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Der Israelit · 1890-06-09 · Heft 45 (9.6.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 45 (9.6.1890)
Date
1890-06-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage M M 45 des Israelit" & Ieschurun". Leitender Artikel. EMehung und Kedeutuns des Autlseoitttsmus in Hellen. Von Dr. I. Rülf in Memel. II. Wie wenn plötzlich ein Volk in eine andere Welt oder in ein anderes Zeitalter versetzt würde, so wirkte auf das kurhessische Volk nach langer Unterdrückung und Mißrcgierung seine Einverleibung in Preußen. Unter den Juden herrschte, wie das nicht anders zu erwarten war, rückhaltlose Freude, heller Jubel. Wir können diese Thatsache nicht besser illustriren, als durch ein ganz einfaches und unscheinbares Vorkommniß: In Zierenberg bei Kassel, dem Geburtsort meiner Frau, lebte ein wenig bemittelter Jude mit Namen Gerson. Der Mann hatte eine zahlreiche Familie, die er nicht ausreichend zu ernähren vermochte, weil er zu keinem Geschäftsbetrieb eine Konzession erlangen konnte. In aller Heimlichkeit hatte er sich einen kleinen Branntweinschank angelegt. Der Gensdarm des Ortes, welcher in der Nähe wohnte, sonst ein guter, mitleidsvoller Mensch und befreundet mit der Familie meiner Schwiegereltern, brachte den Mann, mehrfach zur Anzeige und Bestrafung. Der Mann befand sich in einer verzweiflungsvollen Lage, da er bei fernerer Anzeige einer empfindlichen Gefängnißstrafe entgegenging. Am Tage, da die Freudenbotschaft angelangt war: „Wir Hessen sind preußisch geworden" und der Gensdarm wie tagtäglich an dem Häuschen des Gerson vorüberging, da öffnete dieser das Fenster, und dem Gensdarm ein Glas Branntwein entgegenhaltend, rief er: „Prosit, Herr Gensdarm! Hurrah, Preußen soll leben!" Still und gesenkten Hauptes schritt der Gensdarm am Fenster vorüber. Die hessischen Juden hatten wohl Ursache zu jubeln, wie damals, so noch, trotz der antisemitischen Bewegung, bis zur dieser Stunde. Die übrige Bevölkerung, mit Ausnahme der politisch reiferen Elemente, besonders aber die Landbevölkerun g nahm die Botschaft mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Jetzt werden wir das Dreifache an Steuern zahlen müssen; jetzt wird Alles in die Uniform gesteckt werden; jetzt wird der Korporal mit seiner Fuchtel das Land beherrschen; jetzt kommen wir unser Lebenlang aus dem Gamaschendienst nicht heraus — so hieß es überall. Eine gar seltsame Unruhe bemächtigte sich aller Gemüther; der Pulsschlag einer neuen Zeit regte sich in der Bevölkerung, und für diese Zeit hatte man noch kein Verständniß und war man noch nicht genügend vorbereitet. Es dauerte länger als ein Jahrzehnt, bis man sich einigermaßen eingewohnt und eingelebt hatte — mit jenem ehemaligen patriachalisch-genügsamen, mit jenem stumpfen und trägen Ruheleben war es jedoch für alle Zeiten zu Ende. Es kamen die welterschütternden Ereignisse des Jahres 1870/71. Deutschland hatte als Siegespreis zunächst sich selbst gewonnen, das deutsche Kaiserthum war wieder erstanden glorreicher und gefestigter als je; es wurde nunmehr zu den Wahlen , bald zum preußischen Landtage, bald zum deutschen Reichstage, geschritten. Mit den Wahlen begann das Wühlen. Alle die verschiedenen Parteien: Fortschrittler, Nationalliberale, Konservative, Ultramontane und bald auch die Sozialisten haben sich auf dem verhältnißmäßig kleinen Bezirk zu tummeln angefangen; was Wunder, daß die Bevölkerung durch alle die politischen Begebenheiten und Anforderungen bis ins innerste Wesen und Leben hinein aufgerüttclt und aufgeregt werden mußte, allein zur Befriedigung und Zufriedenheit konnten diese Zustände nicht führen. Im Jahre 1882 Hab: ich meine hessische Heimath zum letzten Male besucht und war verwundert über die Wandlung, welche mit der Bevölkerung und ihren Wohnorten vorgegangen war. Konnte ich mich doch in meinem Geburtsorte, einem kleinen Dorfe nahe bei Marburg, absolut nicht mehr zurechtfinden. Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude waren erneut, wohl auch von Grund aus neu aufgebaut und prangten in neuem farbigen Anstrich. Die Dorfstraßen waren ganz anders gelegt, feste und fahrbare Steinbrücken führten über den Bach, wo ehemals nur Holzstege für Fußgänger sich befanden. Eine prächtige aus rothem Sandstein aufgeführte, noch ganz neue Kirche vollendete die ganze Wohleinrichtung des Ortes. Und welche Veränderungen waren erst im Innern der Wohnhäuser vorgegangen. Die erwachsenen Söhne, welche in den Garnisonsstädten ihre Militärzeit zugebracht, hatten von daher, nachdem sie ihren Eltern ein gut Stück Geld gekostet, städtische Allüren und das Streben nach städtischer Einrichtungsweise

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