Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 38 (15.5.1890)
- Date
- 1890-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Beilage?u M 38 des „3stn elit” & „Irschurun'. Zeitungsnachrichten «nd Correfpondenzeu. Deutschland. Berlin, 7. Mai. Der Vorstand des „Central- Vereius zur Vorbereitung der jüdischen Gemeinde- Wahlen" hat gestern wieder eine Sitzung abgehalten. Von den eingeladenen Repräsentanten erschienen: Die Herren Stadtrath Borchardt, Jsaac, G. Löwenberg, Dr. Boas, Leichtentritt, Sanitätsrath Dr. Blumenthal, Geh. Sanitätsrath Dr. Kirstein und Dr. Ehrenhans. Ans der Tagesordnung stand zunächst die Aenderung des Wahlstatuts. Die Versammlung will an Stelle des bisherigen Systems, eine Bezirksvertretung setzen, da bei der stets sortschreitcndeu Ausdehnung der Residenz die Interessen der äußeren Stadtthcilc nur von Einwohnern derselben ausreichend vertreten werden können. — Weiter wurde verhandelt über Errichtung von S y n a g o ge u. Herr Repräsentant Löwenbcrg beklagt, daß der Gcmeindevorstand und mit ihm die Majorität der Repräsentanten von dem bisherigen System der Errichtung von Prachtbauten nicht abgehen wollen. An Stelle der jetzt im Bau begriffenen Synagoge Liudeuftraßc könnten drei Gotteshäuser errichtet werden. Die nach althergebrachtem Ritus eingerichteten Synagogen und Bethäuser sind stets voll, und die Orgelsynagoge mit ihrer Ueberfülle an Schmuck und Pracht bleibt leer. — Diese Klagen kehren in jeder größeren und kleinen Versammlung wieder, vermögen aber nicht die leitenden Gemeinderäthe zur Umkehr zu bewegen. — Herr Eourad Scheyer, der redegewandte Führer der Bewegung, der durch sein energisches Eintreten für die Rechte der Genicinde, das Interesse an jüdischen Angelegenheiten wachgerufen, verweist auf den § 2 des hiesigen Gemeindestatnts, der dem Vorstand zur Pflicht macht für eine geuügeiidc Anzahl Bethäuser Sorge zu tragen. Wenn von den Repräsentanten eingewendet wird, daß der Gemeindevorstand der Ausführung dieser berechtigten Wünsche der Gemcindemitglieder entgegenftche, so läßt sich diesem Hebet durch Wahl anderer Vorsteher, die mit dem Gemeindeleben mehr Fühlung haben, eutgegentreten. Vorsteher, die sich den fundamentalen Grundsätzen einer jüdischen Gemeinde cntgegenftcllen, müssen fügsamer werden, oder pflichtschuldigst zurücktreten. — Auch die Einwendungen, daß eine höhere Besteuerung einen Austritt aus der Gemeinde veranlassen würde, wurde widerlegt. Es ist kein Beispiel einer solch verwerflichen Selbstsüchtigkeit zu verzeichnen; jeder Israelit hat, so lange ihm der Glaube lieb ist, das Streben einer Gemeinschaft anzugehöreu und scheut keine Opfer, um sich dieses thenere Recht zu erhalten. Verschwindende Ausnahmen gestatten nicht eine derartige, das Judenthum tief beschämende Befürchtung auszusprecheu. Der Redner kennt aus eigener Anschauung die Gefahr, welche die Ueberfüllung der Synagogen in sich bürgt und warnt vor den bösen Folgen, die ein solches Zusammenströmen von Menschen nach sich ziehen könnten. Zum Schluffe mahnt derselbe zur Einigkeit. Die Gemeindeleitung müßte allen Parteien gleichmäßig Genüge leisten; einer jeden religiösen Richtung müßten die entsprechenden Synagogen und Schulen zur Verfügung g e st e l l t werden. Denn das höchste Ideal der hiesigen Großgemeinde sei das einmüthige Zusammenwirken aller derjenigen Parteien, die ein Interesse an der Erhaltung des Jndenthums zeigen. — Auch der folgende Redner aus dem westlichen Stadttheile, Herr Oppenheim, beklagt die Hartnäckigkeit des Vorstandes, der sich den Thatsachen verschließe, und der aus den jüngsten Wahlen keine Directive für seine Handhabung der Gewalten empfangen wolle. Es bleibt Alles beim Alien, der Volkswille bleibt ungehört; die Männer, die das Steuer lenken, dünken sich viel zu sicher, als daß die große Menge der Gemeinde ihnen imponiren könnte. Herr Repräsentant Jsaac stimmt den Ausführungen der Redner, welche Synagogcnbau anstreben, vollkommen bei, erklärt aber, daß eine Besserung nur daun zu erhoffen sei, wenn die nächsten Wahlen die Majorität der Repräsentanz verschieben würde, mit der gegenwärtigen Mehrheit ist jede Verhandlung aussichtslos. Als dritter Gegenstand wird die Einrichtung von Rcligionsschulen verhandelt. Stadtrath Borchardt giebt zur Erwägung, wie der tief betrübenden Ignoranz der jüdischen Jugend entgegenzuarbeiten sei. Die israelitischen Jünglinge hätten weder von unserer erhebenden Lehre, noch von unserer herrlichen Literatur Kenntniß; die rührenden Gesänge unserer Psalmisten, die Kämpfe unserer Helden, sind ihnen ganz unbekannte Gebiete, so daß sie fremd auf ihrem eigenen Boden emporwachsen. Was Wunder, daß sie später kein Herz und kein Verständniß für