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Der Israelit · 1890-06-02 · Heft 43 (2.6.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 43 (2.6.1890)
Date
1890-06-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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778 Wöhlerschule unter 445 141 jüdische Schüler, es mag ja wie durch die Rücksicht auf die katholischen, so auch durch die Rücksicht auf die jüdischen Schüler manche Jnkonvenieuz hervorgetreten sein, aber sie ist eben als das behandelt worden, was sie wirklich ist, als geringfügig im Hinblick auf die gesammte Aufgabe der Schule, sie ist nie an die große Glocke gebracht worden, die Frankfurter höheren Schulen aber halten den Vergleich aus mit den besten auch der Theile der Monarchie, in denen die jüdische Bevölkerung die minimalste ist. Eine in den Verhältnissen begründete Beschwerde ist es also nicht, die vorgebracht worden ist. Herr v. Kleist-Retzow hat in seiner geraden, offenen Art es herausgesagt: die Juden sind uns nun einmal antipathisch, darum müssen sie fort.. Es handelt sich gar nicht nnr deutsche und christliche Bestrebungen, die hier zum Ausdruck kommen, sondern um Rassenhaß und Fanatismus, um jene Elemente, die len iilnereu Frieden bedrohen. Diese Herren Konservativen treiben aus der Tribüne unseres Landtages die schlimmste Demagogie. Wir haben in unseren Lehrerkreisen zumal unter den jüngeren, deren Studienzeit in die Zeit der Blüthe der antisemitischen jBewegung gefallen ist, und unter den minder Geisteskräftigen nicht wenige, die antisemitisch angehaucht sind. Diesen schwillt der Kamm, wenn sie die Reden vernehmen, die neulich im Herrenhause gehalten wurden. So wird Haß und Zwietracht da genährt, wo Liebe und Frieden unerläßlich sind. Wo die ganze Bewegung hinaus will, hat Herr v. Kleist-Retzow auch angedeutet, indem er ausrief: „Wir stehen erst am Anfänge!" Das Herrenhaus rühmt sich, die alten preußischen Traditionen zu bewahren. An welche Traditionen knüpfen die Herren Pfeil und Kleist-Retzow an? An die des Großen Kurfürsten, der die Hugenotten ausnahm, oder an die seines Gegners, der sie aus dem Lande gejagt hat? Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. D e u t s ch L a u d. Berlin. Der bekannte „alte Diplomat" veröffentlicht unter dem Titel „Sonnenschein" das vierte Heft seiner „Briefe an einen jungen Freund", aus dem wir nachstehende zwei Stellen entnehmen: Der Autor verlangt, „daß die neue conservative Partei sich die hohe Ausgabe stelle, der evangelischen Kirche eine auf einer kirchlich-geistigen Grundlage aufgebaute Verfassung zu erringen, damit sie, von bureaukratischer Einschränkung frei, an die großen Fragen und Ausgaben der Zeit auch ihrerseits würdig herantreten könne, statt sich unter der Aegide der „Kreuzzeitung" und der antisemitischen Hetzer auf die Wege eitler pietistischer und sophistischer Muckerei und Unduldsamkeit zu verirren!" Hierauf beschäftigt sich der Verfasser mit der „Kreuzzeitungsclique". „Diese Partei, welche niemals ehrlich im Kartell stand, sei der Krebsschaden des Kartells gewesen, und dazu die unglückselige Verquickung dieser Partei mit dem sogenannten Antisemitismus, diesem so überaus unglücklich gewählten Namen einer noch unglückseligern Sache. Ich habe meine Meinung über die gehässige und ungerechte Judenverfolgung schon früher ausführlich ' ausgesprochen; es sind dadurch viele, für eine gesunde und conservative Entwickelung des Staats¬ und Gesellschaftslebens wichtige und nützliche Elemente auf das Tiefste verletzt und entweder in erbitterte Opposition gedrängt, oder zu trauernder Unthä'igkeit verurtheilt worden. Man wird es bei Gott, einem Juden, der sich achtet, nicht verübten können, wenn er sich von einer Gesellschaft zurückhält, in welcher der bitterste Haß und die ungerechteste Verläumdung das große Wort führte. Man wird es kaum verurtheilen können, wenn er den Haß dem Haß entgegensetzt und sich den Parteien anschließt, die seine Stammes- und Glaubensgenossen vertheidigeu, auch wenn er mit deren sonstigen Zielen nicht übereinstimmt"!! (Hierin irrt sich aber der „alte Diplomat"; dem Juden ist cs verlöten, Haß nachzntrageu und geboten dem Feinde Gutes zu erweisen. Red. des „Jsr. u. Jesch.") Berlin. Die Firma V. Mannheimer hat aus Veranlassung ihres 50jährigen Geschäftssnbiläums laut „Confecrionair" 40,000 M. gestiftet zur Unterstützung hilfsbedürftiger Mäntelnäherinnen. Diese neue Stiftung wird, ebenso wie die schon bestehende für verarmte Schneidermeister, dem Magistrat unterstellt. Leipzig, 27. Mai. Der in England verstorbene Kaufmann Rosenberg hat zu Folge letztwilliger Anordnung seine Leiche verbrennen lassen und wurde seine Äsche jüngst auf dem hies. jüdischen Friedhof beigesetzt. Für die Gewährung dieses Wunsches wurde der Gemeindeverwaltung 10,000 M. vermacht. Der hiesige Rabbiner wurde in dieser Angelegenheit gar nicht gefragt! Bei einer jüngst stattgefundenen Todtenfeier gedachte aber der Rabbiner unter Andern auch des verewigten Romberg's. Vor wenigen Tagen starb hier ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Georgenhause, einer Anstalt für Obdachlose! Der Verstorbene war 20 Jahre steuerzahlendes Mitglied der hiesigen Gemeinde!!! Karl Wiesenthal. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Prag. Der Verein zur Beschaffung von Passahbedürfnissen, der es seinen Mitgliedern ermöglicht , ihren Bedarf an Mazzos und Fleisch, durch wöchentliche Einzahlung kleiner Beträge zu decken, hielt am 27. April seine Generalversammlung pro 1889/90, unter Vorsitz des Obmannes Herrn I. Jeiteles. ab. Der vom Cassier Herrn I. Perlitz verlesene Eassa- und Geschäftsbericht, welcher eine Mitglieder-

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