Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 45 (9.6.1890)
- Date
- 1890-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448067--30147-2477911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
808 keinen Einwand zu erheben, falls er so zu verstehen sei, daß nicht mehr diesem Landtag, sondern erst einem späteren eine bezügliche Vorlage gemacht werden solle. Redner hebt hervor, der Entwurf habe ja anfänglich eine bezügliche Bestimmung schon enthalten. Auf die Verhältnisse des israelitischen Kultus selbst eingehend führt Redner aus, daß den Israeliten schon längst ein kirchliches Besteuerungsrecht eingeräumt gewesen sei, um sich dann über die gesammelten bezüglichen gesetzlichen Bestimmungen zu verbreiten, die seit der sogenannten Judenemancipation Geltung haben. Redner ist der Ansicht, daß die Negierung keinen Anlaß habe einzuschreiten, so lange die Israeliten mit diesen Bestimmungen sich zufrieden geben. Wolle eine Verschärfung herbeigeführt werden, die den Austritt erschwere, so sei wohl das Besteucrungswesen damit gleichzeitig in Betracht zu ziehen. Eine Gesetzesvorlage würde jedenfalls auch diesen Punkt einschließen. Diese Fragen würden auch bei Feststellung des allgemeinen Kirchensteuergesetzes zu erwägen sein. Abg. Kiefer dankt dem Regierungsvertreter für seine Ausführungen. Es lägen hier Bestimmungen vor, die veraltet seien und Aenderung erheischten. Die Form der Gesetzgebung hält Redner für die einzig richtige, um eine gründliche Abhilfe herbeizuführen. Dem nächsten Landtage würde eine bezügliche Vorlage zu machen sein. Empfiehlt den Antrag der Kommission. Nach einem Schlußwort des Berichterstatters wird der Kommissionsantrag angenommen. Laupheirn. Heute kann ich Ihnen, Herr Redakteur, die erfreuliche Mittheilung machen, daß nach dem Beschlüsse der Majorität des Vorstandes und unter Znstintmung des Oberkirchenrathes vorerst die Orgelfrage in Berücksichtigung der hiesigen Verhältnisse, d. h. um den so schwer gefährdeten Frieden innerhalb der Gemeinde zu erhalten, aä aeta. gelegt wurde. Zwar gibt es jugendliche Stürmer, die ihre Hoffnung nicht aufgeben, unsere Gemeinde doch noch aus die „Höhe der Zeit" zu bringen und unter günstigeren Verhältnissen mit der Orgel zu beglücken. Es ist merkwürdig, daß so Viele, die im Leben sich um Religion und religiöse Dinge nicht kümmern, ja, es mit der heutigen Bildung unvereinbar finden über das religiöse Gebiet anders als mit einem geringschätzigen Achselzucken zur Tagesordnung überzngehen, geradezu ihren Kops darauf setzen, den Gottesdienst verherrlichen, die Andacht heben zu wollen, und sei es nur, um die — Anderen zu ärgeru. Denn, wenn sie es durchgcsetzt haben, werden sie gerade die Gleichgiltigsten und lassen sich selbst durch die brausendsten Orgelklänge nicht locken, auch wenn sie geschäftlich nicht verhindert sind, ihre — Cigarre wegzulegen, um sich in die so eifrig angestrebte erhöhte Andacht zu versetzen. Interessant und lehrreich ist die Aenßernng eines Mitgliedes des hohen Kirchenrathes, das die Orgel in der Synagoge als ein die Andacht st ö r e n d e s I n st r u m e n t erklärte. Uebrigens hört man vielfach von Besuchern der Orgelsynagogcn die Bemerkung, daß das Orgelgebrause alle Stimmen übertöne, eine Gebetsstimmung nicht aufkommen und das Gebet nicht zum Ausdruck kommen lasse, daß man geradezu im Beten gestört werde. Wenn man sich keine Blöße geben und sich nicht schämen würde, als Rückschrittler verschrien zu werden, man würde zu dem altehrwürdigeu Gottesdienste zurückkehren, der feinen Höhepunkt im Gell et e suchte und fand und die Synagoge nur zum Gotteshause stempelt, nicht aber zu einer Musikhalle. Doch so weit sind wir in unserem Württembergerländle noch nicht; bei uns gehts langsam. Daß aber unser Stuttgarter Oberkirchenrath sich über die Orgel, wenn auch nur in privatem Kreise, so äußert, das dürfte draußen im Reich doch überraschen. Adelsheim, 28. Mai. In Folge eines Bittgesuchs der hiesigen israelitischen Gemeinde wurde ihr von unserem Landesfürstcn eine Unterstützung zum Ausbau der bereits im Rohbau vollendeten Synagoge huldvollst zugewiesen. Berlin, 29. Mai. In den Räumen der hiesigen Philharmonie tagte dieser Tage eine nach Tausenden zählende Versammlung deutscher und deutsch-österreichischer Jugendbildner. Die Tagesprcsse gibt — je nach ihrer politischen Richtung — die Reden und Beschlüsse derselben in weitern oder kürzer» Auszügen wieder. Zwei Thesen, welche von der Versammlung angenommen wurden, sind es, die insbesondere die Leser Ihres geschätzten Blattes interessiren dürften. „Die Schule ist eine Stätte des Friedens, an welcher die Kinder aller Staatsbürger in gleicher Weise unterrichtet und erzogen werden sollen." „Die Thätigkeit der Schule ist auf die Zukunft gerichtet, indem sie eine charaktervolle Jugend e r z i e h e n s o l l, w e l ch e, frei von Klaffenhah und erfüllt von wahrer Religiosität und Vaterlandsliebe befähigt ist, dereinst ein urtheilsfähiges und t hatkrä ft i g es Glied der Nation zu werd en." Dieser Geist, diese edlen menschlichen Gesinnungen durchzog alle Reden in dieser Versammlung.