Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 48 (19.6.1890)
- Date
- 1890-06-19
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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879 frühester Kindheit an der Liebste; Enoch zu Liebe stellte er nach und nach seine Hansirwanderungen ein, um den .Knaben um sich zu haben; ihm die Geschichte, Religion und Sprache seines Volkes zu lehren, blieb er zu Hanse. Der schneidende Gegensatz zwischen des Großvaters ärmlicher Lebensweise, und der Behaglichkeit, der wohlthuenden Atmosphäre seines Elternhauses gab dem kleinen Enoch früh zu denken; durch die Verachtung , mit der man seinen Großvater behandelte, und der Demuth mit der sein Vater der Mehrzahl der Christen begegnete, ahnte der Knabe zeitig die gedrückte schiefe Stellung seines Volkes; jede derartige Wahrnehmung that ihm unsagbar weh. Das Unglück warf seinen Schatten voraus: Enochs jüngere Brüder erkrankten an den Blattern, denen sie, und bald nachher auch seine Mutter, die ihre Kinder treu und aufopfernd gepflegt, erlagen. Verödet war das glückliche Haus, gramvolle Stille lag auf den schönen Räumen, die noch vor Kurzem von der Kinder Frohsinn und Heiterkeit widerhallten. — Dreizehn Jahre alt war Enoch, als im 1792 die Verfolgung der unglücklichen Juden im Elsaß begann; wüthendes Gesindel drang plündernd, mordend, brennend in sein väterliches Besitzthum ein, in kurzer Zeit war Enoch, das geliebte Kind zärtlicher, sorglicher Eltern, zu einer blutarmen, heimathloscn Waise gemacht; sie hatten ihm den Vater erschlagen. Bei dem Einbruch der Unmenschen in sein Vaterhaus lief Enoch, von Furcht und Entsetzen gejagt, nach einer Hinterthür des Gartens, um zu fliehen; dort traf er auf seinen Großvater, der voll Angst und Verzweiflung gekommen war, mit den Seinigen zu sterben und zu verderben. Aber als der Alte den Knaben, seinen Liebling erblickte, riß er ihn an sich und wandte sich mit ihm zur Flucht; ihn zu retten, war der einzige Gedanke, den er zu sassen vermochte. Zwischen Hecken und Gräben, bald versteckt. bald weiter schleichend, erreichten sie den Friedhof ihres Volkes; die Nacht brach herein, an dem blutrothen Scheine, der die hohen Wipfel der Bäume färbte, an dem glühenden Sternenhimmel erkannten sie, daß die geliebte Heimath in Flammen aufging. Der alte Rüben zerriß seine Kleider, zerraufte sein Haar, und rief mit den Worten des Psalmisten Tod und Verderben auf die ruchlosen Feinde, die Mörder seines Sohnes herab. Enoch weinte bitterlich, seine Blicke hafteten auf den frischen Gräbern, in denen seine Mutter und seine Brüder schliefen; weiße Nebelbilder wallten um die theuern Ruhestätte, und Enoch wußte sie ohne Furcht zu deuten; sein Großvater hatte ihn gelehrt, daß die Geister der Verstorbenen um die Gräber schweben und sich von ihrem Leben auf Erden unterreden; wie gern hätte er seinem lieben Mütterlein noch einmal Lebewohl gesagt, ihr sein bitteres Herzeleid geklagt, aber er wußte, daß sie ihn nicht vernehmen dürfe, und beneidete nur die Bruderseelen, die mit der Mutter unzertrennlich verbunden waren. — (Fortsetzung folgt.) II. Eine bekannte Wleledie. Eine Erzählung von B. Hause.*) Fortsetzung aus der Beilage voriger Nr. Kolischer wohnte in dem Dachzimmer eines Hauses, welches einem wohlhabenden Israeliten gehörte, der im unteren Stocke des Hauses seine Wohnung hatte. Dieser hatte ihm das Zimmerchen unentgeltlich zum Gebrauche überlassen. Als er jetzt in demselben so schön singen hörte, horchte er einige Zeit verwundert auf und schlich dann leise die Treppe hinauf, an der Thüre seines Hausgenossen horchend stehen bleibend. Er glaubte nicht anders, als es befinde sich einer der Gesangsgehilfen des fremden Eantors bei Kolischer und singe diesem etwas vor. Als der Gesang endlich verstummte, öffnete der Hausherr die Thüre und trat ein. Er war nicht wenig verwundert, Kolischer allein im Zimmer zu finden. „Hast Du so gesungen, Michel?" fragte er, und als Kolischer dieses bejahte, schlug er vor Verwunderung die Hände zusammen und sagte-. „Dann solltest Du wirklich Eantor werden. Die großen Eantoren haben es besser, als die Rabbinen." „Ich will auch Eantor werden und nichts anderes, das steht jetzt fest bei mir", antwortete .Kolischer mit großem Eifer. „Wenn mich der fremde Eantor annimmt, reise ich in künftiger Woche schon mit ihm." Er sagte das mit solcher Bestimmtheit und solchem Ernste, daß daraus die Festigkeit seines Entschlusses zu erkennen war. Der Hausherr Kolischer's säumte nicht, das Vorgefallenc an selbigem Samstage Freunden und Bekauuteu als Merkwürdigkeit zu erzählen, wodurch es dem fremden Eantor auch zu Ohren kam. Dieser hörte den Bericht nicht ohne Verwunderung an, und da man von dem jungen Menschen nur Gutes sprach, so entstand das Verlangen in ihm, denselben persönlich kennen zu lernen und,