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Der Israelit · 1890-05-15 · Heft 38 (15.5.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 38 (15.5.1890)
Date
1890-05-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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702 leben und denken. Immer und immer muß es unser unausgesetztes Sinnen und Trachten sein, durch die Schule für das Leben zu wirken, durch die Jugend für das Alter. Allerdings ist dies der entgegengesetzte Weg — denn es sollte das Gegentheil sein — doch können wir heute in der gegenwärtig nur dem Materialismus zugewandten Zeit anders als auf diesem Wege wirken? Durch die Kinder sollen die Eltern auf religiöse Sitte und Brauch hingewiesen werden, um sie schon in deren Interesse zur Ausübung unserer heiligen Ceremonien im Hause zu veranlassen. Ebenso soll durch die Schule aus die Abhaltung häuslicher Andachten — Morgens, Mittags und Abends — hingewirkt werden, wenn der Besuch des Gotteshauses während der Woche durchaus nicht zu ermöglichen sein sollte. Wir glauben, daß kein Vater, keine Mutter bei einigem Willen des Kindes — der durch die Schule hierfür wachgerusen und gestärkt worden, sich solchen Bestrebungen entgegenftcllen werden, wenn auch nur ein Funken Religiosität ihnen inne wohnt. Zudem ist cs heilige Pflicht des Rcligiouslehrers schon aus dem Grunde allein in sreundlicheu Verkehr mit den Eltern seiner Schüler zu treten, um hier ein williges Ohr zu schaffen für die Betätigung, der in der Schule ertheilten Lehren; darauf muß zuallererst unser Augenmerk gerichtet sein, unausgesetzt bei Eltern und Kindern für die Ausübung und Festigung unserer heiligen Satzungen im Hause zu wirken. Was sollte wohl daraus werden, wenn die Religionsschule nur dazu da sein sollte, ihre Zöglinge einige Stunden in der Schule zu unterhalten, ohne wirklich nachhaltig durch ihren Unterricht für Lehre und Leben zu wirken? Sollte sie nur eine Anstalt sein und bleiben, die die Schüler bis zur Barmizwa besuchen, weil so etwas Althergebrachtes ist oder weil dies Andere auch so thun? Nein, nie und nimmer! Die Religionsschule hat in erster Reihe zu wirken durch die Theorie für die Praxis, durch die Jugend auf das Alter, durch die Schule für das Leben. Gewiß geben wir zu, daß wir vom Ideale immer noch weit entfernt bleiben werden, doch dürfen wir von dem uns angegebenen Wege nicht abweichen, er wird sicherer zum angestrebten Ziele führen und gewiß segensreichere Früchte zeitigen, als die bisherige Methode es vermochte. Die Theorie muß uns immer zur Praxis hinleiten und die Ausübung derselben bewirken und befördern. Durch die Verbindung oder den engeren Verkehr von Schule und Haus wird manches Samenkörnlein dem letzteren zugeführt werden, das oft reiche Früchte hcrvorbriugen dürfte. Was hat ferner für die Jugend zu geschehen, um den wenig nützlichen Rothbehelf der Jugendgottesdienste überflüssig zu machen? Wir haben im Vorstehenden mit den gegebenen Faktoren gerechnet und angenommen, es sei infolge mannigfacher Umstände dem Sextaner und Quintaner an den Wochentagen nicht möglich dem öffentlichen Gottesdienste beizuwohnen. Doch werden wir dies nie und nimmer auch für den heiligen Sabbat zugeben und auf den neu eingeführten Jugendgottcsdienst Hinweisen, der einmal in 4 Wochen oder 14 Tagen stattfindet. Schließlich könnten die Sextaner aus Uebereifer im Studium von W6N8L und domo und laudo — das oft nach deren oder der Eltern Meinung viel wichtiger sein soll als Synagogenbesuch, — daran vergessen, und der Herr Prediger und Vorbeter könnten sich nun vergnügen und für sich allein Jugendgottcsdienst abhalten. Und warum denn nicht 2 Sie bekommen ja dafür bezahlt, heißt es bei den verehrlichen Gemeindenülglicdern. Ob Jemand kommt oder uicht, sie müssen da sein, dafür bekommen sie ja ihr Gehalt. Was haben sie sonst weiter zu thun? Ja, man geht noch weiter in gewissen Gemeinden, indem man da glaubt, die Herren Cultusbeamten müssen so fromm sein, daß sie alle Sünden der Gemeinde- Mitglieder zu tragen vermögen. Sie sollen auch für all die großen Glückseligkeiten, die ihnen von der Gemeinde geboten werden, auch noch Sündenböcke sein und durch ihr frommes Gegengewicht die Gemeinde vollends mit dem Allgewaltigen aussöhnen. Es sind dies Ansichten, die sich mit der Zunahme der Jrreligiösität ausgebildet haben, welche jedenfalls am allerwenigsten dazu angethan sind, das Ansehen unserer Geistlichen in den Augen des Publikums zu erhöhen. (Fortsetzung folgt.) Zwiespalt und Seelenfrieden Von S. Bachenheimer, Lehrer in Osnabrück. Die Tage der Jugendzeit sind nicht mit Unrecht vielfach besungen worden. Manchem Erwachsenen dürfte oft das Lied in den Ohren wieder klingen: „O selig, o selig ein Kind noch zu sein." Aber die seligen Tage sind dahin. Die Tage der Unschuld, in welcher wir für alles Gute und Schöne, für alles, was dem kindlichen Geiste Liebe, Bewunderung und heilige Ehrfurcht eiuflößte, begeistert waren — sie kehren nimmer zurück. Ach zu schnell, zu bald ist sie entflohen die

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