Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 41-42 (28.5.1890)
- Date
- 1890-05-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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756 wahrscheinlicher Heilbarkeit aufgenommenen Kranken. Die Sterblichkeit war eine recht geringe, sie betrug im Jahre 1888 2 von 129 Verpflegten 1,62 °/0, im Jahre 1889 6 von 135 Verpflegten 4,44 °/0 oder für beide Berichtsjahre zusammengenommen ca. 3 °/o der 264 Gesammtverpflegten. Entsprechend der geringen Sterblichkeit sind auch körperliche Erkrankungen verhältnißmäßig wenig vorgekommen. Selbstmorde, Unglücksfälle oder Jnfectionskrankheiten haben wir glücklicherweise auch diesmal nicht zu verzeichnen. Selbstmordversuche kamen bei der großen Anzahl der dazu geneigten Kranken wohl einigemal vor, konnten aber stets vereitelt werden. Ebenso wurden zwei Entweichungsversuche von männlichen Kranken rechtzeitig verhindert. Verschiedenen Kranken konnte freier Ausgang gewährt werden und wurde kein Mißbrauch davon gemacht. Die Anstalt hat inzwischen wesentliche bauliche Erweiterungen und Verbesserungen erfahren. Zunächst wurde im Sommer 1888 ein großer Neubau für ruhige Frauen begonnen und im Sommer 1890 bezogen, nachdem der Bau vom Bezirks-Ausschuß zu Coblenz besichtigt und seine Benutzung zu Anstaltszwecken gestattet worden war. Im Anschluß an diesen Neubau wurden ein Spazierhof hinter dem Bau und ein größerer Garten in der Fronte neu angelegt. Gleichzeitig mit dem Neubau für ruhige Frauen war ein Frauen-Jsolirhaus begonnen und schon im Herbst 1888 sertiggestellt worden. In erster Reihe war bei der Anlage dieses Neubaues darauf Bedacht genommen worden, daß derselbe von den übrigen Gebäuden so weit entfernt liegt, daß die darin untergebrachten lärmenden und tobsüchtigen Kranken die Ruhigeren nicht stören. In Verbindung mit diesem Jsolirhans wurde auch ein großer Spazierhof für unruhige Frauen angelegt und mit einer Halle (Holzarchitectur), zum Schutze gegen Regen und Sonnenschein versehen. Im Jahre 1889 wurden weiter an Neubauten begonnen und vollendet: 1 gedeckte Halle als Wandelbahn und zugleich als bequeme Kommunikation zwischen dem Hauptanstaltsgebäude und dem neuen Damenbau. Diese Halle bietet sowohl bei schlechter Witterung als auch in der heißen Jahreszeit einen angenehmen Aufenthalt und stete Gelegenheit zur Bewegung. 2. Das vor ca. 6 Jahren errichtete Treibhaus war zu klein geworden und außerdem lag es auch zu dicht an dem neuen Damenbau. Dasselbe wurde abgerissen und dafür an anderer Stelle ein neues weit größeres und zweckmäßiger eingerichtetes Treibhaus neu erbaut. Das Treibhaus wird namentlich im Winter von den ruhigen Kranken mit Vorliebe ausgesucht und einige dazu geeignete Patienten lassen sich gerne vom Gärtner Beschäftigung im Treibhause zuweisen. Das Areal der Anstalt wurde durch Ankauf einiger angrenzenden Grundstücke bedeutend vergrößert. Eines dieser Grundstücke bildete früher den Schießplatz der Sayner Schützengesellschaft. Auf demselben befindet sich eine massive Schießhalle und ein schöner mit Ziersträuchern und großen schattigen Bäumen angelegter Festplatz. Letzterer wurde schon im vergangenen Sommer von den Kranken der Anstalt an heißen Tagen gern ausgesucht und bildete auch den Spielplatz für die Zöglinge unserer Kinderabtheiluug. Die frühere Schieß- resp. Restaurationshalle soll in diesem Sommer in eine Gärtnerwohnung umgebaut werden. Für die Zerstreuung der Kranken ist ebenfalls reichlich gesorgt worden. Die gemeinschaftlichen Spaziergänge und Ausflüge der dazu geeigneten Kranken, kleine Tanzvergnügungen, musikalische Unterhaltungen, Geburtstagsfeier von Kranken und Directions - Mitgliedern boten - reichhaltige Abwechselung. Die Vorstellung des Zauberkünstlers Professor M e u n i e r und ebenso die Vorstellung eines Bauchredners erregten lebhaftes Interesse. Im Uebrige» durften die dazu geeigneten Kranken abwechselnd den in hiesigen oder den benachbarten Orten ftattgehabten Concerten, wissenschaftlichen oder humoristischen Vorträgen, Theatervorstellungen, Eircus 2c., unter Begleitung der Unterzeichneten oder deren Familienangehörigen beiwohnen. Auch wurde einigemal das Stadttheater in Coblenz ausgesucht. Der Gottesdienst in der Anstaltssynagoge hat in der lange bewährten Weise fortdauernd regelmäßig stattgefunden. Wir konnten die Beobachtung machen, daß selbst diejenigen, denen der Gottesdienst früher in gesunden Tagen höchst gleichgiltig war. eifrige Besucher der Synagoge wurden und daß selbst solche Kranke, welche häufigen Aufregungen unterworfen sind, beim Gottesdienste sich beherrschen und anständig benehmen konnten. Berlin, 23. Mai. In sämmtlicheu Gemeinde- Synagogen findet an beiden Feiertagen zweimaliger Gottesdienst statt. Diese Anordnung des Vorstandes findet allgemeinen Anklang. — Herr Löbl Kalischer, Bruder des sel. R. Hirsch Kalischer, starb hier im Alter von 91 Jahren. Eine Stunde vor feinem Tode hat der Verewigte noch in Talis und Tefilin das Morgengebet verrichtet. A.