Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-06-02 · Heft 43 (2.6.1890) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 43 (2.6.1890)
Date
1890-06-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448065--30116-2477878
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

zahl von 191 Personen, sowie eine Einnahme von fl. 1500 und eine Ausgabe von fl. 1462 ausweist, wurde genehmigt. Prag. Am 13. April d. I. haben sich ungefähr 200 Vorsteher der böhmischen Judengemeinden, einer Einladung des „Centralvereius für jüdische Angelegenheiten" zufolge, in Prag eingefunden, um gemeinsam zu berathen, welche Wege einzuschlagcu und welche Mittel angewendet werden müssen, inn in Zukunft das Heil und Wohl der böhmischen Cultusgemeinden nach jeder Richtung hin fördern und den kalten, frostigen, alles Heilige und Religiöse verheerenden und zerstörenden Jndifferentismus, der Hierlands seit mehreren Dezennien gewaltig nmsichgegriffen und das prachtvolle, imposante Religions-Gebäude, das den Stürmen aller Zeiten zu trotzen vermochte, in seinen Grundfesten erschüttert bat, bannen zu können. Wahrlich ein höchst lobenswerthes Vorhaben. Nun höre man aber, welche Mittel diese Herren, unter denen so mancher nur dem Namen nach noch dem Judenthumc angehört, vorgeschlagen. Während die hohe Regierung, wie sie es in den Motiven des neuen Gesetzes ausdrücklich betont, „den Rabbiner als einzigen Träger geistlicher Thätigkeit in der Gemeinde betrachtet und daher die Stabilität des Amtes wünscht, wollen jene Herren den Seelsorger in Böhmen nach wie vor nur als „Domestik", oder „Schames" betrachtet wissen, was aus folgenden Aeußerungeu des Vorstehers M. klar und deutlich zu entnehmen ist. Herr M. rief mit Pathos aus: „Es ist jetzt unsere Aufgabe, meine Herren, ein Statut zu verfassen, welches den Verhältnissen der Gemeinden, anpassend, sich genau und präcis aussprechen muß, was eben jede Gemeinde will u. s. w. Nur möchte ich an Sie die Bitte richten, daß wir in diese Statuten solche Paragraphe aufnehmen, welche auch die Autonomie der Gemeinden voll und vollständig wahren und daß wir uns nicht selbst Paragraphe | hineingeben, die uns manchmal den Lebensnerv in , vieler Beziehung unterbinden würden. Es ist daj her dringend nothwendig, wenn wir überhaupt, was die Cultusgemeindc-Beamten anbelangt, gar keine Person nennen, sondern in den betreffenden Paragraphen nur von Beamten der Cultusgemeinden sprechen. Diese Beamten der Cultusgemeinde — sie können dann sein wer sie wollen — haben sich vollständig den Statuten und Anordnungen des Vorstandes zu fügen, möge es der Rabbiner, möge es der Cantor, Lehrer oder sonst irgend ein anderer Beamter (d. h. Schames) sein. Wir wollen uns nicht binden, wie viele Beamten oder wie wenige wir anstelle» wollen in den Gemeinden. Wenn ( wir aber im vorhinein grns schon eine Richtschnur stellen, was der Rabbiner oder ein anderer Beamter für Funktionen auszuführen hat, so haben wir natürlich dann kein Recht, diese Bestimmungen, wenn wir sie später nicht in Ordnung finden, außer Acht zu lassen, also ich denke, wenn wir solche Paragraphe aufnehmen, welche die Autonomie der Gemeinden vollständig wahren, und zwar in einer Weise wahi reu, daß kein Beamter irgend einen Einspruch über Beschlüsse des Vorstandes erheben kann, so glaube ich, ist damit schon etwas geschaffen." — Nicht „etwas" mein lieber Herr M., sondern „viel" wird | damit geschaffen sein, so viel, daß in Zukunft — j ist doch jetzt schon der Rabbinermangel überall sühl-! bar — kein anständiger, charaktervoller junger s Mensch sich entschließen wird, seine Zeit und Kraft i den nicht so leicht bewältigenden talmudischen, rabj binischen, philosophischen Studien zu widmen, um i am Ende in einer Gemeinde als untergeordneter! Domestik und als Chasan, Lehrer oder Schames ' auf drei Jahre angestellt zu werden. Und was soll ' aus dem Judcnthum werden, wenn die Kenntniß der Thora gänzlich aus seiner Mitte schwindet? Die Zeit, wo es in jeder Gemeinde viele Laien gegeben, die hebräisches und sogar talmudisches , Wissen hatten, ist leider vorüber, wenn nun auch keine würdigen Rabbiner zu finden sein werden, denn die würdigen werden durchaus nicht eine Stelle annehmen, wo sie der Laune und Willkür des Vorstehers preisgegeben sein würden, wie soll dann das Judenthum sich erhalten können? In früheren Zeiten wurde überall der Rabbiner — in den kleinen böhmischen Gemeinden ausgenommen, weil sie keine Rabbiner, nur einen More Zedek, ein Manu für Alles hatten — als Mara deatra, Herr des Ortes, betrachtet und hochgefeiert, daher das religiöse Leben in den Gemeinden, obwohl damals weder die inneren noch die äußeren Rechtsverhältnisse gesetzlich geregelt waren, sich der schönsten Blüthe und Prosperität erfreute. Und beute, in einer Zeit des Fortschritts und der Bildung, in einer Zeit, wo bei allen Eonfessionen der Seelsorger die geachteste Stellung einnimmt, will man den jüd. Seelsorger zum Heloten herabwürdigen, ohne zu bedenken, daß nicht die Männer des Geldes, nicht die Männer der Industrie und des Handels, sondern die der Wissenschaft, die Männer der Thora cs stets waren, die für die Lehre und Ehre des Judenthums in Wort und Schrift eingestanden, das Judenthum nach außen würdevoll repräsentirt und die boshaften Vorwürfe und Verleumdungen der Antisemiten gründlich widerlegt und ihre gefährlichen Pläne vereitelt haben. (Nzt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.