Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 39 (19.5.1890)
- Date
- 1890-05-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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709 wir selbstredend, als von so wohlmeinenden Freunden ausgehend, ehren. Wir erwähnen dieses, damit unsere Gönner, wenn sie von unserer Erbschaft hören, nicht etwa meinen, daß wir nunmehr bedürfnißlos wären. Wir sind dadurch, daß uns erst in später Zukunft die Zinsen des unantastbaren Kapitals zukommen, noch eben so arm oder so reich wie früher, daher noch immer auf die menschenfreundliche Unterstützung unserer gütigen Freunde und Wohlthäter angewiesen, daher noch immer dieselbe inbrünstige Bitte: „Gebet unseren Waisen!" Im Laufe des Jahres waren drei und sechszig Waisen in dcr Anstalt.. Entlassen wurden zwei Mädchen und sechs Knaben. Ausgenommen wurden elf Waisen, drei Mädchen und acht Knaben. Augenblicklich weilen fünf und fünfzig Kinder in dieser Anstalt, von denen vier und zwanzig Rheinländer und ein und dreißig Westfalen sind. Zwei unserer Zöglinge haben zu unserer größten Freude ihr Lehrer-Examen vorzüglich bestanden und wirken zur Zufriedenheit der Gemeinden in achtbaren Stellungen. Den Seminarien zu Köln und Hannover, die sie bis zu diesem Ziele geleitet, sprechen wir hierdurch unseren herzlichsten Dank aus. Wir lenken vorzüglich unsere Aufmerksamkeit auf die Schule, suchen dieselbe immer mehr zu heben und zu vervollkommnen und unsere Zöglinge durch strenge Beobachtung der Ceremonialgesetze und einen gediegenen Religionsunterricht mit so religiösem Sinne zu erfüllen, daß dieser ihnen nach ihrem Austritt aus der Anstalt auf ihrem späteren Lebensgange nicht verloren gehen kann. Lobsens. Einen herben Verlust hat unsere Gemeinde erlitten. Am 7. dss. Monats ist eines der hervorragendsten und verehrtesten ihrer Mitglieder, der Kaufmann Louis Elkisch im 76. Lebensjahre nach langem schweren Leiden verschieden. Seit vielen Jahren begleitete der viel Betrauerte in unserer Gemeinde freiwillig die Ehrenämter eines Mohels, Bal-Kore, Bal Tekeo u. A. und hinterläßt durch sein Hinscheiden eine schwer auszufüllende Lücke. In welchem Maße der Verstorbene geachtet und verehrt wurde, bewies der allgemeine ungetheilte Schmerz, den sein Heimgang hervorgerufen. Mit welchem Erfolge er thätig war und was er der Gemeinde und der ganzen Stadt gewesen, davon legte sein gestriges Leichenbegängniß« beredtes Zeugniß ab, an welchem sich außer der ganzen Gemeinde auch der Magistrat und die Stadtverordneten hiesiger Stadt, welchem Collegium der Verstorbene seit vielen Jahren angehörte, betheiligten. Im Sterbehause widmete der Schwager des Heimgegangenen, Herr Kalischer aus Thorn dem scheidenden theuren Verwandten warm empfundene Worte, in denen er darauf hinwies, daß der Verklärte stets bestrebt gewesen, die drei Säulen dcr Welt Thora, Awoda und Gemiluth-Chassadim auszubauen und zu befestigen. Am Grabe widmete Herr Rabbiner Braun aus Schneidemühl seinem Freunde Louis Elkisch einen Nachruf, in welchem er unter anderm darauf hinwics, wie der nun zur ewigen Ruhe, in seinem himmlischen Hause Einziehende, seinen Vorfahren den von diesen ererbten, seit Jahrhunderten wohlklingenden Namen, ehrenhaft bewahrt hat. Mögen die vielen Spenden, welche an der Gruft für das Seelenheil des Verklärten den Armen in Jerusalem geweiht wurden, diesem und uns Allen zum Heile gereichen und möge ihm die Erde leicht sein. n"3j»n Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, im Mai. Mancher politischen Partei ist schon vor den Schranken eines Gerichtshofes ihr Urtheil gesprochen worden, aber das Sittenbild, welches in dem Beleidigungs-Prozesse entrollt wurde, der neulich vor dem Wiener Schwurgerichte endigte, dürfte doch wenige seinesgleichen finden. So also, wie wir sie in diesem Prozesse kennen gelernt haben, sieht die antisemitische Partei, zu der die Massen in Wien sich drängen und die von Wahl zu Wahl ihre Anhängerschaft wachsen sieht, in. der Nähe aus! Während sie nach Außen hin das Programm der allergcwöhnlichsten Judenhetze unter dem sonoren Titel dcr wirthschaftlichen Reform verkündet, kämpft in ihrem Innern Mann gegen Mann, um den Fetzen politischer Macht, den die Partei erobert hat, an sich zu reißen. Kaum gegründet, zerfällt die Partei fast in so viele Fractionen, als sie Mitglieder zählt. Die Partei Schönercr's und Vergani's wird von dem Anhänge Pattai's des Hochverrats beschuldigt, während Pattai dafür von dem Organe der Gesammtpartei in den nnfläthigsten Ausdrückeen als ein Abtrünniger gcbrandmarkt wird. Ein Blatt wird gegründet, um der angeblichen Corruption der gesummten Presse ein Modell der Reinheit und Wahrheit entgegenzustellen; von dem Gemeinderathe Vetter aber, einem der antisemitischen Häupter, hören wir, eben dieses Blatt lüge mehr als alle Jndenblätter zusammengenommen. Türk erklärt Pattai für einen Streber, der, um emporzukommen, sich tiefer als jeder Andere vor den Ministern bücke. Dafür erzählt Pattai, Fiegl