Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-05-15 · Heft 38 (15.5.1890) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 38 (15.5.1890)
Date
1890-05-15
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448061--30036-2477794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

703 kostbare Jugendzeit und wehe dem, der sie nicht zweckmäßig gebraucht hat. Wie bitter rächt sich oft spät im Leben — der Mißbrauch der schönsten Zeiten des Lebens! Gehe an einem Frühlingsmorgen hinaus in den Tempel der Natur! Wie erfreut die erwachende Natur alle Sinne. „Da zieht die Andacht wie ein Hauch Durch alle Sinnen leise, Da pocht an's Herz die Liebe auch In ihrer stillen Weise; Pocht und pocht bis sichs erschließt Und die Liebe überfließt Vor lautem, jubelndem Preise." Ein geheimer Zauber liegt über Wald und Flur und die Lippen öffnen sich zum Danke gegen den allgültigen Vater im Himmel, der diesen Zauber hervorgebracht. Breitet sich nicht eben ein solcher Zauber über die Jugendzeit aus, in welcher der Geist unserer Lieblinge erwacht, wie draußen die Kräfte der Natur? Und wie alles draußen keimt und sprosset, so gehen auch die Saatkörner der Liebe und der Tugend, des Glaubens und der Frömigkeit auf, die wir in die Herzen der Jugend versenken. Tief und nachhaltig wird alles in den kleinen Herzen wirken und treiben. Und selbst zum Manne oder Weibe herangereist, wird der Mensch die Lehren nicht ganz vergessen und verleugnen, die wir ihm in früher Jugend eingeprägt. — Würden wir uns aber nicht dreifach versündigen, wenn wir in das empfängliche Herz des Kindes, das weich wie Wachs ist, den Zwiespalt säen? Nie wird sich ein Mensch im Leben zurecht finden, der sich auf dem Schulwege verirrt. Er wird mit sich selbst unzufrieden sein, sich sein Leben hindurch im Zwiespalt befinden und Gottes Liebe und Vatergüte nicht nur nicht erkennen, sondern auch an ihnen zweifeln, oder sie, alles Glaubens und Wissens bar, nicht finden können, was fast ebenso schlimm und verderblich ist. Und wollt ihr wissen, wie der Zwiespalt ins kindliche Herz geräth? Er schleicht sich hinein, zuerst ein Zwerg, ein Niese hinten nach, wenn ihr das gläubige Gemüth des Kindes überladet mit Unglauben, mit Grübeleien und Spitzfindigkeiten, wenn ihr ihm Kost gebet, die es nicht verdauen kann. Ein Kind glaubt alles, was ihm der würdige Lehrer sagt, ob's gut ist oder schlecht, wahr oder unwahr, schön oder häßlich, nützlich, oder verderblich. Selbst Märchen dringen so tief in seine Seele, daß es nicht nur, was doch der bloße Zweck sein soll, die Moral erfaßt, sondern, daß die geschilderten Personen Gestalt bekommen, Erdichtetes wahr erscheinet, und das Kind fühlt und denkt bekanntlich früh, weil es ein denkendes Wesen ist. Und nun erst die biblischen Geschichten. Wie tief prägt sich dem kindlichen Gemüthe die Erzählung von der Weltschöpfung, der Erschaffung der Menschen, der Sündfluth, von Abraham und Lot, von Joseph u. s. w. ein! Möchten alle erwachsenen Menschen die Schilderungen der heiligen Schrift für so wahrhalten, s o glauben, wie unschuldige Kinder, es gäbe keinen Unglauben auf Erden, vielleicht keinen Krieg, keinen Lug und Trug. Wohl denen, die sich aus der Schule die Unschuld des Herzens, den kindlichen Glauben hinüber retten ins Leben! Sie nehmen einen Besitz mit. der sie durch's ganze Leben glücklich macht, sie werden den Frieden der Seele finden. Aber mit welcher Wärme muß auch die biblische Gesichte behandelt werden, um ihre Wirkung nicht zu verfehlen! Mit welcher Begeisterung mutz der Lehrer den religiösen Stoff behandeln, um wahrhaft treue Bekenner des Judenthnms zu erziehen! Wie muß er vor Allem seinen Schülern ein leuchtendes Beispiel von Frömmigkeit und Tugend, von Charakterfestigkeit und Pflichttreue sein, um glaubensstarke und überzeugungstreue Israeliten heranzubilden! Ja es gehört ein „ganzer Mann, und ein ganzer Mann ganz dazu," das junge Herz zu bilden, zu begeistern für alles Gute, deu Charakter zu stählen, den Willen zu festigen und das Gemüth gläubig zu machen. Der rechte Lehrgeist bildet hierbei die einzige Garantie, daß die Saaten aufgehen werden, die wir in der Schule säen. „Es ist durchaus nicht einerlei, ob der Lehrer frisch oder schlaff, mild oder barsch, offen oder verschlossen, fromm oder gottlos, zartfühlend oder roh, wahr oder heuchlerisch, treu oder unehrlich ist. Wo der rechte Geist fehlt, da fehlt auch der rechte Segen. (Kehr). Wahrlich! beherzigenswerthe Worte für uns Lehrer! In unserer Macht und Gewalt liegt es, den Trieb zum Guten zu entfalten, daß er über die Schule hinaus im Herzen des Menschen sich fortentwickle. Ich kann mir nicht versagen, die schönen und treffenden Worte Rückerts hierher zu setzen: „Die Zukunft habt ihr, ihr habt das Vaterland, Ihr habt der Jugend Herz, Erzieher in der Hand, Was ihr dem lockern Grunde eingepflanzt, wird Wurzel schlagen; Was ihr dem zarten Zweig einimpsl, wird Früchte tragen. Bedenkt, daß sie zum Heil der Welt das werden sollen, Was wir geworden nicht — und haben werden wollen. (Weisheit des Brahmanen. 5. Buch.) Aber gesetzt nun den Fall, wir Lehr er hätten unsere Schuldigkeit in der Schule gethan, wir wären von dem richtigen Lehrgeiste erfüllt, wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.