Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 48 (19.6.1890)
- Date
- 1890-06-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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864 hatte ihni einen Sessel gereicht und sich selbst ihm gegenüber gesetzt, und war nun bemüht, eine Unterhaltung in Gang zu bringen; es wollte nicht recht gelingen. Nach einigen Minuten erhob sich seine Frau und winkte ihm, und beide verließen das Zimmer. Meierhof verkehrte seit Jahren in den besten Kreisen und war überall als ausgezeichneter Gesellschafter bekannt, und nun saß er dem jungen Mädchen gegenüber, die er so heiß als Gattin ersehnte, und empfand nun, er, der sechsunddreißigjährige Mann vor dem einfachen achtzehnjährigen Mädchen eine Befangenheit, wie der Schulknabe sie empfindet, wenn er seine Lection hersagen soll und dieselbe nicht gehörig memorirt hat. Bella hatte eine leichte Arbeit in die Hand genommen, vermuthlich nur um etwas zu haben, worauf sie ihre Blicke lenken konnte. Meierhof's Blick haftete an den zarten, gewandten Fingern, die sich so rasch und zierlich bewegten, einige Minuten herrschte eine nahezu unheimliche Stille, Bella glaubte das Klopfen ihres Herzens hören zu können. Endlich begann Meiehof mit leicht vibrirender Stimme. „Mein Fräulein —". Unwillkürlich ließ Bella die Hände sinken und hob den Blick und schaute in ein edelgeformtes, seelenvolles Angesicht, dessen große, dunkle Augen mit einem ihr seltsam erscheinenden Ausdruck zu ihr hinüberblickten. „Ich habe", fuhr Meierhof fort, sichtlich bemüht, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen, „ich habe zwar heute zum erstenmale das Glück, mich mit Ihnen zu unterhalte«, dennoch schulde ich Ihnen bereits hohen Dank." „Daß ich nicht wüßte", murmelte Bella. „Wenn Sie es auch nicht wissen", entgegnete er lächelnd, „auch die Sonne sendet unbewußt ihre alles belebenden Strahlen hernieder zur Erdenwelt." Bella war glühend roth geworden, er fuhr fort: „Meine Kinder haben mich zuerst auf Sie aufmerksam gemacht, meine älteste Tochter hat mir die liebe, schöne Dame, wie sie sie nannte, gezeigt, die sich ihres Schwesterchens so liebreich angenommen hatte — die Kinder begegneten ihnen öfter, denn sie hatten Ihre Lieblingsspaziergänge auskundschaftet — auch ich sah Sie öfter und erkundigte mich nach Ihnen — und je öfter ich Sie sah und je mehr ich von Ihnen hörte, desto mehr reifte in mir der Entschluß, alles auszubieten, um meinen Kindern in Ihnen eine Mutter wiederzugeben. — Zweimal ließ ich Ihnen meine Hand antragen — und zweimal haben Sie meinen Antrag znrückgewiesen, mit einer Entschiedenheit, die — die — die mir endlich die Augen geöffnet hat über mein bisheriges Thun. — Und dafür schulde ich Ihnen den höchsten Dank. — Ich will mich nicht besser machen als ich bin — als ich nach der zweiten mir gewordenen Abweisung den Entschluß faßte, fortan sowohl au Sabbat als an Feiertagen mein Geschäft strengstens geschlossen zu halten — da entsprang dieser Entschluß einzig und allein dem glühenden Verlangen, Sie zu erringen. — Doch seitdem sind mehr als sechsunddreißig Stunden verflossen, ich habe unablässig darüber nachgedacht — und — und — ich bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß, selbst wenn das für mich in diesem Augenblick Schmerzlichste sich ereignen würde — selbst wenn Sie zum drittenmale meinen Antrag zurückweisen würden, ich Ihnen dennoch zum höchsten Dank verpflichtet wäre, denn ich würde auch in diesem Falle nimmer wieder — weder am Sabbat noch an Feiertagen mein Geschäft öffnen." (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch Leu Buchhandel M deriehen bei E. F. Ktrtnacker,. Leipzig, ZLoßptatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oestsrreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Frankfurt. Trier. Hamburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: 2 mal Wien. Prag. Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg. — Feuilleton: Waltungen. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Entstehung und Bedeutung des Antisemitismus in Hessen. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Biebrich. Aus Oberschlesien. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Budapest. — Frankreich: Paris. — Amerika: Chicago. Inhalt d. „Blätter f. d. isr. Schule": Protokoll der am 5. Juni 1890 in Mainz stattgehabten Versammlung israelitischer Lehrer des Großherzogthums Hessen. — Correspondenzen: Mainz. Inhalt der belletristischen Beilage: Literarische Notizen. (Mit Abbild.) — Feuilleton: I. Eine alte Geschichte. II. Eine bekannte Melodie. — Preis-Räthsel rc. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichttisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit und Jeschurun" Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu vier Beilagen.