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Der Israelit · 1890-06-19 · Heft 48 (19.6.1890) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 48 (19.6.1890)
Date
1890-06-19
Page
– (sequence 22)
Language
German
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878 Kine alte Geschichte. Erzählt von * * * (Fortsetzung.) Aber der Jude, dem die Welt um ihn her eine bittere harte Fremde war, wußte sich eine Welt zu erbauen, welche ihm die verlorene Heimath ersetzte; trotz alles Weh's, aller Demüthiguugen, die wohl geeignet waren alles höhere Streben zu ertödten, fehlte cs ihm nicht an einer festen Grundlage seines sittlichen Lebens, in dem sich die Kraft seiner Religion bewähren konnte: Die Familie war und blieb sein Heiligthum, sein Tempel. Aus dem Altar dieses Tempels der Familie nämlich brachten Vater und Mutter freudig. die größten Opfer treuer Elternliebe dar, und Söhne und Töchter legten an seinen Stufen die Gaben ehrfurchtsvollen Gehorsams nieder. Das Haus des Juden blieb die Stätte heiligsten Friedens inmitten herzbrechender Kämpfe, die er für sein Leben, seine Existenz, seinen Glauben zu kämpfen hatte. Wehe aber, und wie oft ist auch das geschehen, wenn man dem Armen auch dieses letzte, einzige Kleinod raubte, zerstörte und wie zu unzähligen Malen ist auch das geschehen! Die nachstehende Erzählung ist ein Bild von dem, was christlicher Fanatismus, Rohheit und Grausamkeit die Juden erleiden ließ; wir möchten gern eine erfreulichere Geschichte erzählen, als die des armen Enoch ist, da wir dieselbe aber nicht auf den Gefilden der Phantasie, sondern in der ernsten rauhen Wirklichkeit gefunden, so läßt sich nichts daran ändern; der Erzähler hat das Bild nur in einen Rahmen gefügt. Trotz aller Leiden und Schmerzen aber, die der Held unserer Geschichte auf Erden erlitten und ertragen, kann sie doch nicht niederdrückend auf uns wirken, sie beweist uns vielmehr, wie reich und gottbegnadet der Aermste und Verlassenste sein kann, wenn er fest an Gott und allem Guten hält; wird unser Herz auch tief betrübt bei der Anschauung so großen namenlosen Elends, wir lernen doch erkennen, daß wir in den schweren Schicksalen unglücklicher Mitmenschen nicht den allein strafenden Zorn Gottes zu erkennen haben, sondern auch das Leid, welches die Menschen durch Jrrthum und Fanatismus über sie gebracht. Enoch war eine der armen und doch reichen gottgesegneten Seelen auf dieser Erde, deren Schmerzen alle zum Segen für Andere wurden, deren irdische Hoffnungen unter heißen Thränen begraben, der Samen war, aus dem Segen und Wohlfahrt für Andere erblühte. <v>J Im Elsaß lebte gegen das Ende des vorigen Jahrnuderts eine' reiche Judenfamilie, die so ungleich zusammen gesetzt war, wie die damaligen Verhältnsse der Juden es oft mit sich brachten. Rüben, der Großvater, hatte durch die, den Juden eigene rastlose Betriebsamkeit den Grund zu dem Wohlstände des Hauses gelegt; er war ein Mann von energischem Charakter, unermüdlicher Thätigkeit und großem Scharfsinn. Die peinliche Beschränkung seiner Lage, die unaufhörlichen gehässigen, oft grausamen Verfolgungen, die Beeinträchtigungen durch das Gesetz hatten ihn mit Haß, Bitterkeit und Rachsucht erfüllt; seinen Reichthum verbarg er ängstlich, aber er freute sich seiner im Stillen, als einer Macht, die den Seinen nützen, den Feinden schaden könne. Er war nicht zu bewegen aus dem elenden armen Hause zu gehen, in dein er mit seinem Weibe, seinen Kindern gelebt, nt dem er seinen Reichthum wachsen und sich mehren gesehen; vier seiner Kinder verlor er früh, sein Weib folgte ihnen bald, Rüben blieb mit einem Sohn allein. Aber selbst als dieser einzige Sohn geheirathet und liebliche Enkelkinder Groll und Haß des Alten sänftigten, willigte er nicht ein in des Sohnes schönes stattliches Haus zu ziehen, wie gebannt war er in seine ärmliche Wohnung. Er blieb, wo er so lange gewesen, und betrieb, die schäbige Zobelmütze auf dem Kopfe, einen Waarensack auf dem Rücken, immer noch seinen mühseligen Handel. Sein Sohn Jsmael war anders geartet als der Bater; er hatte dieselben tüchtigen Geistes- und Charaktereigenschaften wie Jener, aber er hatte mehr gelernt, sein Horizont war dadurch weiter; er benutzte das im kleinen mühsam zusammegcscharrte Geld zu größeren Unternehmungen, gewann ungemein viel dabei, und beschwichtigte durch diese Resultate des Vaters Grauen vor seiner .Kühnheit. Er schmückte seine Häuslichkeit mit alle Dem, was das Leben schön zu machen im Stande ist, er verschaffte den Seinen jede Bequemlichkeit, jede Annehmlichkeit, die ihm erreichbar war; er erschloß seinen Kindern das Verständniß für die Kunst, hielt ihnen treffliche Lehrer und versäumte nichts ihren Geist umfassend und allseitig auszubilden. Von seinen Enkeln war dem Großvater Enoch, ein ernster, folgsamer, reich begabter Knabe, von

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