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Der Israelit · 1890-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1890) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1890)
Date
1890-05-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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der Zunahme der Gemeinde — es wohnen daselbst 4300 Juden — ist die Zahl der Konfirmanden „bisher ziemlich konstant geblieben", sie beträgt „etwa 10" (!), und der Synagogenrath spricht ziemlich kleinlaut und verzagt die Hoffnung aus, daß „die Theilnahme mit der Zeit (!) vielleicht (!) doch größer werde! Ebenso ist cs in Karlsruhe. Diese reformirte Gemeinde erwartet nur noch das Heil von einer „Abkürzung" des Gottesdienstes. Die reformirte Gemeinde zu Konstanz stellt sich und ihrem reformirte» Gottesdienst das ruhmwürdige Zeugniß aus, „daß die meisten imGotteshaus nicht erbaut, in ihrem Sein und Thun nicht veredelt werden; wie sie in den Gottesdienst gekommen, so gehen sie wieder, ohne Demuth, ohne Ehrfurcht vor Gott, voll Neid und Bosheit gegen ihre Mitmenschen." Die Konstanzer mögen sich bei ihrer hochpreislichen Vertretung für diese schmeichelhafte Schilderung geziemend bedanken! Frei bürg hat an seinem reformirte» Gottesdienst auch wohl schon Ueberdruß. Es verlangt eine Kürzung desselben. Die Predigten scheinen dort sehr zu langweilen. Die guten Freiburgerßwünschcn, daß „dieselben höchstens eine halbe Stunde, besser (sie!) nur 20 Minuten dauern!" Außerdem sollen die Predigten sich „nicht in Parabeln und Zergliederung (!) von Schrifttexten ergehen, sondern leichtfaßlich und aus dem täglichen Leben gegriffen sein." Die Freiburger Reformgemeinde muß mit ihrem Prediger eigen- Ihümliche Erfahrungen gemacht haben! Ihr Rabbiner scheint übrigens mit ihnen hinsichtlich ihrer Klagen und Wünschen vollkommen einverstanden zu sein. Er findet auch, daß „die gegenwärtige Art des Gottesdienstes das religiöse Gefühl nicht befriedige und weder Andacht erwecke, noch für die Mehrzahl der Theilnehmer erbauend sei." Er ist in dieser Hinsicht mit dem Bezirksältesten von Lörrach, einer Gemeinde mit reformirtem Gottesdienst, einerlei Meinung. Es ist aus der vorliegenden offiziösen Schrift nicht ganz klar, ob der Rabbiner von Freiburg oder der Bezirksälteste von Lörrach ferner konstatirt, daß die „wirklich besseren Elemente" (!) nur aus Gewohnheit „den Mißständen gegenüber" ihre Kraft verlieren. Die Gemeinde müsse mehr zur Mitwirkung beim Gottesdienst zugelassen werden." In den Badischen Reformgemeinden hat demgemäß anscheinend ebenso wie in anderen Ländern die viel verheißende und heilverkündende Reform des Gottesdienstes schmählich Fiasko gemacht. Orgel, Chor, Predigt, Mißhandlung der Liturgie, neue deutsche Gebeistücke — Alles nach modernster Art — verschlagen nichts mehr. Den ärgsten Fluch, welcher die Reform treffen kann, hat sie auch anscheinend in Baden erreicht, den Fluch der Langweiligkeit. Da hatte man dem armen bethörten Volke vorgespiegelt', mit der Reform des Gottesdienstes würde eine Acra der höchsten geistigen und religiösen Blüthe des Judenthums anheben. Die laute „Judenschul" sei das Wahrzeichen der Unkultur und der politischen Unterdrückung, und man malte geflissentlich grau in grau, übertrieb und generalisirte geflissentlich, daß diese Ungehörigkciten nicht nur gegen das ästhetische Gefühl, sondern vor Allem und zunächst gegen die ausdrücklichen Vorschriften des Religionsgesetzes verstießen, und statt ehrlich und redlich auf den Boden des Religionsgesetzes sich zu stellen und in dessen Namen diesen Unge» Hörigkeiten abzuhelfen, suchte man diese geringeren Ungehörigkeiten durch die gröblichste Verletzung des Religionsgesetzes auszutrciben. Es war aber in Wirklichkeit viel weniger der Wunsch, die vielleicht hier oder dort eingerisscuen religionsgesetzwidrigen Ungehörigkeiten zu beseitigen, welcher zu den widergesetzlicheren Reformen den Anstoß gab, als die frevelhafte Absicht, sich über das Religionsgesetz zu erheben und dasselve nach der Laune und Willkür nmzugestalten und dem religionsgesetzwidrigen Leben die Religion zu akkomodiren. Man hatte dem Judenthum selbst lange schon den Gehorsam anfgekündigt, man hatte schon längst die heiligsten Gottesgebote mißachtet und in flagrantester Weise verletzt, man hatte schon längst sich der jüdischen Lebensanschauung und Lebensführung entwöhnt und suchte nach einem bequemen Ersatz für die beschwerliche und Opfer heischende jüdische Pflichterfüllung. In dem reformtrten Gottesdienste sollte sich diese erschöpfen. Die wenigen flüchtigen Augenblicke im Tempel sollten der Ersatz sein für das ganze jüdische Pflichtleben, das alle Momente des Daseins von dem ersten bewußten Lcbensmomente bis zum letzten Odemzuge umfaßt. Und in diesen armseligen, dem erwerbenden und genießenden Leben abgeknappten Minuten wollte man sich auch amüsiren, oder euphemistisch ausgedrückt, sich andächtig angeregt und erbaut fühlen, und daher der Flitter des reformirte« Gottesdienstes. O, der Thorheit! Aller äußere Prunk hat nur dann Werth und Bedeutung, wenn er einen wahrhaftigen Kern umgibt; wo er aber als eine selbstständige Potenz in die Erscheinung zu treten wagt, da ist er eitel und nichtig. Der Gottesdienst der Reform ist eine solche glänzende inhaltlose Hülle. Ein prächtiges Gebäude, ein wohlgeschulter Chor,

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