Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 47 (16.6.1890)
- Date
- 1890-06-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Talmudschule, und da Michel ein sehr geweckter Knabe war, so wurde er derselben im achten Lebensjahre schon zugeführt. Er machte hier so gute Fortschritte, daß sein Vater ihn schon nach dessen zurückgelegtem dreizehnten Lebensjahre nach Lissa brachte, wo eine höhere Talmudschule bestand, damit er sich dort zum Rabbiner ausbilde. Er zeichnete sich auch hier durch Fleiß und schnelles Auffassen des schwierigen Lehrstoffes so aus, daß er bald der Lieblingsschüler des dortigen Rabbinen wurde. Er hatte kaum das Alter von fünfzehn Jahren erreicht, als seine Eltern an einer damals herrschenden epidemieartigcn Krankheit schnell nach einander starben, so daß er plötzlich ganz verwaist dastand. Wohlthätige Menschen nahmen sich seiner an, wodurch es ihm möglich wurde, seine Studien in Lissa fortzusetzen. So fleißig er auch diesem Studium oblag und so bedeutend auch die Fortschritte waren, die er auf talmudischem Gebiete machte, so lag seine Hauptbegabung und darum vielleicht seine eigentliche Lebensbestimmuug doch auf einem anderen Felde, von ihm selbst noch ungeahnt und auch von Andern noch nicht erkannt. Es ruhen ja oft still und verborgen wunderbare Anlagen in dem jugendlichen Geiste so manches Menschen, geheimnisvolle Keime aiff seelischem Boden ruhig der Entwicklung und der Entfaltung entgegenharrendcr und hkndrängender Bestrebungen und Thateu, wie eingekopselt und cingeschlossen in sicherem Gehäuse, bis irgend ein von der Vorsehung herbeigesührtes, oft ganz geringfügig scheinendes Ereigniß — die Menschen nennen es fälschlich Zufall! — mit leisem Finger an den Verschluß rührt, und, siehe da! die Kapsel springt auf, wie eine Offenbarung von oben durchströmt es plötzlich den Betreffenden und füllt alle Poren seines Geistes und Gemüthes aus und — eine neue Lebensbahn hat sich vor ihm aufgethan! Es wandelt sich nicht immer schmerzlos auf dieser Lebensbahn, durch oder ohne eigene Schuld; aber entfliehen kann er ihr nicht. Widerstand gegen den ihn nunmehr beherrschenden geheimen und geheimnißvolle» Drang ist vergebens. Das haben schon Unzählige erfahren, und auch Michel Kolischer hat es erfahren müssen. Kolischer war nämlich mit einem wunderbarschönen, klangvollen Stimmorgan versehen. Wenn er sein Talmudpensum vor dem Rabbiner in der üblichen halbsingenden Betonungsweise vortrug, so klang dieses wie reine Musik. Der Rabbiner lehnte sich dann gewöhnlich in seinem Stuhle zurück und lauschte mit einem Behagen dieser prächtigen Stimme. Er mochte es sich dabei vielleicht im Geiste schon vormalen, wie sehr dereinst die belehrenden religiösen Vorträge dieses seines Schülers durch diese glückliche Stimmbegabuug bei den Zuhörern an Eindruck gewinnen werden. Er ging dabei allerdings nicht ganz fehl; cs sollte sich aber, zwar auch auf gottesdienstlichem Gebiete, doch anders erfüllen. Ein berühmter jüdischer Cantor durchreiste Polen mit vier Gesangsgehülfen, gewöhnlich Mschorrerim genannt, um allsabbatlich in einer der größeren jüdischen Gemeinden eine Gesangsvorstellung in der Synagoge zu geben, das heißt: mit Erlaubniß des Vorstandes bei dem betreffenden Freitagabend- und Samstagmorgen-Gottesdienste die Stelle des Vorbeters zu versehen. Es kam dieses zuweilen vor, und wurde der betreffende zugereiste Cantor dann sowohl aus der Gemcinekaffe, als auch privatim durch Einzelne für seine Leistungen honorirt und zwar, wenn die Leistungen bedeutend waren, sehr ansehnlich. Der eben erwähnte Cantor war auch bereits in Lissa angemeldct. Es ging ihm ein bedeutender Ruf voraus, was um so mehr für dessen ungewöhnliche Gesangesleistungen sprach, als gute Cantoren in Polen von jeher nicht selten waren und es auch heute noch nicht sind. Es ist ja eine allbekannte und auffallende Thalsache, daß es unter den Israeliten in Rußland und Polen, mehr, als irgend anderswo, viele Stimmbegabte und Singfähige gibt. Mau war daher auch auf die Ankunft des Angemeldeten sehr gespannt, und als diese endlich erfolgt, war während des Gottesdienstes au dem betreffenden Freitagabend und Samstagmorgcn die Synagoge sowohl in der Männer-, als auch in der Frauenabtheilung bis zum Erdrücken mit Zuhörern angefüllt. Es war in der That Ungewöhnliches, was hier der lauschenden Gemeinde zu Gehör gebracht wurde. Der Mann trug nur eigene Kompositionen vor. Es waren eigenthümliche Melodien, wie aus heiliger Hingebung entsprungen, fern von allen Schnörkcleien, zuweilen an Bekanntes und Traditionelles anklingend, und doch wieder von ganz besonderer Tonfärbung, dem Gebetsworte genau angepaßt, wie unzertrennbar mit ihm verbunden und verwachsen, bald, je nach dem Inhalte desselben in ergebungsvoller Wehmuth, bald in ahnungsvollem Hoffen, bald in freudiger Erregung, bald in schallendem Dankesjubel und Lobesergusse austönend. Und der Vortrag war so innig und so wahr, die Stimmen so rein, so zart und doch wieder so mächtig! Alle waren tief ergriffen, von feierlicher Gebetserhebung erfüllt, von andächtigen Schauern durchdrungen. In vieler Augen sah man Thränen glänzen. Am mächtigsten schien der Eindruck auf Michel Kolischer zu sein; er sog diese Melodien förmlich