Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 48 (19.6.1890)
- Date
- 1890-06-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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875 gierung abzusendenden Petition, in welcher die Mißstände in der Stellung der Lehrer, in den Religionsschulen dargelegt werden, und in welcher die Regierung gebeten wird, eine gesetzliche Regelung der ganzen Materie herbeizuführen. Wertheimer theilt hierauf das Schicksal der Petition des Oberhessischen Lehrervereins mit. Die Regierung stehe den Bestrebungen wohlwollend gegenüber, die Aussichten seien gut. In die Commission wurden gewählt: die Herren Rabbiner Dr. Salfeld-Mainz, Dr. Stein-Worms, nur für die Denkschrift resp. Petition an die Regierung. Ferner die Herren Lehrer Klingenftein- Ober-Jngelheim, Wertheimer-Heldenbergen, Vogel- Offenbach, Ehrmann-Friedberg, Marx-Alsheim. Die Commission besitzt das Recht der Cooptation. Die Petition soll entworfen und eine Copie des Entwurfs an jedes Vereinsmitglied zur Kenntnißnahme gesandt werden. Nun entspann sich eine Debatte über den Vorschlag Klingenftein's, dahin zu streben, daß nur geprüfte Lehrer Anstellung fänden, resp. daß in der Denkschrift nicht Unerfüllbares gefordert werde, weil von der Regierung unmöglich definitiv angestellt werden kann, wer nicht die gesetzlichen Lehrerprüfungen bestanden. Marx-Alsheim stimmt bei. Elemente, die nicht in den Lehrerstand gehören, müssen entfernt werden, da sie dem Lehrerstand nur schadeten. Er erzählt ein drastisches Beispiel. Dr. Stei n-Worms warnt vor rigorosem Vorgehen. Leute mit ernstem Streben solle man fördern, nicht zurückweisen. Gar mancher Autodidact leiste ebensoviel wie ein geprüfter Lehrer. Man solle nicht alles auf einmal wollen. An der sehr lebhaften Debatte betheiliaten sich ferner die Herren Dr. Salfeld-Mainz, Oppenueimer- Darmstadt, Kahn-Mainz. Es wurde beschlossen, daß für die Folge nur solche Lehrer definitive Anstellung finden sollen, die eine Lehrerprüfung bestanden haben. Damit war um 2 Uhr die Tagesordnung erledigt. Für die nächste Zusammenkunft (Conferenz) wurde auf Einladung des Collegen Oppenheimer Darmstadt bestimmt. Für diese Conferenz übernahm Herr Dr. Salfeld bereitwilligst die Normierung der „Ziele des jüdischen Religionsunterrichts", während Herr Ehrmann-Friedberg ein Referat über dasselbe Thema annahm. Während des nun folgenden Mittagessens toastete Herr Dr. Salfeld auf Seine königliche Hoheit den Großherzog, Herr Klingenstein auf die Herren Rabbinen. Auf ein, an den Großherzog abgesandtes Telegramm folgenden Inhalts: Seiner königlichen Hoheit dem Großherzog, Friedberg erlaubt sich der heute hierselbft gegründete Verein der israelitischen Lehrer des Großherzogthums die Versicherung seiner tiefsten Ergebenheit und ehrfurchtnollsten Treue unterthänigst auszudrücken. I. A. Rabbiner Dr. Salfeld. traf gegen 7 Uhr folgende Antwort ein: Rabbiner Dr. Salfeld, Mainz. Aufrichtigen Dank für die ausgesprochene Gesinnung des neuen Vereins. Ludwig. Mainz, 5. Juni 1890. Berger, Schriftführer. & Covrespondenzen. Mainz, im Juni. Der Antisemititismus, diese „Schmach unseres Jahrhunderts" macht, wie die Influenza unseligen Andenkens, seinen Weg durch die civilisirte Welt. Nicht zum erstenmale tritt diese moralische Krankheit in unserem Vaterlande auf; die deutsche Geschichte weiß genug von früheren Epidemien dieser sittlichen Influenza zu erzählen, und die neueste Geschichte Deutschlands hat mit dem Antrag „Pfeil" im preußischen Herrenhause ein neues Lorbeerblatt in den Ehrenkranz der Antisemiten zu verzeichnen. Nicht, daß uns durch die Annahme des Antrags Pfeil weh gethan würde — wir streben schon lange, aber aus anderen, aus religiösen Gründen nach der Errichtung jüdischer Gymnasien — nein, die Annahme dieses Antrags zeigt, auf welcher Stufe des politischen und socialen Lebens die Väter des Antrags stehen, sie zeigt, wie wenig man in manchen Kreisen die Aufgabe des modernen Staates kennt, wie brutal man trotz aller Bildung, die man zu besitzen glaubt, noch am Ende des 19. Jahrhunderts ist. Ja, wir haben schon oft, ehe noch Graf Pfeil sich zu dieser „That" aufraffte, unsere Glaubensbrüder aufgerufen, nicht lau zu sein im Glauben und um der systematisch betriebenen Einimpfung der Indifferenz in religiösen Sachen Einhalt zu thun, israelitische Schulen und Gymnasien zu errichten. Durch die Errichtung jüdischer Gymnasien wollten wir uns aber nicht des Rechtes entäußern, das uns als Staatsbürgern zusteht, des Rechtes, unsere Knaben auch in öffentliche Staatsschulen schicken zu können. Dieses Recht ist uns durch die Verfassung gewährleistet und kann uns so leicht nicht entrissen werden. Wir dürften sogar noch weitergehen und wo der Prozentsatz jüdischer Schüler ein hoher ist,