Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 44 (5.6.1890)
- Date
- 1890-06-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1 i i>)innpfPgpWPTOPwi|ilj||Li .^Kvtv, f94 brüchcn der Rohheit und Barbarei kam es selten, zumal 'der Jude sein Recht und seine Person zu vertheidigen wußte, wenn es nicht anders ging, dann auch mit der Faust — und ich hätte keinem wünschen mögen, der Macht und Wucht der Faust eines solchen jüdischen Viehhändlers zu verfallen, denn der hätte — um das Kraftwort eines solchen zu gebrauchen — seine Knochen hinter dem Zaune suchen können. Geselliger Verkehr bestand zwischen Inden und Christen an den kleineren Ortschaften fast gar nicht. Die strenge Rcligiösität auf beiden Seiten, die scharfe Scheidung der Nationalitäten und Sprache, Sitte, Lebensweise, Gehaben und Gebaren, ließ einen solchen Verkehr kaum aufkommen. Trotz alledem bildeten sich zwischen einzelnen Juden und Christen, besonders auf dem Lande, Freundschaften von solch' herzlicher und inniger, treuer und reichhaltiger Art, wie sie in der großen Welt selten oder nie vorzukommen pflegen, Freundschaften, die selbst mit dem Tode nicht abgeschlossen waren, sondern vom Vater auf den Sohn sich forterbten. Betrug, Unredlichkeit, Täuschung, Uebervortheilung im Handel und Wandel kam selten vor; denn erstlich ist der hessische Bauer und Kleinbürger überaus mißtrauisch, engherzig und dabei klug und gerieben, derart, daß er sich zu rühmen pflegt: „Ich uze dir den Inden zehnmal in den Sack und zehnmal wieder heraus"; dann aber galt auch dem Juden nicht blos von Seiten der Moral, sondern auch von Seiten der Geschäftsklugheitt die Ehrlichkeit und Redlichkeit und die hierauf begründete Geschätztheit und Beliebtheit bei Bürgern und Bauern als Haupt- und Grundbedingung alles Verkehrs. „Thakif", das heißt geschätzt und geachtet zu sein, das war sein eifrigstes Bestreben und sein schönster Ruhm. Selbst bei Heirathsvorschlägen war die erste Frage danach und galt cs als allerbeste Empfehlung: „Er ist Thakif bei Goi und bei Jüd'." Wer sich als unredlich zeigte oder leichtfertig mit Wort und Wahrheit umging, der war verachtet nicht nur bei Bürger und Bauer, sondern noch weit mehr bei seinen jüdischen Glaubensgenossen. „Es ist bei ihm ka Wort und ka Weis", damit war die Person abgethan, vielleicht für ihr ganzes Leben. Wer gar wegen keiner Unredlichkeit irgend einmal eine Strafe hatte erdulden müssen, der wurde verachtet, verstoßen, von allen Ehren ausgeschlossen, weit über Recht und Gebühr. So war es vor 25 Jahren, und so wird cs bei dem zähen Festhalten am Alten und Hergebrachte!', welche Eigentümlichkeit der hessische Jude mit der übrigen Bevölkerung theilt, wohl auch heute noch sein. Wenn hier und da Klagen gegen einzelne Juden laut wurden, so richteten sich diese gegen die äußerst wenigen, theilweise sehr vermögenden Kapitalisten in den kleineren Städten und auf dem Lande, in deren Händen sich auch die bedeutenderen Manufactur- und Produktengeschäfte befanden. Wenn nämlich alle Jahrzehnt ein-, zwei-, höchstens dreimal in der ganzen Gegend ein Bauerngut zur Subhastation kam, daun hieß es sowohl unter Juden als auch unter Christen, das hat keiner weiter verschuldet als der und der. Gemeint war der jüdische Kapitalist, welcher das Gut hatte zur Subhastation kommen lassen. Unter den Christen hieß es, den haben wieder die Juden zu Grunde gerichtet, die Juden, von welchen ganz gewiß 95 Prozent und mehr stets den Bauern Geld schuldig waren, aber nicht die Bauern ihnen. Und unter den Juden hieß es: „Der macht da wieder ein großes Rischus" (viel böses Blut), das ist ein wahrer „Chillul-Haschem" (Entweihung des geheiligten Namens, sowohl Gottes als des israelitischen Volkes). Möglich, daß die öffentliche Meinung Recht hatte, möglich, aber auch nicht; denn gewöhnlich mußte gleichzeitig zugestanden werden: der Bauer hat aber auch ganz unverantwortlich gewirthschaftct; er war ein Trunkenbold, ein unsittlicher Mensch, der sich ewig in der nahen Stadt yerumtrieb und um die Bewirthschaftung seines Gutes sich nicht kümmerte. Denn wenn ein Bauer bei der hohen Ertragsfähigkeit des Bodens und der einfachen Lebensweise auf dem Laude auch nur fünf Morgen Landes in guter Lage besaß, so war er ein vermögender Mann; sein Gütchen repräsentirte dann schon einen Werth von 2000 Thalern; ein sehr respektables Vermögen für einen Landbewohner. Wie die Dinge damals lagen und wie sie vielleicht auch noch heute liegen, bildete die jüdische Bevölkerung den größten Segen für den Landbewohner. Der Jude machte Alles zu Geld und bezahlte alle Produkte des Ackerbaues und der Viehzucht mit den höchsten Preisen; dafür sorgte die große Konkurrenz unter den Juden und die geriebene Schlauheit der Bauern. Selbst dasjenige, was in irgend einem Winkel verfault uud verkommen wäre, konnte an den Juden verkauft und dafür noch ein kleiner Erlös erzielt werden. Alle seine Bedürfnisse erhielt der Bauer gleichfalls zu den billigsten Preisen in das Haus geliefert. Ein doppelter Segen für den Bauer; denn wenn alle diese Dinge in der Stadt verkauft oder in der Stadt gekauft wurden, so konnte es sich ereignen, daß bei dieser Gelegenheit mehr verzehrt uud verthan wurde, als die ge-