Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 45 (9.6.1890)
- Date
- 1890-06-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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814 mitgebracht und hatten, nachdem sie zur Herrschaft gekommen waren, den Haushalt von Grund aus umgestaltet. Die Mädchen, welche ehemals hätten befürchten müssen, von ihren Eltern verstoßen zu werden, wenn sie an solchen Putz auch nur gedacht hätten, fingen an. sich städtisch zu kleiden — so war Alles verschönert und verbessert; nur der eiserne Kasten mit seinen fünf Schlössern war in die Rumpelkammer gewandert, denn er hatte keine harten Thaler und noch viel weniger klingende Goldstücke zu verwahren. Und zu allen diesen Verbesserungen hört man nur Klage, nichts als Klage über die schweren Haushaltskosten, die schweren Kapitalszinsen, die schweren Steuern, die schweren Gesinde- und Arbeitslöhne, und das Alles, hieß es, hat uns die Preußenherrschaft gebracht. Nur Eins war unverändert geblieben: das freundliche und freundschaftliche Einvernehmen zwischen den Juden und der Bevölkerung. Von irgend welch' antisemitischen Regungen war damals auch noch nicht die leiseste Spur vorhanden. Allein die mit großer Aufregung gepaarte Unzufriedenheit wollte in irgend einer Weise und nach irgend einer Seite hin sich auslassen und diese Richtung sollte ihr bald gezeigt werden. Zunächst haben wir nun aber auch die Veränderungen darzustellen, welche mittlerweile mit den Juden vorgegangen waren. Das Jahr 1866 war ein Jahr der Erlösung für den hessischen Juden; er konnte nunmehr betreiben, was er wollte, und er hat diese Freiheiten auszunutzen verstanden. Der größte Theil, vielleicht 90 Prozent, der Juden hatte mit schweren Sorgen zu kämpfen und vermochte nur mit Mühe, Anstrengungen, Entbehrung, überhaupt durch eine Lebensweise von der größten Einfachheit und Aermlichkeit sich und die Familie zu ernähren. Es ist kaum glaublich, wie beschränkt und armselig so ein jüdischer Haushalt, selbst derjenigen, welche schon nicht mehr zu der ärmeren Klasse gezählt wurden, beschaffen war, und mit wie Wenigem so eine jüdische Familie auszukommen suchen mußte. Das war von Grund aus anders geworden. Sie wußten sich allesammt nicht nur gut zu ernähren, sondern konnten auch noch etwas erübrigen, blieben aber dabei so sparsam, so einfach in ihrer Lebensweise, so überaus haushälterisch in ihren Ausgaben gerade wie früher. Was Wunder, daß die Juden Hessens sich schon nach einem Jahrzehnt eines allgemeinen Wohlstandes erfreuten. Aber nicht nur die Handelsfreiheit, auch die Freizügigkeit wußten sie auf das Vortheilhafteste zu benutzen. Sie verlegten ihren Wohnsitz nach denjenigen Orten, welche außerhalb des Bereiches der ehemaligen Konkurrenz lagen und die meisten Aussichten zu lohnendem Erwerb boten. Die meisten jedoch, überhaupt ein Jeder, der nur irgend einen solchen Umzug bewerkstelligen konnte, wandte sich den größeren oder kleineren Städten zu. Den Antrieb empfingen aber diese jüdischen, sich nach den Städten hinwendenden Zuzügler nicht durch etwaige Handelsvortheile oder sonstigen Verdienstquellen, welche dort winkten — das darf mit der größten Bestimmtheit behauptet werden — sondern fast ausschließlich durch das eifrigste, geradezu leidenschaftliche, kein Opfer scheuende Bestreben, den Kindern eine bessere Erziehung und eine gründlichere wissenschaftliche Bildung geben zu lassen. Dieses Bestreben theilen die hessischen Juden mit allen ihren jüdischen Brüdern, und es ist dies ein Vorzug, den sie sich nicht nehmen und verkümmern lassen sollen, selbst wenn er vom Antisemitismus zum Verbrechen gestempelt werden mag. Die deutsche Regierung möchte ich sehen, welche es wagen könnte, auch nur mit einem Worte dem Bildungsstreben der Juden entgegen zu treten. Das kann man in Rußland; allein in Deutschland soll man das nicht ungestraft thun dürfen. Durch alle diese grundstürzenden Veränderungen, welche durch die Einverleibung Hessens in Preußen herbeigeführt wurden, veranlaßt, traten viele Uebelstände, wirkliche und vermeintliche, zu Tage. Aber wahrlich mehr vermeintliche als wirkliche. Der nächste und empfindlichste war offenbar der rasche und sehr merkliche Rückgang des Bauernstandes. Immer häufiger wurden die Zwangsverkäufe und freihändigen Veräußerungen von Bauerngütern. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 3. Juni. Die Arbeiterschutzkommission des Reichstags setzte heute die Berathung der Novelle zur Gewerbeordnung fort. Die zu Absatz 2 des 8 105b — welcher von der Sonntagsruhe der im Handelsgewerbe beschäftigten Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter handelt und in der Fassung der Regierungsvorlage lautet: „Im Handelsgewerbe dürfen Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter an Sonn- und Festtagen nicht länger als fünf Stunden beschäftigt werden. Die Stunden, während welcher die Beschäftigung stattfinden darf, werden unter Berückstchtigung der ür den öffentlichen Gottesdienst bestimmten Zeit von der Polizeibehörde festgestellt, die Feststellung kann für verschiedene Zweige der Handelsgewerbe verschieden erfolgen. Für die letzten vier Wochen vor Weihnachten sowie für einzelne Sonn- oder Festtage, an welchen örtliche Verhältnisse einen erweiterten Geschäftsverkehr erforderlich machen, kann die Polizeibehörde eine Vermehrung der Stunden, während welcher die Beschäftigung statt-