Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 40 (22.5.1890)
- Date
- 1890-05-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448063--30062-2477822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
727 gesprochen", rief Herr Löwin, „da stimme ich Ihnen zu, wenn Fräulein Bella nicht so brav und so fromm wäre, wie sie Gottlob ist, dann hätten Sie zu überlegen, ob es gerathen wäre, sie an einen Mann zu verheirathen, der zwar selbst sehr brav und sehr fromm ist, der aber durch die Verhältnisse gezwungen ist, etwas thun zu lassen, was er unter andern Umständen nicht thun lassen würde. Denn dann hätten Sie zu befürchten, daß Ihre Tochter sich vielleicht auch manches erlauben würde, was Sie nicht gutheißen würden. — Aber bei Fräulein Bella hätten Sie doch das nicht zu befürchten, Gott bewahre! die würde als Frau Maierhof genau so brav und so fromm sein, wie sie als Fräulein Bärwald ist. Meinen Sie nicht auch, gnädige Frau?" „Allerdings, das meine ich auch. Und darum bin ich auch überzeugt, wenn sie einen Mann bekäme, der in religiöser Beziehung nicht ganz so ist, wie er sein sollte, so würde sie sich sehr, sehr unglücklich fühlen." „Aber gnädige Frau, wie können Sie so reden! — Von Herrn Maierhof wird doch keiner sagen können, daß er nicht ganz so ist, wie er sein sollte." „Allerdings, wenn er am Sabbat sein Geschäft offen hat." „Liebe, gnädige Frau, jede Sache hat zwei Seiten. Wenn da Einer ein kleines Geschäft hat, wo ihn die Miethe einen Pappenstil kostet, und er betreibt das Geschäft allein, oder nur mit seiner Frau und seinen Kindern — wenn der sein Geschäft am Sabbat offen hat, von dem könnte man allerdings sogen, daß er nicht so ist, wie er sein sollte; denn erstens entweiht er doch selbst den Sabbat, und zweitens thut er's, ich möchte sagen aus Muthwillen, denn die Regie kostet ihn doch so gut wie gar nichts. — Während bei Herrn Maierhof — das ist doch eine ganz andere Sache, erstens rührt er selbst keine Hand an beim Geschäft, ich meine am Sabbat, und zweitens, daß er sein Geschäft am Sabbat offen hat, dazu ist er gezwungen — bedenken Sie nur, die hohe Miethe, die er zu zahlen hat und die Gehälter von all den Leuten, die bei ihm sind, das will herausgebracht sein." „Wenn er es ohne den Verdienst am Sabbat nicht hcrausbringen kann, so muß er das Geschäft weniger groß betreiben. — Doch was kümmert das mich? — ich —" Er ward unterbrochen, ein leichtes Klopfen an der Thür und sein Neffe trat in das Zimmer. „Guten Sabbat, liebe Tantel guten Sabbat, lieber Onkel! ergebener Diener, Herr Löwi!" Alle erwiderten seinen Gruß, Herr Löwi war aufgestanden. „Ich will nicht länger belästigen, aber in einigen Tagen werde ich mir erlauben, nochmals anzufragen, ich denke, Sie überlegen sich die Sache bis dahin." Bärwald schüttelte den Kopf. „Da gibt es nichts zu überlegen", sagte er lächelnd. „Mein lieber Herr Bärwald, mein gottseliger Vater hat immer gesagt, über eine wichtige Angelegenheit soll man nicht am ersten Tag entscheiden, darüber soll man zuvor schlafen. Also — ich bitte Sie, schlafen wir über die Sache und dann reden wir, w. G., weiter darüber." Er schüttelte Herrn Bärwald die Hand, verneigte sich gegen dessen Frau. „Küsse die Hand, gnädige Frau", uud empfahl sich auch bei dem jungen Ehrmann, dann verließ er das Zimmer, der Hausherr geleitete ihn bis zur Thür. „Wo ist denn Bella, liebe Tante?" „Im Prater mit einigen Freundinnen." „Und Ihr seid heute gar nicht ausgegangen?" „Wir waren eben im Begriffe auszugehen, als wir durch den Besuch des Herrn Löwi zurückgehalten wurden." „Ein sehr intcresfanter Herr", lachte der junge Mann, „macht er Euch öfters das Vergnügen?" „Ich erinnere mich kaum, ihn je hier gesehen zu haben." „Also hat er Euch heute zum ersten Mal ersucht, über eine Sache zu schlafen", fuhr er lachend fort, „aber in einigen Tagen, w. G., wird er Euch wiederum durch seinen Besuch beehren. — Schade, daß ich ihn nicht gefragt habe, wann er zu kommen beabsichtigt, da wäre ich auch gekommen." „Herrn Löwi's Besuch scheint Dich sehr zu interessiren", sagte sein Onkel lächelnd, „fast hat es den Anschein, als ob Du gern wissen möchtest, welche Angelegenheit zu überschlasen er mich ersucht hat." „O, lieber Onkel! — Du hälft mich doch nicht für neugierig?" „Nennen wir es wißbegierig", sagte Frau Bärwald. „Uebrigens", wandte sie sich an ihren Gatten, „meine Neugierde ist jetzt vollauf befriedigt — Du wirst Dich erinnern, daß ich sehr neugierig war, zu wissen, welche Bewandtniß es mit dem seinen, billigen Stoff zu Bellas Costüm hatte — sie hat ihn bei Maierhof gekauft." „Aha!" sagte Bärwald. „Aber wie kommt denn der Löwi dazu?" fragte Max verwundert. „Aber Du bist doch neugierig", lachte sein ‘ Onkel.