Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 47 (16.6.1890)
- Date
- 1890-06-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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844 uns so über die vorgelegten Fragen geäußert. Der Grund dafür, daß wir uns der Petition nicht anschließen, liegt, außer den von den einzelnen Rednern berührien sachlichen Erörterungen, auch in der allgemeinen uns nicht günstigen Zeitlagc. Die Versammlung ist mit den Ausführungen des Dr. Badt einverstanden. — Der Vorsitzende schließt darauf gegen 11 Uhr die erste Sitzung. Die zweite Versammlung wurde vom Vorsitzenden Mittwoch den 28. Mai 11 Uhr Vorm, in demselben Lokale eröffnet. Die Diskussion über den Antrag Badt wird fortgesetzt. Nach Verlesung des Protokolls der ersten Sitzung erhält das Wort Dr. B adt-Brcslaa: Die Beweggründe zu seinem Anträge seien weniger die letzten Aeußerungen im Abgeordneten- und Herrenhause, als die Thatsachcn, daß überhaupt so vielfach über uns und unsere Religion hämisch und boshaft gesprochen wird, ohne daß nach außenhin dem mit Energie eutgegengetretcn werde. Er wisse, daß solche Erklärungen Gefahren in sich schließen, da die Gegner nicht immer mit ehrlichen Waffen kämpfen. Aber die Selbstachtung fordere es, daß man solchen Angriffen entgegentrete. Es sei von Wichtigkeit für die Kommission gewesen, nicht den Lehrinhalt der jüdischen Religion, sondern die mit anderen Religionen gemeinschaftlichen Lehren, deren Quelle die jüdische Religion ist, festzustellen. Redner verliest den von der Kommission entworfenen Wortlaut der Resolution. Er erinnert daran, was er schon am Abend vorher betont habe, daß die Versammlung reiflich erwägen solle, ob eine solch Resolution überhaupt abzufassen sei. Er selbst sei allerdings von der Ueberzeugung durchdrungen, daß sie unumgänglich nothwendig sei; aber er wolle sich gerne bessern und erfahreneren Nrtheilen unterwerfen. Falls aber die Resolntion beschlossen werbe, könne bas nur einstimmig geschehen, widrigenfalls ziehe er dieselbe zurück. Commissionsrath Mo ll-Vreslau zweifelt an dem Erfolge eines solchen Schrittes, weil nicht die Qualität, sondern auch die Quantität entscheiden müsse, und die Versammlung verhältnißmäßig zu gering an Zahl sei. Dr. Braun-Pleß ift mit dem Inhalt der Resolution vollständig einverstanden und erkennt auch die Nothwendigkeit dieses Schrittes gegenüber den antisemitischen Bestrebungen an. Er glaube nur, daß die Resolution nicht in die Kreise dringen werde, für die sie bestimmt sei, oder sie würde in den antiseinitischen Blättern nur widerwärtige, höhnische Diskussionen Hervorrufen. Auch die vom Gemeindebunde veröffentlichten Sätze hätten in dieser Beziehung keinen Erfolg gehabt. Im Grunde handle cs sich ja bei unseren Gegnern nicht um eine wissenschaftliche Ueberzeugung, sondern cs sei das böse Herz, das den Juden etwas anhängen wolle. Alexander-Breslau steht eittschieden auf Seiten des Antragstellers. Man müsse jede Zeit und Gelegenheit benutzen, um gegen die Angriffe auf uns zu protestircn und dürfe keine Faust in der Tasche machen. Die Resolution solle vor allem nicht auf die Antisemiten, sondern auf die etwas antisemitisch angehauchten Kreise wirken, die nicht oft genug über die Sittengcsctzc unserer Religion belehrt werden können. Es sei höchst bedauerlich, daß in dieser Hinsicht in den christlichen Kreisen eine krasse.Unkenntniß herrsche. Dr. Rosenthal-Breslau empfiehlt die Annahme der Resolution. Auch der Schtvache habe die Verpstichtling sich zu vertheidigen. Die Versammelten seien gar nicht gering an Zahl, da sie die Religionslehrcr von ganz Schlesien und Posen repräsentiren. Der Standpunkt der Resolution aber werde nicht nur von diesen, sondern von allen Juden gebilligt. Sie seien — als Fachleute — noch mehr zu einem solchen Schritte berechtigt, als der Gemeindebund. Die Resolution werde aber auch auf unsere Glaubensgenossen von Einfluß sein. Bei ihnen herrsche, da sie kaum zu den Quellen unserer Religion geführt werden, eine nicht minder große Unwissenheit, und mancher vielleicht zweifle, ob nicht doch etwas Wahres an den uns gemachten Vorwürfen sei. Veröffentlichen wir die Resolution, so können wir nichts verlieren, nur gewinnen. Dr. Braun-Pleß zweifelt schon deßhalb an einem Erfolge der Resolution, weil sie von den antisemitischen Blättern überhaupt nicht zum Abdruck gebracht würde.*) Der eigentliche Grund der Erfolglosigkeit aller Schritte liege darin, daß wir nicht im Stande seien, die Grundlage der antisemitischen Strömung zu beseitigen. Denn in allen christlichen Religionsbüchern werde das Judcnthum als niedriger und längst überwundener Standpunkt hingestellt, und das werde den Kindern mit großem Nachdruck eingeschärft. Wenn in dieser Weise bei der Erziehung der Gegensatz zum Judenthum betont werde, so seien wir dagegen und gegen die Erfolge solcher Lehren völlig machtlos. Dr. Cohn-Kattowitz empsiehlt heute ebenfalls die Annahme der Resolution und stimmt vor allem den Ausführungen des Herrn Alexander-Breslau bei. In den antisemitisch angehauchten Kreisen werde die Resolution rioch den einen oder anderen belehren und überzeugen. Auch müsse man stets an den alten Spruch gni taeet u. s. w. denken. Wenn man sich wehre, so bleibe — im guten Sinne — doch immer etwas haften. Der Schluß der Generaldebatte wird beantragt und angenommen. Die Resolution wird darauf von der Versanimlung einstimmig angenommen. Der Wortlaut derselben wird in ciilgchcuder Spczialdebatte durchberathen und wie folgt festgesetzt: Gegenüber den verletzenden Urthcilen, welche wiederholt in jüngster Zeit über die jüdische Religion und ihre Bekenner gefällt worden sind, erklärt die Generalversammlung des Vereins israel. Lehrer in Schlesien und Posen, deren Mitglieder sämmtlich Lehrer der jüdischen Religion sind, auf e instimmi gen Beschluß Folgendes: 1. Wer behauptet, daß der Moralbegriff der jüdischen Religion in irgend einer Beziehung niedriger stehe, als der Moralbcgriff irgend einer anderen Religion, der kerint entweder die jüdische Religion nicht, oder will sie nicht ken nen. 2. Jedes Lehrbuch der jüdischen Religion, gleichviel welcher religiösen Richtung entstammend, gleichviel in welcher Sprache geschrieben, dient zum Zengniß, daß wir eine Religion bekennen und lehren, welcher die Menschheit die zehn *) Anmerkung der Redaction: Ta hatten wir doch unseren Vorschlag: „Massenverbreitung philosemitischer Schriften" für weit zweckentsprechender, da wir hierbei von der Gnade einzelner Blätter nicht abhängig sind und leichter in die Kreise dringen können, die einer Aufklärung bedürfen.