Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 40 (22.5.1890)
- Date
- 1890-05-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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731 von Gott das Gesetz seines Lebens lehren lassen toiff. Deßhalb feiert der Schluß dieser Beracha über die Thora, Gott nicht als denjenigen, der die Thora einmal gab, sondern als den, der fort und fort die Thora noch immer gibt, mirn in» '"«2. Auch derjenige, der die Offenbarung Gottes am Sinai anerkennt, anerkennen.muß, weil es ja in der ganzen Menschen- und Weltgeschichte kein Faktum gibt, das so verbrieft und verbürgt ist, als eben es, kann nichtsdestoweniger ihre Verbindlichkeit für sich selbst, für unsere Zeit und^Verhältnisse in Abrede stellen wollen. So erkennen z. B. die Bekenner des Christenthums die Thatsache der Erwählung Israels und die Offenbarung am Sinai voll und ganz an; aber mit der Zerstreuung Israels und dem Beginn seines Exils glauben sie auch die Thora und seinen von Gott berufenen Träger abrogirt. Daß diese Thora. deren mehr als 3200jährige Offenbarung wir feiern, auch noch heute, wo wir seit zwei Jahrtausenden schon im Exile leben, dadurch nichts von ihrer Wahrheit, Göttlichkeit und Verbindlichkeit eingebüßt hat, daß Gott auch in der Verbannung uns seiner liebenden Nähe würdigt, daß, wie das Wort der Weisen lautet vipv bi2 onoy nbu nraff i^w Gottes Schechina auch unser Exil theilt, was könnte uns diese trostvolle Ueberzeugung mehr beleben, als der Prophet, dem sich nicht etwa im heiligen Lande, dem sich unter den babylonischen Exulanten, am Strome Kebar, der Himmel öffnet, dem das Wort Gottes auch in der Gesunkenheit seines Volkes treu blieb?! Dreißig Jahre schien es allerdings, als ob diejenigen Recht hätten, welche dem Worte Gottes die alte Treue und Zuverlässigkeit keck absprachen; wie hat es sich aber nach dieser Zeit gezeigt, daß das Wort, welches Gott gesprochen, seine Verächter überdauert und über ihren Niedergang seine Triumphe feiert! — Welche Fülle von Trost mögen doch die zu Gott und seinem Gesetze treu Stehenden aus dieser einen Thatsache schöpfen, in einer Zeit, in welcher man die Worte des lebendigen Gottes als abgestanden und unzeitgemäß aus dem Leben streichen zu können vermeint! Wie hat doch der Abfall, der noch vor dreißig Jahren kühn das Haupt erhob und eine Gemeinde nach der andern entheiligte, wie hat er nach allen traurigen Spuren, die er überall zurückgelassen, dennoch allenthalben seinen Höhepunkt bereits erreicht und überschritten! — Noch dreißig Jahre, und vielleicht hat bei unseren Kindern und Enkeln schon ein großer Theil des Ideals sich verwirklicht, das im Herzen aller derer lebt, deren ganzes Leben in der einen Sehnsucht aufgeht möyn Tinrfc der Thora den verdienten, alten Glanz zurückzuerobern. Deßhalb feiern wir unter Grüßen von Feld und Flur, im Schmuck von Blumen und Blüthen das Fest unserer Thora. Wenn ihre heiligen Rollen sich öffnen, so spricht noch heute das Wort Gottes zu uns, und die ganze Institution der romp ms» minn scheint darauf Hinzuzielen, dieses Bewußtsein uns alle Zeit lebendig zu erhalten. Sie macht jeden Almemor zu einem Sinai, auf welchem der Gesetzgeber, der Vermittler und die Empfänger der Thora jederzeit ihre Vertretung finden und fordert sogar bis zur äußeren Haltung für das mitzuthetlende Thorawort ganz dieselbe ehrerbietige Scheu, wie damals als wir das Gesetz zum ersten Male erhielten. min "®d bxx iviy m»a ruipn ix ’xajntp i’jnu ’,;t£n oipoa ^D’aa pdsw 'j v.tw hd ]:d xipa n;i ntro Dipoa tnipm ,nsrm na bib nnpp nnso xnp bi oipoa ^apon xin rfciyro noin rrnna pipip nytea yyunrfc ppTp*nan wru .ma />d n"x y"p nma nJn:ty nrnnn Auf diesem Bewußtsein beruht die ganze Verbindlichkeit unserer Thora. Wohl war mit der Offenbarung am Sinai das Gesetz in seinem ganzen Umfang der Gesammtheit übergeben. Aber für jeden Einzelnen wird jeder Zeit, jede Bereicherung seiner Thorakunde eine neue Offenbarung, denn jeder geistige Trunk, den Jeder schöpft, ist dem Strome entnommen, der vom Sinai durch alle Zeiten und Geschlechter ununterbrochen sich ergießt. So wird auch gewiß nicht ohne Absicht der Umstand wiederholt in den Prophetien Jecheskels hervorgehoben, daß sie ihm am Strome Kebar geworden sind. Ebenso werden die Ströme Babylons als die Oertlichkeit bezeichnet, an welchen die Exulanten ihre Thränen geweint und ihre Harfen aufgehangen haben. Der Strom Kebar ist nach der Ueberlieferung, der Euphrat. Der Euphrat aber ist das unmittelbare äußere Band, welches das heilige Land mit Babylon verbindet. ms.-.21 Hno xaiyva tnota „Regnets tut heiligen Lande, so ist die Anschwellung des Euphrat dessen Zeuge." — Jede Stromeswelle brachte den Exulanten Grüße aus der fernen theueren Heimath. Sein Rauschen weckte ihr Heimweh und stillte cs wieder, sie brauchten im Geiste seinem Laufe nur zu folgen und sie waren wieder mit dem Boden vereint, auf dem das Glück ihres Lebens erblühte, dem das Exil ein so jähes Ende bereitet hatte.