Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 47 (16.6.1890)
- Date
- 1890-06-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Beilage ju M 47 des „Israelit & Ieschurun". StUtuie Artikel. @nt(ld)iino md Kedeutms desAutiseinltismus ln Hessen. Von Dr. I. Rülf in Memel. IV. Es erübrigt nun noch, über die Bedeutung dieser antisemitischen Krankheit einige Andeutungen zu geben. Hessen ist das Land, welches unter allen den ehemaligen deutschen Einzelstaaten die meiste Bedrückung und Mißregierung hat erdulden müssen und darum auch die meisten Revolutionen erfahren hat. Ueber die Revolutionen in Hessen im 19. Jahrhundert, vom „Bruder Luftik" (Hieronymus Napoleon) an bis an den heutigen Tag, ließe sich ein ganzes Buch schreiben; und alle diese Revolutionen haben, wie mir Vater und Großvater erzählt, mit Judenhetzen begonnen. Die Hauptrevolution des Jahres 1848, die zwar eine allgemeine kontinentale gewesen, aber Hessen ganz besonders ergriffen, geschüttelt und auch nicht das kleinste Dorf unberührt gelassen hat, habe ich selbst erlebt. Sie begann damit, daß man den Juden und Beamte», ganz besonders aber den richterlichen Beamten, die Fenster einwarf und deu armen jüdischen Dorsgeher, der die kleine Gesälle der Acker- und Viehwirthschaft kaufte, mißhandelte Das dauerte so lange, bis edle, einsichtsvolle und großherzige Männer, wie die Universitäts-Professoren Fick und Bayerhoffer, die Angelegenheit in die Hand nahmen und das Volk belehrten. Beide Zierden der Gelehrtenwelt, sind leider zu früh aus dem Leben geschieden. Der Letztgenannte starb in Amerika. Ueberall, wo Ausschreitungen vorkamen, da waren diese Männer am Platze. Niemals werde ich die edle Begeisterung vergessen, mit welcher ganz besonders Bayrhoffer von der Gleichberechtigung aller Menschen sprach und dem Volke Bruderliebe gegen den Juden, den „Schmerzensmann der Weltgeschichte", einschärfte. Das fruchtete. Die Revolution ging ihren Weg, aber Judenhetzen kamen nicht mehr vor. Was gegenwärtig diese Judenhetzen nicht nur in Hessen, sondern auch in andern Ländern zu bedeuten haben, das weiß ich sehr gut. Sie.bedeuten den Beginn der sozialen Revolution. Hessen ist das Land der Revolution wider Willen; denn die Bevölkerung besitzt ja nicht jenen unruhigen, der Revolution zugeneigten Sinn und Geist; allein es ist doch nun einmal nicht anders; so scheint denn auch die soziale Revolution dort am ehesten Platze greifen und am festesten einwurzeln zu wollen. Hessen ist ein ackerbautreibendes Land, die Fabriken sind dort sehr dünn gesät; die soziale Bewegung wird dort nie jenen lärmenden Charakter annehmen wie in den Jndustriebezirken: allein wenn ein Bauer und Besitzer, und zwar einer von jenem hessischen, altedlen Bauerngeschlechte der Lauer, als sozialdemokratischer Gegenkandidat Böckels auftritt, dann darf man wohl mit dem Sozialisten Sabor sagen: „Das läßt tief blicken!" Aber nicht in Hessen allein — überall, allüberall bedeutet diese antisemitische Hetze nichts mehr und nichts weniger als den Beginn der sozialen Revolution. Mögen sie sich's Alle gesagt sein laffen, welche den Antisemitismus offen oder geheim unterstützen oder auch nur frei gewähren lassen: es handelt sich gar nicht um die Juden, es handelt sich um den Umsturz der gesammten Lebens-, Gesellschaft^ und Staatsordnung! Und glaube man nur nicht, daß man der revolutionären Bestie den Juden zum Fraß vorwerfen und sich mittlerweile salviren könne. Diese Politik zieht bei den wirklichen Revolutionären schon heute nicht mehr, diese wissen, was sie thun, diese wissen, wo sie und wie sie ihre Sache anzupacken haben, diese wissen, daß sie von den Juden am allerwenigsten zu fürchten und zu hoffen haben. Erst wenn jenen stillen und offenen Teilnehmern am Antisemitismus das „Wasser bis zum Leben" gedrungen sein und ihnen das Messer an der Kehle sitzen wird, werden sie einsehen, wie bös und bitter es war, die Bestie entfesselt und die wildesten und verwerflichsten Leidenschaften des Neids und der Habgier angefacht zu haben. Alle diese Führer der antisemitschen Rotte sind nichts anders und nichts weiter als Revolutionäre, aber nicht von jenen Revolutionären edeln Stils, die von der Macht der Ueberzeugung getrieben für ihre Bestrebungen das Leben in die Schanze schlagen — wer mag bei Menschen, die nur mit Lug und Trug, mit Haß und Neid umgehen, wer mag bei innerlich verrohten, keiner edleren Regung fähigen Menschen von Ueberzeugung reden! — Diese Antisemitenführer sind nur die revolutionären Schlachtenbummler und Leichenräuber, welche von