Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 41-42 (28.5.1890)
- Date
- 1890-05-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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-7 *>V" :U$^‘ »*9***"* K:um1 - 755 christlichen Glauben zu erziehen. **) Die Eltern wollten damals die Erziehung ihres Kindes nicht aus der Hand geben und lehnte der p. Katz das Wohlwollen in etwas ungeschickter Weise dankend ab. Das war Anfang 1888. Seitdem hat sich Frau D. Goßler zurückgezogen. Frankfurt a. M. In der „Wächterstimme für die Gemeinde des wahren Christenthums" erhält Hofprediger Stöcker durch seinen Amtsbruder I. Pestalozzi folgende Abfertigung: „Man würde doch gewiß bei nüchterner Besinnung den nicht für einen Christen erklären, der frischweg erkürte, was die Propheten über die Wiederherstellung Israels und seine Wiedereinsetzung in die Stellung des auserwählten Volkes gesagt haben, sei lauter Unsinn. Wenn aber Einer kommt und im Namen des Christenthums aufruft zur Bekämpfung und Verfolgung der Angehörigen dieses Volkes, dann stellt die urtheilslose Menge, an ihrer Spitze nicht Wenige der sog. Gebildeten, die überdies sich noch zu den „christlich Gesinnten" rechnen, sich auf seine Seite. Freilich, wenn ein so hochgestellter Theologe wie Hofprediger Stöcker entweder nichts davon weiß, welche Drohungen und Verheißungen jenes prophetische Wort enthält gerade mit Bezug aus den Verkehr der Juden mit den übrigen Völkern und umgekehrt, oder, wenn er etwas davon weiß, doch den Muth hat, sein Volk zu lehren und zu einem Handeln anzuleiten, durch welches es sich selbst in die Wirkung jener Drohungen hineinbegiebt, dann kann man sich allerdings nicht wundern, wenn im ganzen Volke eine Gesinnung Platz greift, welche auf das prophetische Wort keinerlei Rücksicht mehr nimmt. Allein bei dieser Verwunderung wird man nicht stehen bleiben dürfen, sondern fragen müssen, wie es denn nur möglich sei, daß solches Alles geschehen könne, ohne daß die Vorgesetzten eines so übel unterrichteten und noch übler lehrenden Mannes, daß die kirchlichen Behörden nicht einschrciten, um diesem Manne sein Handwerk zu legen, da er das Volk verführt zu einem Handeln, das Gottes Gerichte ans es herabzieht? Man lese doch einmal in der heiligen Schrift die Stellen nach: 3. Mose 19, 33. 34; 24, 22; 4. Mos. 15, 15. 16; 24, 9; Jer. 7, 5. 6; 30, 10 u. ff. u. s. w., und frage sich ernstlich, was denn, im Lichte dieser Schriftstellen betrachtet, die unter Berufung auf das Christenthum betriebene, antisemitische Agitation eigentlich bedeute? .... Wenn nun die Agitation gegen die Juden mehr überhand nimmt, wie es beinahe den Anschein hat, wenn sich einst ersüllen sollte, was durch den Propheten Hesekiel (36, 24) geweissagt ist: „Ich will euch aus den Heiden holen, aus allen Landen euch versammeln und wieder in euer Land führen", wollen wir Christen, soll unser Volk dann auf **) Wir erhalten kurz vor Schluß dieser Nr. von einer hohen, der edlen Frau v. Goßler am nächsten stehenden Person ebenfalls eine diesbezügliche berichtigende Notitz mit dem Hinweise darauf, daß das v. Goßler'sche Ehepaar sich des Kindersegens erfreue und schon darum gar nicht in der Lage war, ein fremdes Kind zu adoptiren. Indem wir es aufrichtig bedauern, daß unser sonst gut unterrichteter Berichterstatter in dem einen Punkt über's Ziel hinausschoß, freuen wir uns doch die von allen Seiten bestätigte Thatsache gemeldet zu haben, wie seitens der hochverehrten , Frau Minister echte werkthätige Menschenliebe geübt wird, wie sie als hilfebringender Engel in der Wohnung einer armen, leidenden jüdischen Handwerkerfamilie erscheint. Wir rufen ihr die Segensworte an Ruth (2, 12) zu: „Der Herr lohne Dein Thun." (Red. der „Jsr. Wochenschr.") Seite derer stehen, welche mitgeholfen haben, diejenigen zu vertreiben, welche nicht nur in ihr irdisches Erbe Kanaan, sondern in das viel höhere Erbe der Bundesvolkes Gottes wieder sollen eingesetzt werden? Der Prozeß der Ausstoßung der Juden aus den Völkern Europas kann sich sehr langsam vollziehen, er kann einmal auch plötzlich erfolgen. Beförderer desselben werden immerhin alle diejenigen sein, welche dafür ihre Kräfte einsetzen, daß für die Juden andere Gesetze gemacht werden, als ihre WirthSvölker haben. Dem Volke Israel wurde einst geboten und zu wiederholten Malen eingeschärft: „Ein Gesetz soll dir und dem Fremdling sein, der bei dir wohnt", und nun kommt derselbe Mann, der in seiner Rede vom IS. März über „daS soziale Königthum und die kaiserliche Erlasse" behauptete, „wenn der Geist Gottes in der Gesetzgebung fehle, so gerathe ein Volk in s Verderben", und verlangt im Namen des Christenthums besondere Gesetze, durch welche die Rechte der Juden nach allen Seiten beschränkt werden! Das ihn mit so großer Begeisterung und Hingebung unterstützende „Volk" wird nicht müde, seinen Lesern die Juden von der häßlichsten und verächtlichsten Seite zu zeigen und diese anzufeuern zur Mitarbeit an der Agitation, an der Hetzerei. Geradezu eine Schmach ist es für unsere evangelische Christenheit, daß unter Berufung auf das Christenthum in einer Weise Judenhetze getrieben wird, wie es tagtäglich von Seiten des „Volk" geschieht. Es ist zu hoffen, daß die Nationalliberalen sich nicht, wie das „Volk" meint, „durch die siegende Macht des antisemitischen Gedankens ganz in die Bahnen (frömmelnder Hetzer) hinreißen lassen." Wie will denn wohl Stöcker beweisen, daß auch da Gottes Geist in der Gesetzgebung vorhanden sei, wo sie für den Fremdling (wenn man den Juden als solchen betrachten will) ein anderes Gesetz aufstellt, als für den Einheimischen? Vielleicht hilft ihm dabei wieder das „Volk" aus der Verlegenheit, welche-, nachdem e8 einer „lebensfähigen und wirkungskräftigen politischen Partei" das Recht zugesprochen hat, ihre Anschauungen zu wechseln, „wie der Baller nach den Regeln der Fruchtfolge die Saat seines Ackers wechselt", vielleicht kühn genug sein wird, zu behaupten: bei Gotr müsse ein ähnlicher Wechsel eintreten. Doch genug der Ironie. Mit vollem Ernste weise ich von Neuem das deutsche Volk, sowie seine geistlichen und weltlichen Führer hin auf das Treiben gewisser Kreise, die sich kühn als die Vorkämpfer des Chnstenthums hinstellen, ob ihnen auch immer und immer wieder nachgewiesen wird, daß sie nach vielen Richtungen hin mit dem Worte Gottes im Widerspruch stehen". Sayn. Dem Bericht über die Israelit. Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemüthskranke zu Sayn bei Coblenz am Rhein, erstattet von den Herren M. Jacoby, Dr. Behrend und Dr. Rosenthal, entnehmen wir: Die Anstalt erfuhr in den beiden Berichtsjahren eine ganz gleichmäßige Fortentwicklung. Der Krankenbestand am 1. Januar 1889 war um 9 höher als am 1. Januar 1888 und genau um dieselbe Zahl (9) war wieder der Bestand am 1. Januar 1890 höher als am 1. Januar 1889. Der höchste Bestand war vom 9. bis 11. Juli 1888, nämlich 112 (50 M. und 52 Fr.) Die Zahl der Verpflegungstage betrug: 1888 für Männer 20.265, für Frauen 17.614, 1889 für Männer 19.646, für Frauen 17.483. Die Genesungsziffer ist als eine sehr günstige zu bezeichnen, sowohl in Bezug auf den Gesammtabgang als auch auf die Zahl der mit