Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 43 (2.6.1890)
- Date
- 1890-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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‘War? m 171 und Geistlichkeit auch in Israel der Letzteren den Nimbus einer geheimnißvollen Macht über die Gewissen verleiht. Kurzsichtige Thorheit! Die alten ehrlichen Rabbiner genossen eines weit Hähern Ansehens als die gewissenlosen Epigonen. Jene waren in Wahrheit die Vertreter des Religionsgesetzes, sie wollten für sich nichts, sie hatten kein anderes Streben, als die Gemeinden in die Wege des Gesetzes zu führen und die Lehre Gottes zu lehren, deren Kenntnitz und Anerkenutniß zu verbreiten. Darum wendeten sich ihnen die Herzen der Gemeinden zu, darum ward ihren Anordnungen ohne Widerspruch Folge geleistet, man wußte, daß die Wahrheit und nichts anders als die Wahrheit der redlichsten Forschung und Ueberzeugung bei ihnen zu finden war. Die anscheinend so concilianten modernen Rabbiner aber, welche dem Moloch des Zeitgeistes das Judenthum zum Opfer bringen und den Abfall und Treubruch sanctioniren, die das Gesetz der Religion nach dem Willen eitler unwissender sündhafter Menschen, nach der Laune des Tages umzumodeln bereit waren, hatten aber nicht bedacht, daß sie sich nicht nur zum Werkzeug schnödesten Verraths an dem Heitigthum des Judenthnms degradirten, sondern damit zugleich zu Sklaven der Willkür der Gemeinde- Vorstände und der Gemeinden. Sie waren so verblendet nicht zu gewahren, daß sie mit der Preisgebung des Religionsgesetzes an die blöde Einsicht thörichter Menschen eben dieser blöden Einsicht die Alleinherrschaft einräumten. Diese Erkenntniß kam ihnen zu spät. Man hatte ihnen gehuldigt als den weisen Führern und Meistern, die das Gesetz umzumodeln geschickt waren nach dem Willen der Gemei'.ldebehörde. Diese Huldigung galt aber nicht ihnen als den Herren, sondern als den willfährigen Knechten, und ehrgeizige Vorstände und neuerungssüchtige Gemeinden ließen gar bald sie die Herrschaft fühlen. Ihr habt ja selbst anerkannt, daß wir die Gebieter sind, daß die Religion sich nach unserer Willkür zu gestalten hat, Ihr seit die Diener der Religion, also seit Ihr unsere Diener und habt unseren Befehlen zu gehorchen! Nun gilt es für die Rabbiner, welche sich als die Herren der Religion .gedünkt, die eingebüßte Macht wieder zu erlangen. Sie murren gegen das Joch, das sie in frevelhafter Gesinnung gegen ihre Pflicht auf sich genommen. Aber es gelingt ihnen nicht, solange sie nicht offen und reumüthig bekennen, daß sie die Herrschaft des Religionsgesetzes verleugnet, daß jede Verletzung desselben, die sie sanctionirt, eine Sünde ist, bis sie selbst zur ialten Treue zurückkehre» und die irregeleiteten Gemeinden zur gleichen Umkehr veranlaßt haben werden. Dahin sind wir leider zur Stunde noch nicht gelangt und so sehen wir denn, daß diese Gemeinden, insbesonders die Gemeindeverwaltungen, bedacht sind, sich die Herrschaft zu sichern und immer mehr zu befestigen. Jede Neubesetzung eines erledigten Rabbinats bietet hierzu die willkommenste Gelegenheit. Man verlangt von den Bewerbern oder in Aussicht genommenen Kandidaten zuvor eine bündige Verpflichtung, daß sie sich mehr oder weniger in Ausübung ihres rabbinatlichen Amts dem Willen des Vorstandes oder der Gemeindevertretung fügen wollen. Das ist es auch, was nach den uns zugegangenen Berichten jetzt in London geplant wird. Dem neuanzustellenden Oberrabbiner sollen Bedingungen vorgeschrieben werden, von deren Anerkennung seine Wahl abhängig gemacht ist. Diese Bedingungen erstrecken sich darauf, daß er Reformen, die dem Religionsgesetze zuwider sind, kein Veto entgegensetzen wird, und daß er den ihm von dem Verwaltungskörper beigesellten Delegirten einen entscheidenden Einfluß auf seine Amtshandlungen einzuräumen sich verpflichtet. Wir wollen der Hoffnung gern Raum geben, daß in der großen Londoner Gemeinde sich noch Männer finden, welche einer solchen Herabwürdigung des Judenthums, einer solchen Verkümmerung des Rabbinats selbst den Mächtigsten und Angesehensten gegenüber mit Entschiedenheit entgegentreten und ein solches unwürdiges Spiel mit dem Heiligsten zu verhindern wissen werden. Wir rechnen auch zuversichtlich darauf, daß sich kein Rabbiner finden werde, der um zum Londoner Rabbinat zu gelangen, sich selbst und das Judenthum so preisgeben mag. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzeu. Deutschland. Berlin, 5. Mai. In dem soeben ausgegebencn Bericht über das Reichenheim'sche Waisenhaus für das Jahr 1889 widmet der Director Dr. Jutrosinski auf den ersten Blättern den zwei im abgelaufenen Jahre verstorbenen Mitgliedern des Kuratoriums, den Herren Julius I. Meyer und Kommerzienrath Friedländer, warm empfundene Gedenkworte. — Die Einnahmen beliefen sich auf 52,233 M. 40 Pf. Diese Summe wurde bis auf 816 M. 92 Pf. verausgabt für die Verpflegung, Bekleidung, den Unterricht von durchschnittlich 73 Zöglingen und für die Verwaltungskosten des \ S: