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Der Israelit · 1890-06-19 · Heft 48 (19.6.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 48 (19.6.1890)
Date
1890-06-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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•I,1*«» •***<«$* 858 seines ganzen Aufenthalts konnte er sich in Erwartung der unangenehmen Dinge, die da kommen sollten, eines nervösen Prickelns auf Schultern und Rücken nicht erwehren. Als er mit seinem Wtrthe von Hause fortging, ohne daß das Erwartete eingetroffen, dachte er, daß der Knecht Simeons vielleicht am Rande des Weges stünde, um ihn da hinterlistiger Weise zu überfallen. Als sich nun aber Simeon von ihm aufs Herzlichste verabschiedete, ohne daß das Vermuthete erfolgt war, da konnte Rabbi Josna sich nicht länger Schweigen anferlegen und er richtete an seinen Begleiter die Frage: Ist es wahr, daß Du Deine Gäste, nachdem Du ihnen Speis und Trank aufgewartet, sie vor der Abreise auch noch mit Prügel traktirst, und wenn es wahr ist, warum unterließest Du solches bei mir? Du bist im Jrrthum, Freund, ich lasse meine Gäste nicht prügeln, nur an jenen Fremden wurde ausnahmsweise die Strafe der Geißelung vollzogen, weil sie bei der Heiligkeit der Thora schwuren, nichts bei mir genießen zu wollen, diesen Eid aber kurz darauf brachen. Wenn wir, wie dies ja der Fall ist, fast täglich Gelegenheit haben, uns davon zu überzeugen, wie sehr uns ein Verstoß gegen den Anstand empört, wenn wir beobachten, wie jäher Zorn uns überkömmt, wollte sich Jemand unterfangen, unfern guten Ruf in irgend einer Weise zu besudeln, so können wir wohl begreifen, wie jene Weisen auf's Höchste erbittert waren, als sie erfuhren, in wie hohem Grade Simeon, der Sohn Antipatras gegen die gute Sitte verstieß und wie er seinen Gästen eine die Menschenwürde so sehr verletzende Behandlung angedeiheu ließ. Der gute Ruf der so viel gerühmten patriarchalen Gastfreundschaft war geschändet. Man beklagte sich darüber, daß ein Weiser, ein Gelehrter seine Gäste rücksichtslos behandelt hatte. Das verlangte Sühne; einem derartigen Benehmen mußte die Strafe auf dem Fuße folgen, und deßhalb hatte man beschlossen, ohne die Einleitung eines Rechtsverfahrens abzuwarten, auf die bloße Anklage hin, an dem Uebelthäter die Rüge vorzunehmen. Die Beobachtung des Anstandes, die Pflege des guten Tones sind Dinge, die im Leben durchaus erforderlich sind, der Verkehr von Mensch zu Menschen ist ein so unendlich mannigfacher, daß es undenkbar ist, ohne die Gesetze, die sich für die verschiedenen Verkehrsarten im Laufe der Zeiten herausgebildet haben, auszukommen. Das Gesetz nun, das sich auf den gesellschaftlichen Verkehr bezieht, nennen wir Anstand, guten Ton. Derselbe ist, wie sich ein deutscher Schriftsteller treffend ausdrückt, die in's Festgewand gekleidete Moral, der in's praktische Leben übertragene Sinn für das Schöne, das verfeinerte Verkehrsgesetz. Dem Unhöflichen bleibt das letzte Wort, dem Höflichen der Sieg. Besitzen wir ein sicheres, weltgewandtes Auftreten, so haben wir die Meinung Anderer schon halb für uns gewonnen und cs wird uns leichter gelingen, uns auch in anderer Beziehung einen guten Namen zu erwerben. Auch der Gelehrte, der Erforscher der Thora soll sich eines guten Tones befleißigen. Es klingt dies vielleicht parodox; doch wie manche fühlen sich weit erhaben über die kleinlichen Regeln der Etikette und glauben, daß sie mit ihrem Können und Wissen auch ohne jene durch die Welt kämen. Und trotzdem fehlt es ihnen bei all ihrer Gelehrsamkeit an der einfachsten Kenntniß der Welt und Menschen. Dem Wohlgesitteten öffnen sich alle Wege zum Eintritt in die gute Gesellschaft; soll der Gelehrte diese Wege nicht auch der Thora, die in ihm vertreten, erschließen? Wie hoch unsere Weisen Anstand und Höflichkeit schätzten, geht ans dem Midrasch Rabba Wajikra IX hervor, nach welchem die Gesetze der Höflichkeit bereits 26 Menschenaltcr vor der Offenbarung der Thora am Sinai existirt haben. Und was sie von dem Werth des guten Namens hielten, das ergibt sich aus der Thatsache, daß sie die Krone des guten Namens noch über die Krone der Wissenschaft, der Priesterwürde und des Königsthums stellten. Für die große Welt allerdings bedarf es dieser Ermahnung kaum, ja sie legt oft der Erfüllung der Gebote des Anstandes mehr Beachtung als weit wichtigeren Dingen bei, oft ist ihr Verkehr mit Menschen minutiöser wie derjenige mit Gott, wie der Verkehr im Gotteshanse. Man könnnte glauben, daß dies ganz unmöglich sei, da Menschen, die sich überhaupt dem Allvater zu nähern suchen, schon durch ihre Frömmigkeit und die religiöse Erziehung vor dem Angesichte des Höchsten die größtmöglichste Schicklichkeit bewahren, und doch ist dem so. Wir finden unter den Besuchern des Gotteshauses nicht nur Personen, denen es ein Herzensbedürsniß, ihre Andacht zu verrichten, sondern auch solche, die aus Gewohnheit dem Gottesdienste beiwohnen und es mit der Feierlichkeit des Ortes nicht so genau nehmen; außer ihnen finden sich auch noch viele, die lediglich kommen, um ein Stündchen zu verplaudern, oder Neuigkeiten zu hören. Wohl ist es traurig diese Thatsachen eingestchen zu müssen, doch sie machen sich leider nur zu oft fühlbar. Der Ordner unseres Ritual-Codex sah sich auch aus diesem Grunde veranlaßt, im ersten Paragraphen des Schulchan Aruch,

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