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Der Israelit · 1890-06-12 · Heft 46 (12.6.1890) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 46 (12.6.1890)
Date
1890-06-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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824 Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 11. Juni. Unsere Religionsgesellschaft, unsere Stadt und das gesammte Judenthum, alles Edle und Humane, alle Freunde des Rechtes und der Wahrheit, der reinen Menschenliebe und Gottesfurcht haben einen Verlust zu beklagen, von dessen erschütternder Bedeutsamkeit die Hand zittert, welche ihn in Worte kleiden möchte. — Am Freitag, den 19. Siwan hat Herr Benjamin Roos y'üT seine reine Seele ausgehaucht, und am Sonntag, den 21. Siwan wurde feine irdische Hülle zu Grabe getragen. Die ungewöhnliche imposante Bctheiligung von Hoch und Nieder, Groß und Klein aller Konfessionen und religiösen Richtungen legte Zeugnis; davon ab, daß es kein gewöhnlicher Manu war, dem hier die letzte Ehre erwiesen wurde. Benjamin Roos, geboren zu Jugenheim in der Pfalz, war der Sohn des vor ungefähr Jahresfrist dort verstorbenen Bürgermeisters Bernhard Roos, eines durch vielseitige Vorzüge des Geistes und Herzens hochgeachteten Mannes. Schon in früher Jugend kam Benjamin Roos nach Frankfurt a. M. und zog durch seine ausgezeichneten Tugenden die öffentliche Aufmerksamkeit in dem Grade auf sich, daß er als 25-jähriger junger Mann bereits in den Vorstand der damals eben ins Leben getretenen israelitischen Religionsgcsellschaft gewählt wurde. Dieses Ehrenamt bekleidete er seitdem ununterbrochen bis zu seinem Tode, volle 32 Jahre. Er verheiratete sich mit einer Tochter der hochachtbaren Familie Wallach, verlor aber nach wenigen Jahren die treffliche Gefährtin seines Lebens, nachdem ihre Ehe mit 3 Töchtern und einem Sohn beglückt worden war. Zum Weiten Male verheiratete sich derselbe mit einer sachter von Rabbiner Hirsch um dem Manne, dem er durch Geist und Gesinnung so nahe stand, nun durch das Band der Familie noch näher zu treten. Aus dieser Verbindung erblühte nun ein Lebensglück, dessen herrlicher Sinn für die Familie, die Gemeinde, das gesammte Judenthum, weit hinaus über die gewöhnlichen Grenzen sich ergoß. Der helle Blick des Geistes von Rabbiner Hirsch, die Tiefe seines Gemüths, die Höhe seiner Welt- und Lebensanschauung, seine Erziehnngswcishcit, kurz das ganze herrliche Jugendideal, welches der Leitstern für Benjamin Roos' Leben und Wirken war, war nun an seinem eigenen Heim verkörpert, und trat überall zu Tage. Mit einer Liebe und Hingebung, die keine leibliche Mutter in höherem Grade betätigen könnte, über-! nahm nun die zweite Mutter die Erziehung und! Ausbildung der damals noch unmündigen Kleij nen, und dieselbe ist ihr Hand in Hand mit dem! theneren Gatten, in einer Weise gelungen, welche i die Familie als das leuchtende mustergiltige Bei-! spiel eines wahrhaft jüdischen Hauses erscheinen I läßt. „Sie hat sich an jedem einzelnen der vier Kinder einen besonderen Sitz im Gan Eden verdient," äußerte sich der Edle hierüber, dem Schreiber dieser Zeilen.! Aber dieser Segen ging weit über den engen j Kreis der Familie hinaus. Seit einer langen Reihe von Jahren hatte Roos sich vom geschäftlichen! Leben fast ganz zurückgezogen, um seine ganze Zeit und Kraft jüdischen und gemeinnützigen Zwecken widmen zu können. Besonders aber waren es die Kaschruth-Anstalten der Gemeinde, welchen seine rastlose Thätigkeit und Aufmerksamkeit galt. Daß diese so mustergiltig organisirt und beaufsichtigt sind, daß sie die praktische Erfüllung der göttlichen Gesetze, die sonst mit so großen Erschwerungen verbunden sind, geradezu zu einem freudigen Genuß gestalten, ist in hervorragender Weise sein Verdienst. Wie er die Geschäfte der Gemeinde, ihre Bücher, Kassen, kurz alle ihre Angelegenheiten leitete, wie und mit welchem Erfolg er sic in der Oeffentlichkeit und vor den höchsten Behörden vertrat, das muß man selbst gesehen Haben, um es in seinem ganzen Umfang würdigen zu können. Aber sein Wirken ging weit über die Grenzen seiner Gemeinde hinaus. Wie war er ein Berather, Helfer und treuer Annehmer der Armen und Unglücklichen, die ohne Unterschied der Confession und der religiösen Richtung sein Haus aufsuchten und es nie ohne Rath und Beistand verließen! Ganz besonders waren es die Armen des heiligen Landes, für die er mit ganz ungewöhnlicher Hingebung eintrat; daß die Errichtung eines Spitals in Jerusalem wieder in ein Stadium gebracht wurde, welches die Hoffnung nicht ausschließt, daß sich das große Unternehmen doch noch verwirklichen werde, ist nächst Gottes Hilfe sein Verdienst. Wo es galt eine Calamität abzuweuden, einen Fortschritt zum Guten zu verwirklichen, einem Unrecht zu steuern und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, überall war es dann Benjamin Roos, der sich an die Spitze stellte und durch sein Beispiel die anderen zu gleicher That begeisterte. Und denselben Eifer, den der Edle für specifisch jüdische Angelegenheiten entfaltete, belebte ihn auch für städtische und politische Anliegen. Er war

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