Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 38 (15.5.1890)
- Date
- 1890-05-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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694 ihre Glaubensgemeinschaft haben; wer kann sich für gänzlich Unbekanntes begeistern, wer sollte für eine Lehre Opfer bringen, die er nur vom Hörensagen kennt? Der Redner hat bereits mit den Justizräthen Meyer und Makower, wie mit dem Sanitätsrathe Neumann diesen wunden Punkt erwogen, will aber das Resultat der gepflogenen Beratung noch vorläufig der Oeffentlichkeit vorenthalten. Redner rügt auch, daß jüdische Religionslehrer nicht die bei andern Unterrichtsgegenständen herrschende stramme Disciplin zu halten vermögen. Der Vorsitzende der 75. Commission, Fabrikant S. Weinberg glaubt, daß der israelitische Religionsunterricht obligatorisch werden müßte. Derselbe verweist auf die Residenz des österreichischen Staates, wo eine ungenügende Censirung in „Religionslehre" die Versetzung verhindere. Sanitätsrath Blumenthal legt der Versammlung die Frage vor, warum die unter Leitung des Dr. Apolant stehende Gemeindereligionsschule noch immer so schwach besucht werde. Das sei doch ein schlagender Beweis für die Kaltherzigkeit der Eltern, die auf eine gründliche religiöse Erziehung ihrer Kinder gern verzichten und sich mit dem Notdürftigsten begnügen, um nicht in den Verruf der Religionslosigkeit herabzusinken. Auch dieser Redner beklagt die mangelhafte Qualifikation mancher zum Lehramte berufenen Individuen. Scheyer erwidert, daß die geringe Frequenz einer hiesigen Schule keineswegs auf die Lauheit der Eltern schließen lasse, da die große Entfernung vielen Kindern den Besuch einer Anstalt sehr erschwere. Und selbst zugegeben, daß der mangelhafte Schulbesuch eine Folge des herrschenden Jndifferenttsmus sei, so dürfte dies von der weiteren Errichtung von Religionsschulen nicht entbinden. Denn die Gleichgültigkeit gegen alles Religiöse habe in Folge der fehlenden religiösen Institute von Jahr zu Jahr an Umfang gewonnen. Was vom Guten abgewöhnt sei, müßte wieder angewöhnt werden. Redner schlägt vor, daß die Behörden angegangen werden, die Ordinarien der öffentlichen Schulen zu beauftragen halbjährlich von den jüdischen Schülern die Vorlegung einer Religionsschulcensur zu fordern, und danach in die Rubrik „Religionslehre" zu censiren. Repräs. Jsaac rügt den Mißbrauch der Religionslehrer, die ein Kind in einigen Monaten für die Barmizwah vorbereiten und dadurch der Unbildung Vorschub leisten. — Als 4. Gegenstand wird die Lückenhaftigkeit des Besteuerungswesens besprochen und Bezirkseinschätzungcommissionen vorgeschlagen. Fünften und sechsten Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung alljährlicher Rechenschaftsberichte und die Veröffentlichung der Tagesordnung der Repräfentantensitzung in den Tagesblättern. — Der Centralvorstand wird entsprechende Schritte thun, um den Gemeindevorstand zur thunlichsten Berücksichtigung der gefaßten Beschlüsse zu veranlassen. — So weit der Bericht, den wir nach empfangenen Informationen wiedergeben. Wohl hat die Veröffentlichung desselben zunächst nur für die Berliner Judenschaft ein größeres Interesse; dennoch konnten wir uns nicht versagen die gesprochenen Worte der großen Oeffentlichkeit zu übergeben. Denn sämmtliche gehaltenen Reden durchdringt das aufrichtige Verlangen und das wärmste Sehnen die höchst mißlichen religiösen Zustände zu verbessern. Und dennoch wagt keiner der Herren offen und ehrlich den krankhaften Zustand des hiesigen Gemeindelebens ganz bloszulegen. — Sämmtliche Gemeindeinstitute sind in den Händen der Reformer, die alles Positive der jüdischen Lehre aus ihren Lehren und ihrem Leben entfernt haben. Wenn die Religion Israels nichts weiter erstrebt als den Glauben an den Einig-Einzigen zu bekennen, Wahrheit zu reden und Recht und Gerechtigkeit zu üben, so bedarf es keiner besondern Religionsleyrer, welche diese Grundsätze verkünden. Das glauben die Eltern durch Erziehung im Hanse und in der weltlichen Schule zu erreichen, und halten darum ihre Kinder den Bildungsanstalten, welchen der wahrhaft jüdische Geist und das jüdisch-religiöse Leben mangelt, grundsätzlich fern. Daß in Folge dessen eine vollständige Unkenntniß der jüdischen Lehren und der Geschichte Israels entsteht, ist ein beklagenswertes Uebel, aber ein Uebel, welches diejenigen Religionslehrer, welche die religiösen Satzungen mißachten, mit verschuldet haben. Jedes israelitische Kind ist überzeugt, daß ein Religionslehrer, der am Sabbat und Festtagen schreibt und die Speisegesetze nicht achtet, mit den althergebrachten Sitzungen der Religion gebrochen keinen Wirkungskreis hat; welchen Eindruck könnten da die Lehren der Religion auf das Gemüth des Kindes üben? Von welchem Geiste soll die Religionsstunde getragen, von welcher Weihe durchdrungen sein? Welche Mittel stehen dem Lehrenden zu Gebote, um das Gemüth des Kindes für die Lehre Israels zu erwärmen? Was ist Israel ohne die Göttlichkeit der Thora und die Verbindlichkeit ihrer Ge- und Verbote? Der Sabbat ist geopfert, die Tefilin ein überlebter Standpunkt, der Versöhnungstag ein erfundene Institution der Priester, die Propheten nichts als vortreffliche Redner, die Wunder gemütliche Sagen; was bleibt dann von der Religion Israels, die man wiederwecken und pflegen will? Wenn man deren Niedergang beklagt, warum nennt man dies nicht bei dem rechten Namen? Diese Fragen