semitische Verlogenheit!" Berlin. Die hiesige jüdische Gemeinde beabsichtigt in diesem Jahre für den Gottesdienst an den hohen Festtagen einen größeren Betrag als im Vorjahre zu bewilligen. Im vergangenen Jahre I wurden vier Betsäle gemiethet jurid für sämmtliche j Andächtsstätten der Reformritus der „Neuen Sy-! nagoge" verfügt. Wir wiederholen unsere Mahnung * vom Vorjahre und ersuchen auch den Gefühlen der confervativen Minorität Rechnung zu tragen. Man verdränge die Strenggläubigen nicht gewaltsam aus sämmtlichen Gemeindeinstitutionen. N. Baden-Baden. Der herrliche mit so hervorragenden Naturschönheiten — fast möchte man sagen: verschwenderisch — ausgestattete Kurort Baden-Baden, der die ihm beigelegte Bezeichnung als ein „zweites Paradies" nicht mit Unrecht führt, bewährt seine Anziehungskraft auch auf unsere Glaubensgenossen, von welchen alljährlich eine nicht unbeträchtliche Anzahl hierher pilgern, um ihre Gesundheit zu kräftigen und sich auszuruhen von dem aufreibenden „Kampfe ums Dasein". Für die^Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse ist durch eine vortreffliche Restauration gesorgt. Es mangelt jedoch an einem würdigen Gotteshause. Die hierorts ansässige jüdische Bevölkernng bildet nämlich keine Synagogen-Gemeinde und ermangelt somiteiner geeigneten Organisation. Es haben sich bis jetzt nur Einige zu einer religiösen Gesellschaft vereinigt, an der Spitze der wackere Herr Rothschild steht. Bei den gottesdienstlichen Vereinigungen fungirt Herr Hoffmann, ein vorzüglicher Vorsänger und ernst religiöser Mann. Es mangelt aber oft an Minjan. Die Constituirung der hiesigen Judenschaft als ordentliche Synagogengemeinde würde gewiß hierin Wandel schaffen, und auch den Bau eines Gotteshauses ermöglichen. Hierzu Anregung zu geben ist der Zweck dieser kurzen Berichterstattung. Karlsruhe, 16. Juni. Auch in der hiesigen Residenz findet die Saat der antisemitischen Giftpflanze keinen ertragssähigen Boden; denn bei der vor kurzer Zeit hier vorgenommenen Neuwahl in den Stadtrath wurde Herr Banquier Fritz Hamburger an Stelle des wegen vorgerückten Alters ausgeschiedenen Herrn Oberraths Ad. Bielefeld, beide Israeliten, gewählt. Letzterer erhielt auch bei Gelegenheit der Feier seiner goldenen Hochzeit, am 4. Mai d. I., von S. K. H. dem Großherzog den Orden des Zähringer Löwen als Beweis der Anerkennung für dessen ersprießliche Leistungen als langjähriger Stadtrath und im Collegium des Schulrathes. Welchen unschätzbaren Werth die von uns bereits veröffentlichte Aeußerung des Großherzogs von Baden mn dit 'n über den Antisemitismus, nicht allein im eignen Lande und in Deutschland, sondern auch in der ganzen Diaspora hat, kann am besten daraus geschlossen werden, daß S. M. der Kaiser als Neffe S. K. H. des Großherzogs, demselben mit wahrhaft kindlicher Liebe zugethan ist und in den