Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 43 (2.6.1890)
- Date
- 1890-06-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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W/JJ# -.. J*T '■av 1!kH XXXI. Jahrgang. Beilage ju M 43 d°s Israelit" & Iefchurun". Leitender Artikel. Zur Kelemytiing des Nstll'slyen Antrs-es. Die Judendebatte im Herreuhause wird von der „Kreuzztg." als der muthvolle erste Schritt gepriesen, um die Befreiung des deutscheit Volkes vom jüdischen Joche zu erringen Der Ruhm, den ersten Schritt gethau zu haben, gebührt aber nicht unserem preußischen »Oberhause", sondern Herrn Stöcker, der den Kampf ohne jeden äußern Anlaß, aber wohlüberlegt und planvoll am 20. März im Abgeordnctenhanse begonnen hat und dem das preußische Herrenhaus nur Heeresfolge leistete. Viel Muth gehörte diesmal nicht dazu. Herr v. Goßler war mit so verständnißvollem Entgegenkommen den Darlegungen des Herrn Stöcker gefolgt, daß die alten Kämpen der Raumer-Westphalen'schen Reaktionsepoche der fünfziger Jahre zu der Weisheit und Willfährigkeit des jetzigen Unterrichtsministers volles Vertrauen schöpften und geradezu auf seinen Dank rechneten, wenn sie ihm die Anregung gaben, frisch ans Werk zu gehen und allen Verlegenheiten ein Ende zu machen, die durch die Anwesenheit jüdischer Schüler in unseren höheren Schulen der Schulverwaltung bereitet werden. Denn daß die jüdischen Schüler den Direktoren und Lehrern der höheren Schulen große Schwierigkeiten bereiten, ferner, daß durch sie die Pflanzstätten unserer höheren Bildung der Verjudung anheimgefallen sind, ist eine unumstößliche Wahrheit: Herr Stöcker hat es gesagt, und er hat statistische Angaben gemacht, der Herr Minister hat sie ergänzt, die Thatsache ist da, sie kann nicht in Abrede gestellt werden; selbst die Gegner meinen sie anerkennen zu müssen. Man sollte aber doch, wie die „Frankfurter Zeitung" im Nachstehenden ttefseud auseinandersetzt, mit Vorsicht zu Werke gehen und den Ausgangspunkt der ganzen .Beschwerde prüfen. An der Hand der amtlichen „statistischen Mittheilungen über das höhere Unterrichtswesen im Königreich Preußen, Heft 6" kann unzweifelhafte Information gewonnen werden. Danach waren im Wintersemester 1888/89 in Preußen in 266 Gymnasien .... mit 77629 Schülern 6928 Juden 38 Progymnasien ... „ 4021 „ 285 " „ 87 Realgymnasien . . „ 25261 „ 2335 87 Realprogymnasien . . „ 9223 „ 478 „ 11 Oberrealschulen. 4788 „ 254 „ 20 Realschulen .... „ 5909 „ 914 „ 28^höheren Bürgerschulen „ 8022 „ 678 „ Sa. 537 höhere Schulen . mit 134853 Schülern 11872 Juden. Rechnet man hiervon die 499 Schüler ab, die in jenem Semester die beiden Frankfurter isr. Realschulen besuchten (es sind überall die Vorschulen nicht mitgerechnet), so stehen im Durchschnitt in den höheren Schulen des preußischen Staates etwa 9 jüdische 100 christlichen Schülern gegenüber. Man nimmt im Allgemeinen doch an, daß die Majorität die Minorität beeinflusse und daß die Lehrer die Macht haben über die Schüler und nicht umgekehrt. Nun stehen in den höheren Schulen der ganzen preußischen Monarchie den rund 11,000 jüdischen Schülern nicht blos rund 134,000 christliche Schüler, sondern auch über 6500 christliche Lehrer gegenüber. Wie schwach muß doch der Glaube an die Macht der christlichen Idee, an die erziehliche Kraft des gesammten preußischen höheren Lehrerstandes sein, den man ja zu der Elite der deutschen Nation rechnen darf, wenn man die Tribünen des Parlaments benutzt, um das Volk und die Regierung gegen die der deutschen Nation und dem Chriftenthum drohende Gefahr der Verjudung zu Hilfe zu rufen. Allerdings sagt man, die Gefahr zeige sich erst, wenn man nicht den Durchschnitt, sondern einzelne Gruppen ins Auge fasse. Dann hätte man aber ehrlicherweise hervorheben müssen, daß es große Staatsgebiete gibt, in denen diese Gefahr nicht vorhanden ist. Wenn man von Frankfurt absieht, so ist überall der Besuch der Gymnasien auch seitens der jüdischen Bevölkerung stärker, als der der Realanstalten; nun besuchte in Hohenzolleru kein einziger Jude das Gymnasium, in Schleswig-Holstein kommen auf 2466 Gymnasiasten 49 jüdische, in der Provinz Sachsen auf 7414 149, in der Provinz Hannover auf 5493 176, in Westfalen auf 6155 251, in Brandenburg auf 5321 279, in Ostpreußen auf 4306 321, in Pommern auf 4783 339, in der Rheinprovinz auf 9941 435 jüdische Gymnasiasten. Für den weitaus größten Theil des preußischen Staates ist also die vermeintliche Gefahr absolut nicht vorhanden. Schlimm nach der Ansicht des Herrn Pfeil freilich steht es in der Provinz Hessen-Nassau, wo auf 3866 301, in Westpreußen, wo auf 3685 405, in Schlesien, wo auf 10303 1450, am schlimmsten in der Provinz Posen und in Berlin, wo auf 4628 943 und auf 9109 1827 jüdische Gymnasiasten konnnen. Aber auch hier concentrirte sich Sllles auf einige große Städte, und statt von dem ganzen Lande zu sprechen, hätten die Herren, wenn sie bei der Wahrheit bleiben wollten, auf die Gefahr Hinweisen müssen, die dem Staat und der Kirche durch die Ueberzahl der jüdischen Schüler in den Städten Posen und Breslau, Frankfurt a. M. und Berlin drohen. Auch in dem schlimmen -Berlin hätten sie noch Trost finden können, denn auch dort gibt es eine Anzahl von Gymnasien, in denen die jüdische Schülerzahl eine minimale ist: es waren im Winter 1888/89 im Joachimsthal'schen Gymnasium von 512 Schülern 16, im Lessing-Gymnasium von 459 22, im Louisen- Gymnasium von 655 30, im Humboldt-Gymnasium von 515 42, im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium von 723 70. So schrumpft der ganze Thatenbestand, der dem Angstgeschrei der Herren Stöcker, Pfeil und Kleist-Retzow zu Grunde liegt, dahin zusammen, daß es in Berlin, wo etwa der fünfte Theil der gesammten jüdischen Bevölkerung Preußens wohnt, unter 16 Gymnasien 5 gibt, in denen die Schüler zur Hälfte und darüber der jüdischen Religion angehören, daß auch in Breslau und Posen an zusammen 3 Gymnasien dasselbe Verhältniß obwalten mag, daß es in Frankfurt a. M. 3 höhere jüdische Schulen gibt, in denen die jüdischen Schüler 1j3 der Gesammtheit übersteigen. Von den 537 höheren Schulen des preußischen Staates mag die größere Hälfte ausschließlich von christlichen Schülern besucht sein, die Zahl derjenigen, in welchen die jüdischen Schüler 10 Prozent ausmachen, dürfte 30 nicht übersteigen. Das aber genügt, um von Verjudung unterer sämmtlichen höheren Schulen zu sprechen. Daß in den von jüdischen Schülern besuchten höheren Schulen die Disciplin eine schlechtere geworden, die Leistungen sich gemindert hätten, konnte nicht behauptet werden — aber sic erschweren die Aufstellung und Innehaltung des Stundenplanes, der Prüfungstermine u. dergl. Auch hier wird es sich, wie jeder mit den Verhältnissen Vertraute weiß, um etliche ganz vereinzelte Vorkommnisse handeln, die bei gutem Willen ohne jeden Schaden hätten ausgeglichen werden können. In Frankfurter städtischen Gymnasium sind unter 586 Schülern 127, in der Mustcrschule unter 304 99, in der