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Der Israelit · 1890-06-19 · Heft 48 (19.6.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 48 (19.6.1890)
Date
1890-06-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage 51t M 48 des Israelit & Ieschurun Leitend« Artikel. Cutssehuug und Krdeuluug desAntisemitismus i» Kessen. Von Dr. I. Rülf in Memel. v. „Nur die Arbeit schafft Werthe", nur die wirkliche, produktive Arbeit hat einen Werth, denn ihr entstammen alle Güter und Besitzthümer der Menschen; wie viel Arbeit, so viel Werth, ein Begriff deckt den andern. So kann man fast in allen volkswirthschaftlichen Werken lesen. Der Jude nur, der nicht arbeitet, sondern schachert, ist darum nur ein Ausbeuter, ein Exploitator, eine Drohne unter den Arbeitsbienen; er lebt vom Fleiß und Schweiß der Nationen, zehrt an ihrem Mark, ist ein unnützer, schmarotzender Gasr, und wie alle diese Schmähungen, Fälschungen und Entstellungen sonst noch lauten mögen; denn Fälschungen und Entstellungen sind alle diese Sätze von A bis Z. Die Arbeit schafft nicht, hat niemals Werthe geschaffen, selbst nicht einmal in den Münzprägestätten und in den Werthpapierdruckercien. Die Arbeit schafft nur Bedürfnisse, die für denjenigen, der ihrer nicht bedarf, gar keinen Werth haben. Ihren Werth erhalten alle diese Bedürfnisse erst durch den Handel. Schafft nur mittelst der Arbeit Bedürfnisse, so viel ihr wollt — sie müßten allesammt verderben, verkommen, verfaulen, wenn der Handel nicht wäre, der sie euch abnimmt, verbreitet, verwerthet und dorthin verführt, wo sie Geltung und Bedeutung haben und durch die höchsten Preise ausgewogen werden. Der Handel ist es, welcher nicht nur Alles „verwerthet", sondern auch, indem er es verwerthet, einem jeden von allen den vielbedürftigen Kulturmenschen seine Bedürfnisse vermittelt, von jedem Gegenstände des elementarsten Bedürfnisses an bis zum Gegenstände des vollendeten Luxus. Der Arbeiter, selbst wenn er Lebensmittel produzirte, könnte dabei verhungern und verkommen, wenn ihm die Produkte seiner Arbeit nicht verwerthet und dem Werthe der Produkte gemäß nicht auch die Arbeitskräfte bezahlt würden. Alles, was in der Welt Werth heißt, Werth der Arbeit, Werth des Bedürfnisses, Wcrthzeichen und Werth- Messer — Alles wird durch den Handel geschaffen und nicht durch die Arbeit. Wo nur irgend ein Werth steckt, da sucht ihn der Handel an das Tageslicht zu ziehen und für den Gebrauch und Verkehr, für den Besitz und Genuß flüssig zu machen. Nicht allein die fertigen, sondern auch die noch künftighin zu fertigenden Arbeitsprodukte weiß der Handel zu verwerthen; er macht schließlich Alles zu Kapital, indem er es nach feinem Werthe abschätzt, selbst Menschen und Völker, selbst Städte und Staaten, und alle diese durch den Handel bis ins Unendliche gesteigerten und vermehrten Werthe dienen schließlich doch nur dazu, in ganz gleichem Maße und Grade die Arbeit anzuregen. den Menschen Beschäftigung zu geben, ihnen alle ihre Bedürfnisse und Genüsse zu vermitteln, sie zu ernähren, zu kleiden, vor Noth und Elend zu schützeil — die Hälfte, vielleicht gar Dreiviertel der „arbeitenden" Menschen würden elendig verloren und zu Grunde gehen, wenn sie nicht durch den Handel gehalten und erhalten würden. Hier ein Beleg für das Gesagte, der obendrein den Vorzug hat, auf genaue Nachforschungen der amtlichen Statistik sich berufen zu können. Die russische geographische Gesellschaft hat in ihrem neuesten Jahrbuche eine durch farbige Karten illnstrirte Abhandlung von Borkowski über die gegenwärtige Huugersnoth in Rußland und deren Ursachen veröffentlicht. Noch niemals zuvor hat Rußland eine so ungeheure Menge von Getreide, als während der letzten zwei Jahre, ausgeführt. Nicht weniger als 85,444,000 Tonnen (zu 2000 Pfund) Getreide und Mehl, darunter 3,413,000 Tonnen Weizen, sind im Jahre 1888 ausgeführt worden, also dreimal so viel als im Jahre 1869, und doppele so viel als in den Jahren 1878—1882, und die Gesammtanssuhr während des Jahres 1869 wird hinter dieser Menge nicht Zurückbleiben. Wir erfahren nun, daß Hungersnoth in Rußland herrscht, und zwar nicht nur in den morastigen, unfruchtbaren Provinzen des Nordostens, sondern auch in den Provinzen der „schwarzen Erde" des Süooftcns, welche von den Russenfreunden als die zukünftige Kornkammer Europas geschildert wird. Die männliche Bevölkerung ganzer Provinzen an der unteren Wolga verläßt ihre Heimath, um Arbeit zu suchen; die Rinde der Birken, Stroh und Gras wird mir etwas Mehl zu einer Art Brod gebacken und die Rußland eigenthümliche Krankheit, der Hungertyphus, beeilet sich in den Dörfern als

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