Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 48 (19.6.1890)
- Date
- 1890-06-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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H- "'."T, 1 <» ■ ■), L^.^H l.l „ ,M»! 866 der Vorläufer einer Reihe von anderen Epidemien aus. Hungersnoth in einer „Kornkammer" ist für einen Europäer etwas ganz Unbegreifliches. Für den Kenner russischer Zustände ist das aber etwas sehr Klarliegendes. Das gebaute Getreide wird nach dem Auslande verkauft, weil die Masse der arbeitslosen Bevölkerung keinen Kopeken besitzt, um auch nur ein Stückchen Brod zu kaufen. Diese Gegenden, die weit umfangreicher, auch weisruchtbarer sind als ganz Deutschland zusammengee nommen, haben keinen Handel, und weil keinen Handel, darum auch keine Industrie, weil keine Industrie, darum auch keine Arbeit, und weil keine Arbeit, darum auch keinen Verdienst, darum auch keine Kaufkraft und darum Hungersnoth, permanente, ewige Hungersnoth verbunden, mit all der Vernichtung bringenden Gefolgschaft der Hungersnoth. Das war früher sehr viel besser, obgleich auch schon in früherer Zeit ein Theil der edelsten Bodenerzeugnisse, wie z. B. ein großer Theil der Melonen, auf dem Felde verfaulte, weil Niemand sie kaufen konnte und wollte. Früher nämlich hatte sich eine große Anzahl Juden auS dem russischen Ghetto des Westens und Südwesteus fortgeschlichen und hatten sich widergesetzlich in jenem Theile Rußlands niedergelassen, hatten Handel und Industrie gefördert, waren selbst zu Wohlstand gekommen und hatten überall Wohlstand verbreitet. Das gefiel den russischen Machthabern nicht, und sie hetzten den Juden die Bevölkerung auf den Hals. Diese rohen Massen hausten weit schlimmer als die wilden Bestien. Durch Mißhandlung, Raub, Mord, Frauenschändung hatte man die Juden bald aus dem Lande gescheucht. Die Folge blieb nicht aus. Kleinere und größere Städte uud Dörfer verschwanden vom Erdboden gerade so, wie sie ehemals entstanden waren, und die Hungersnoth hatte wieder den Stab der Vernichtung über diese Lande geschwungen. Das heutige Rußland geht früher oder später seiner Auslösung entgegen. Es kann sich noch retten, wenn es seine Juden aus dem Ghetto herauszteht und überall sich frei bewegen läßt. Nun — um wieder zu unserem Thema zurückzukommen — Hessen ist noch lange kein Rußland, und seine Judenverfolgung mit dem Stimmzettel bedeutet noch lange nicht Mißhandlung, Raub, Mord und Schändung; allein diese Verfolgung ist eben so ungerecht und verwerflich wie jene russische Judenverfolgung auch. Hessen folgt darin dem allgemeinen Zuge der Zeit, der maßlosen Verhetzung. Daß diese Drachensaat in Hessen auf fruchtbaren Boden hat fallen müssen, liegt in den eigenthümlichen Zuständen, die wir darzuftellen unternommen haben. Wird der Judenhaß und die Judenhetze im Allgemeinen aufhören, so werden diese auch in Hessen aufhören müssen, und sie werden aufhören, wenn die Menschen nicht mehr haßverblendet sich zeigen und der Wahrheit die Ehre geben, wenn all' die Entstellungen und Fälschungen im Leben und in der Wissenschaft als solche anerkannt und gebrandmarkt werden. Wenn, ja wenn der Handel erst in seinem Werthe erkannt und in seiner Würde eingesetzt sein wird, als der wahre Schöpfer der Werthe und Ernährer der Menschheit, als der bedeutungsvollste und mächtigste Faktor im wirthschaftlichen Leben, ja noch weit mehr als der mächtigste Förderer der menschlichen Kultur, als der Hort des Friedens, der Bildung, der Gesittung und der Verbrüderung unter den Menschen. Im Handel liegt eine gewisse Kraft und Macht der Erlösung. Es ist darum gewiß kein Zufall, daß vom Weltgeschick gerade den Israeliten, dem Volk der Erlösung, wider ihren Willen der Handel als Hauptbeschäftigung zugewiesen worden ist. Das uralte typische Wort gilt heute noch wie vor Jahrtausenden von diesem Volke. „Und der Herr sprach zu Abraham: Gehe fort aus Deinem Lande, aus Deiner Heimath, aus Deines Vaters Hause, in ein Land, das ich Dir zeigen will. Und ich will Dich zu einem großen Volke machen und will Dich segnen, Deinen Samen groß machen und Du sollst ein Segen sein. Ich will segnen', die Dich segnen und verfluchen, die Dich verfluchen, und durch Dich sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden." (Genes. 12.)*) Will die Welt solches anerkennen, gut. Wo nicht, so müssen wir uns trösten und geduldig warten, bis Wahrheit und Gerechtigkeit sich endlich Bahn gebrachen und die Herzen milder gestimmt haben. Unsere Väter hatten noch weit mehr zu erdulden und — hatten es weit weniger verdient als wir. Denn daß wir völlig ohne Schuld an diesen Schmähungen, Verhetzungen und Verfolgungen gewesen sind, wollen wir uns nicht einzureden suchen. Nur der Umstand ist Ms überaus schmerz- *) A n m. d. Red.: Wir können uns mit dieser Jdentifizirnng des Handels mit dem Iudenthume nicht einverstanden erklären. Der geehrte Herr Verfasser hat ja gewiß darin Recht, daß ein großer Theil unserer Stammesgenossen dem Handel große Dienste leistet, doch darf hierbei nicht übersehen werben, daß ein vielleicht ebenso großer Theil unseres Volkes sich mit gleichem Erfolg der produktiven Thätigkeit, der Wissenschaft und den Künsten widmet. Es ist dies in diesen Blättern schon öfters statistisch nachgewiesen worden. Das russische Gouvernement Eherson besteht z. B. fast ausschließlich aus ackerbautreibenden Juden; im übrigen Rußland sind die Juden vorwiegend Handwerker und in diesem Lande wohnen bekanntlich die meisten Israeliten.