Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 41-42 (28.5.1890)
- Date
- 1890-05-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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- I ' 754 gewohnten Gebete und Melodien schnell überdrüssig werde und sich theiluahmlos ihnen gegenüber zeige. Nun glauben wir, daß das gerade Gegentheil der Wirklichkeit entspricht. Je inniger der Beter mit dem Inhalt und Wortlaut des Gebets vertraut ist, je gewohnter ihm die Melodie ist, in welcher das Gebetstück vorgetragen wird, desto mehr wird es ihn erbauen. Herr Dr. Mayer hat freilich wohl den Reformgottesdienft und die Reformer im Auge. Er hat damit aber über sie das denkbar schärfste Verdammungsurtheil ausgesprochen. Die alte herkömmliche gottesdienstliche Gebetordnnng hat sich durch die Jahrhunderte bewährt und übt noch heute ihre erhebende, beseeligende Trost und Erbauung spendende Kraft aus. Und die junge Reform des Gottesdienstes hat sich jetzt schon nach wenigen Dezennien als schaal und langweilig erwiesen. Gibt es eine gewaltigere Abschreckung für die Einführung eines Reformgottesdienstes? Das stolze Gebäude der Reform ist schmählich zusammengestürzt und auf seinen Trümmern klagt Herr Dr. Mayer. Er möchte es wieder erstehen sehen in dem erträumten Glanze der rasch dahingeeilten Jugendzeit. Er vergißt aber, daß es von Anfang an morsch und haltlos gewesen, daß es mit unechtem Flitter ausgestattet als Mummenschanz in die Erscheinung getreten, so daß es heute nur von dem Verhängniß ereilt wird, das jeder Lüge und Täuschung gewiß ist. Es ist nur eine Eingebung der Verzweiflung, die einer gealteten Eitlen die Schminkdose in die Hand drückt und sie zur Laute greifen läßt. Und die Reform ist nicht eine verblühte Schöne, sie war bettelarm und wesenlos von Anbeginn. Und ebenso verzweifelt erscheint der ungeheuerliche Vorschlag der Einführung einer doppelten gottesdienstlichen Form in den Gemeinden, so daß altcrirend an einem Sabbat die Reform und an dem andern die Orthodoxie in der Synagoge maßgebend sein soll. Es verlohnt sich nicht der Mühe hierauf näher einzugehen. Wenn aber die Nothwendigkeit einer Einheitlichkeit des Gottesdienstes in den Land- und Stadtgemeinden betont wird und eine solche nur durch die Veränderung der althergebrachten Litburgie in den 113 nichtreformirten Gemeinden zu Gunsten der Einheitlichkeit mit den 37 Reformgemeinden, die vielleicht auch aus gleicher Rücksicht Concessioncn machen müßten, herbeigeführt werden soll, so können die orthodoxen Gemeinden nicht eindringlich genug gewarnt sein. Die Ausführungen des Herrn Dr. Mayer enthalten für sie übrigens die eindringlichste Warnung. Möge sie dort verstanden und beherzigt werden. Zeitungsnachrichten und (Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 16. Mai. Der „Jsr. Wochenschrift" wird geschrieben: Die in der vor. Nr. Ihres gesch. Blattes unter „Berlin, den 11. Mai" gebrachte sensationelle Mittheilung die Familie des Glasermeifters Katz betreffend, und die sich daranschließende Behauptung, daß Frau Minister von Goßler deren Kind unter der Bedingung adoptiren wolle, daß es im christlichen Glauben erzogen werden sollte, war für mich als jüdischen Handwerksmeister, der ich während des Neubaues des Eultusministeriums öfter mit Frau v. Goßler geschäftliche Besprechungen hatte, Veranlassung genug, mich sofort bei K. nach den näheren Umständen des ganzen Vorfalles zu erkundigen. Von Herrn K. und seiner noch leidenden Frau erhielt ich ausführliche Mittheilungen, die die Thalsache bestätigen, daß sie allerdings 10 Jahre hindurch, seit 1878 — als sich Frau K. in der v. Langenbeckschen Universitäts-Klinik, einer eben so seltenen, wie schwierigen aber geglückten Nasenoperaiiou unterziehen mußte — direkt von Herrn und Frau v. Goßler sich ungezählter Unterstützungen und Gunstbezeugungen und freundlicher Aufnahmen, die sich auch auf die Kinder erstreckten, ja selbst, während der langen Reconvaleszenz sich auch auf Besuche in der K.'schcn Wohnung ausdehnten, zu erfreuen hatte. *) Daß Frau v. Goßler auch den Heranwachsenden Kindern Aufmerksamkeit schenkte, ein damals zehnjähriges Mädchen in eine Mädchenschule und dann zur weitern Ausbildung in einen Verein mit wirthschaftlicher Tendenz unterzubringen sich erbot — das Alles find so sehr menschenfreundliche Züge und Handlungen, daß sie in jeder Weise der hohen Dame zur Zierde gereichen und ebenso der jüdischen wie christlichen Sittenlehre entsprechen. Eines jedoch ist zu berichtigen. Es war niemals die Rede davon, das Kind zu adoptiren oder im *) Frau K. — schreibt unser Gewährsmann — kann gar nicht genug die Art der Hilfe, die Aufnahme, die Fürsorge seitens der Frau v. G. schildern. Sie weinte heiße Dankesthränen für die zehnjährigen Gunstbezeugungen aus dem v. Goßler'schen Hause. Abends fnhren sogar Herr v. G. und seine Gemahlin beim Gemeindehause in der Oranienburgerstr. vor, um für Unterstützung der Familie K. sich persönlich zu verwenden. Das Bureau war aber schon zu. Die Beamten sollen damals gesagt haben: wenn sie hätten ahnen können, daß ein solcher Besuch zu erwarten gewesen wäre, so würden sie bis in die Nacht anwesend geblieben sein.)