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Der Israelit · 1890-06-16 · Heft 47 (16.6.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 47 (16.6.1890)
Date
1890-06-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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jll jlllJIHL.I P 4»« 850 ozialistischen Gedanken angesteckt die Revolution nur benutzen, um die Rohheit und Bosheit ihres blutwüthigen Herzens ungezügelt walten lassen zu können. Das ist wahrlich nicht zu viel gesagt, wenn man bedenkt und betrachtet, wie viel Haß und Verfolgung, wie viel Zerstörung und Blutvergießen sie durch ihre lügnerischen Beschuldigungen und Verhetzungen bereits angestiftet haben. Zum Schluß noch eine kurze Betrachtung über den Antisemitismus im Allgemeinen. Ich habe einen Sohn, der nun schon seit zwei Jahren der Universität als Student angehört. Nun weiß ja ein Jeder, wie selbst die Studentenwelt ganz ohne Grund und Ursache, wenn man diese nicht im neiderfüllten, verrohten Herzen suchen will, antisemitisch verseucht, den Rassenhaß in ihren Komment ausgenommen hat. Aller der unliebsamen Begegnisse mit antisemitisch angehauchten Studiengenossen gedenkend, stellte mein Sohn die Frage: „Wann endlich wird dieser antisemitische Sinn und Geist völlig erstorben und erloschen sein, damit man endlich mit seinen Genossen und mit aller Welt, mit welcher man sich Eins weiß in Denken, Fühlen und Wollen, in Ruhe und Freude, völlig harmlos und zwanglos verkehren kann? Es ist ja gerade ein Gedanke zum Bezweifeln, durch diese häßliche und gehässige Gesinnung auf unabsehbare Zeit sich ausgestoßen fühlen zu müssen." Ich gab mir Mühe, ihm eine Perspektive in der Ferne zu zeigen, in welcher der Antisemitismus absolut keinen Platz und keine Bedeutung in der menschlichen Gesinnungswekse mehr einnehmen und beanspruchen werde. Er wollte sich damit nicht zufrieden geben, das schien ihm Alles zu unbestimmt, zu ungewiß, zu weit in die Ferne gerückt. — Nun denn, antwortete ich, so will ich Dir auch eine Aussicht eröffnen, die ganz nahe liegt, wenigstens zu liegen sckeint, so nahe, daß man die Thatsache ihrer Verwirklichung geradezu mit Händen greifen kann. Der Antisemitismus wird mit dem Augenblick, und zwar für immer aus der Welt geschafft sein, w.enn — nicht etwa alle Vorurtheile geschwunden, aller Klassen- und Rassenhaß beseitigt, Menschlich-, keit und Wahrheit zur Herrschaft gelangt sein werden, sondern — wenn die Menschen nur erst anfangen, wahr gegen sich selbst zu sein, und das, was wahr ist und sie selbst für wahr halten, auch zu gestehen und zu bekennen die sittliche Kraft erlangt haben. Mit dem Augenblick, da die Menschen sowohl im Leben als auch in der Wissenschaft wahr zu sein sich befleißigen, wird der Antisemitismus für ewig abgethan sein. Es wäre ein verdienstliches Werk, alle die Unwahrheiten, Entstellungen, Fälschungen — um von der starken Voreingenommenheit in Wissenschaft und Leben gar nicht zu reden —, zusammenzustellen und der Welt als Spiegel vorzuhalten. Vorurtheile, Unwahrheiten, Fälschungen im Leben sind noch bei?weitem nicht so schlimm als in der Wissenschaft, wo sie durch die Schrift gefestigt und bestätigt leicht zum allgemeinen Dogma sich gestalten. Und absolut keine Wissenschaft ist frei von solchen Fälschungen und Entstellungen, allesammt nur von Haß und Scheelsucht eingegeben, und nur wenige Gelehrte sind völlig frei von dieser Voreingenommenheit den Juden gegenüber. Man fälscht die Religionswissenschaft, die Geschichte, selbst die Physiologie und Psychologie, um nur den Juden Eins versetzen zu können. Am schlimmsten haben in der Neuzeit gewisse Verdrehungen, Fälschungen und Entstellungen in der Volkwirthschaftslehre — einer verhältnißmäßig noch sehr jungen Wissenschaft — auf die Wirthschaftspolitik im Allgemeinen und auf Anschauungen der Menschen im Besonderen eingewirkt. Welcher Mißbrauch ist nicht mit dem Worte Arbeit getrieben worden, und welche Verwirrung hat nun gar der Un- und Mißgriff: „Nationale Arbeit" angerichtet, und alles das geschah stets nur mit einem häßlichen und gehässigenWeitenblick aus den Juden und seine Beschäftigungsweise. Allein weit mehr nochmals diese kleinen Nadelstiche haben die Keulenschläge geschmerzt, welche man dem Juden zu versetzen gewußt hat, anknüpfend an eine gefälschte Theorie, welche die Volkswirthschaft noch bis zu dieser Stunde fast ausschließlich beherrscht und irreleitet. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Berlin, 6. Juni. Mein Bericht, den ich Ihnen von dem Mordbrennerthum, das der St ... . an der Seine, der hochgeborene Morös plante, vor einiger Zeit gab, und meine Schlußfolgerungen, die ich daran knüpfte, wurden von einem hiesigen antisemitischen Organ mit Hohn und Spott beladen. Die Pariser Regierung hätte wieder einmal einen lächerlichen Uebereifer an den Tag gelegt, und die Juden^zu früh gejubelt. — Nun wurde der Herr Marquis, der die „Judenpaläste" in Brand stecken wollte, der die an der Spree gehaltenen Reden in That umsetzen wollte, mit dem höchsten Strafmaß, mit drei Monaten Kerker belegt. Vielleicht wird es fortan im öffentlichen Interesse liegen, derartige Brandreden zu unterdrücken, ehe uns solche „Edelleute" erstehen. A

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