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Der Israelit · 1890-05-19 · Heft 39 (19.5.1890) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 39 (19.5.1890)
Date
1890-05-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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710 sei nicht etwa deßhalb aus der Partei ausgeschlossen worden, weil er Türk's bekannte unösterreichische Aeußerung im Abgeordnetenhause mißbilligte, sondern weil er sich weigerte, Schönerer die Partei- Huldigung zu leisten und ihn mit den Anderen im Triumph aus dem Gefängnisse abzuholeu. Und erst der Großmeister der Musterpresse, Vergani! Sein Blatt ist Gegenstand des Prozesses, seine Redacteure stehen unter Anklage, auf seine Information hin sind die beleidigenden Artikel erschienen, wegen deren Pattai geklagt hat, seine Zeugenschaft ist der Nothanker, an den die in die Enge getriebenen Angeklagten in ihrer Verzweiflung sich klammern; aber da er vor den Geschwornen aussagen soll, wird er krank, er erscheint nicht und erpreßt dem unglücklichen Manne, der in seinem Namen die Feder geführt hatte , den bezeichnenden Ausspruch: „Wir Deutschen fürchten Gott und — den Gerichtssaal." Es ist und bleibt eines der größten volkerpsychologischen Räthsel, wie eine Partei, die aus solchen Charakteren zusammengesetzt ist und nicht ein einziges nur einigermaßen hervorragendes Talent in ihrer Mitte hat, den Einfluß aus ausgedehnte Volkskreise gewinnen konnte, den sie unleugbar besitzt und der bei den letzten Wahlen deutlich genug hervorgetreten ist. Daß eine emporstrebende Partei für sich allein alle Tagend, Rechtschaffenheit und Wahrheit in Anspruch nimmt und alle Anderen als verderbt, sittlich faul und treulos erklärt, daß sie mit der Losung, den Kampf der Schwachen und Unterdrückten gegen die Herrschenden und Starken führen zu wollen, Anhang gewinnt, ist weder neu noch verwunderlich. Das geschah zu allen Zeiten, so lange es Staaten und so lange es eine Geschichte gibt. Aber man sollte glauben, irgend eine starke moralische Kraft oder eine blendende geistige Begabung müßte sich mit bem Schlagworte verbinden, um erfolgreich zu sein — die rauhe Römertugend der Gracchen, oder jdcr finstere Fanatisinns eines Cromwell, oder die hinreißende Beredtsamkeit eines Mirabeau. Die Danton, die Robespierre, selbst Marat, die Verkörperung des Argwohns und der im Finstern schleichenden Verleumdung, wissen mindestens für ihre Sache zu sterben. Aber die Häupter der Wiener Reformpartei, die Schönerer, Lueger, Vergani, bringen nicht einmal die Mannhaftigkeit auf, sich einer gerichtlichen Vernehmung ausznsetzen, ihre gemeinsame Sache ist nicht einmal stark genug, um die Partei-Eifersucht und Jntrigue zwischen ihnen selbst zu unterdrücken. Das Programm, welches reformatorisch wirken soll und das sie aller Welt aufdrängen wollen, wird von ihnen selbst, wie vor den Geschworenen festgestellt wurde, nicht allzu streng beobachtet. Die Frage liegt nun nahe, wie diese Entblößung der sittlichen Triebfedern der antisemitischen Partei aus ihre Anhängerschaft im Volke wirken wird; aber wir wollen diese Frage uns lieber nicht stellen. Die Erfahrung hat zu sehr gelehrt, wie wenig Zuneigung und Abneigung der Massen zu berechnen sind, und es ist auch nicht das erstemal, daß ein Strahl der Oeffentlichkeit in das Innere der Bewegung fällt. Lassen wir's uns genügen, die Helden einmal im Hauskleide und unter sich gesehen zu haben. Begnügen wir uns, sie selbst unter das sittliche Maß zu stellen, mit welchem sie alle Welt zu messen und Jedermann zu richten sich unterfangen haben. Rumänien. Bukarest. Zwei Jahre sind verflossen, daß das Ministerium Bratiano gefallen und ein anderes aus einer anderen Partei zur Regierung gelangt ist — und immer noch ist die Lage der Juden eine höchst traurige, ja wir können behaupten, daß dieselbe inzwischen noch schlimmer geworden. Es läßt daraus der Schluß sich ziehen, daß die in unserem Lande sich bekämpfenden Parteien stets in der Unterdrückung der Juden einig sind. Sutschava. Jüngst brach in dem von hier eine halbe Meile entfernten Städtchen Burduscheni (Rumänien) eine Feuersbrunst aus, welche bei dem starken Winde, 100 meistens jüdische Häuser bis auf den Grund einäscherte. 200 jüdische Familien sind obdachlos und kampiren unter freiem Himmel. Das Unglück der Abgebrannten ist wirklich herzzerreißend. Heute wollte nun die hiesige israelitische Gemeindevertretung 6O0 Laib Brod und sonstige Spenden hinüberführen, um sie dort unter die Unglücklichen zu vertheilen; allein der rumänische Grenz- Aufseher ließ die Expedition nicht über die Grenze führen. Alle Vorstellungen bei den höheren rumänischen Beamten blieben erfolglos, und so mußten die Unterstützungen unterbleiben. Auch das von hier während des Brandes nach Burduscheni zugeführte Wasser wurde nicht über die Grenze gelassen. Wahrhaftig echt rumänisch! Italien. Rom, 28. April. In der heute zusammengetretenen Vorstands-Eommission, wurde der gelehrte Rabbiner und Professor Moses Ehren reich, bisher Präsident des Rabbiner-Seminars, zum Oberrabbiuer der hiesigen Gemeinde erwählt, während für den letzteren Posten Herr Dr. Benedetto Zevi ernannt wurde.

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