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Der Israelit · 1890-06-19 · Heft 48 (19.6.1890) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 48 (19.6.1890)
Date
1890-06-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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867 lich und niederdrückend, daß nicht Liebe und Wohlwollen, sondern Haß, Verachtung, Neid und Bosheit die Triebkräfte der antisemitischen Bewegung geworden sind; daß ferner diejenigen, welche sich das Richter- und Rächeramt anmaßen, den Juden, was moralischen Werth und volkswirthschaftliche Nutzbarkeit betrifft, weit nachstehen: „Wir wollen uns nicht der Rechenschaft entziehen; die Richter sind's, die wir verwerfen!" Im Grunde könnten wir diesen antisemitischen Wühlereien mit voller Ruhe zusehen. Wir haben bei denselben nicht viel zu befürchten und zu befahren, wenigstens nicht so viel, als Staat und Gesellschaft. Antisemitismus ist, wie viele Zeitungen auf Grund von Geständnissen gewisser Parteiführer erst in jüngster Zeit geltend gemacht haben — Antisemitismus ist gleichbedeutend mit Anarchie. Daß der Antisemitismus als der Beginn der sozialen Revolution gelten könne, haben wir oben bereits dargclegt. In einem diesbetreffenden Artikel hat vor wenigen Tagen die Wiener „Neue fr. Presse" den Gedanken weiter ausgesponnen und mit Recht hervorgehoben: „Der Jude hat das traurige Privilegium, in allen historischen Erschütderungen als Vorposten zu fallen." Darum: Videant consules! Wie können aber auch aus der Giftpflanze des Antisemitismus ein Heilmittel ziehen, und zwar ein sehr werthvolles Mittel, ein Mittel zu unserer Läuterung, Besserung, Veredlung, Verbrüderung, ein Mittel zur Erweckung des Glaubens und Festigkeit der Glaubensgemeinschaft; und wird die antisemitische Bewegung solche Wirkungen hervorbringen, dann mögen Jene, die uns fluchen, gesegnet sein. Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. Mainz. Wie wir vernehmen, ist Herr Dr. Sigmund Feist von hier, bisher am hiesigen Gymnasium thätig, vom Gr. Ministerium zum Reallehrer in Bingen a. Rh. ernannt worden. Es ist dies unseres Wissens der erste Fall, daß ein Israelit in Hessen ein Amt an einer höheren Schule übertragen bekommt, und ein Beweis für die Liberalität und das Entgegenkommen unserer hessischen Regierung gegenüber unseren Glaubensgenossen. Biebrich, 12. Juni. Die Gemeinde Biebrich hat ein an den christlichen Friedhof angrenzendes Terrain unentgeldlich zur Anlegung eines israelitischen Friedhofs überlassen. Aus Oberschlesien, 15. Juni. Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt in Pinne, Schüler des Berliner Rabbiner-Seminars, ist zum Rabbiner von Königshütte gewählt worden und tritt sein Amt zum 1. September an. — Der Magistrat zu Ratibor hat den jüdischen Thierarzt Hirsch in Zabrze zum städtischen Schlachthausarzt angestellt. — Der als wackerer Jehudi und Mensch rühmlich bekannte Herr Leopold A l t m a n n aus Ratibor ist in G l e iwitz im Alter von 85 Jahren verstorben. — Der Vorstand der Gemeinde zu Beuthen hat behufs Uebernahme des ersten Cantorats mit einem österreichischen Opernsänger, (!) welcher von Geburt Inländer ist, Verhandlungen angeknüpft. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Budapest. Beim letzten Mai-Avancement wurden zwei Juden mit dem Majorsrang bekleidet. Es sind dies die Herren Josef Havasi und Armin Weber, welche zu Rechnungsräthen im k. ung. Honvedministerium ernannt wurden. Diese hohe Beamtenstelle ist mit dem Majorsrang gleichbedeutend, und haben die Betreffenden die Uniform eines Stabsoffiziers zu tragen. Frankreich. Paris. Im College de France wurde jüngst ein neuer Lehrstuhl eingeweiht, der Lehrstuhl für semitische Epigraphik. Der Inhaber desselben Hr. Clermont Ganneau, welcher seinerzeit als Dragoman der französischen Botschaft in Jerusalem merkwürdige Entdeckungen machte, so eines Säulenschafts mit der ältesten hebräischen Inschrift, die man überhaupt kennt. Er war es auch, der vor einigen Jahren die Fälschung Schapira's erkannte, als dieser im Begriffe stand, dem British Muleum ein vielbesprochenes Bibelmanuskript zu hohem Preise zu verkaufen. Dem Eröffnungsvortrag wohnte eine zahlreiche Versammlung bei, in der merkwürdiger Weise auch das elegante, weibliche Element nicht fehlte. Amerika. Chicago. Am 22. Mai feierte Frau Sarah Rothschild ihren 102. Geburtstag. Die sehr rüstige Greisin ist in Grebenau (Preußen) geboren. Vier Generationen wohnten der Feier bei, darunter 27 Enkel und 15 Urenkel. BriefkastenderRedactiom Abonnent 8. H. Gerolzhofen. Mit dem von Ihnen angeregten Gedanken hat sich die „Freie Vereinigung" für die Int. des orth. Judenthums bereits befaßt und ihren geschäftsführenden Ausschuß beauftragt, der Sache näher zu treten. Wir haben Ihren w. Brief der Vereinigung eingesandt. Die Fortsetzung des Feuilletons: Eine bekannte Melodie befindet sich in belletr. Beilage.

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