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Der Israelit · 1890-05-15 · Heft 38 (15.5.1890) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 38 (15.5.1890)
Date
1890-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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68? verhältniß blieb bis zum Tode des Meisters und gewissermaßen bis zur gegenwärtigen Stunde. Der auf dem Gebiet der Religionswissenschaften schöpferisch thätige Schüler erkannte, daß die religiöse Forschung unbeschadet der selbstständigen Bearbeitung unseres Wissensfeldes, dennoch eine selbstlose Unterordnung erheische, und diesem unerläßlichen Gebote kam Hi ld es he im er gewiffenhaft nach. Welche herrliche Blüthen würden unsere Männer der Wissenschaft zu Tage fördern, wenn sie alle von dieser Bescheidenheit, die unsere heilige Thora auch an unserm größten Propheten rühmt, durchdrungen wären, wenn sie es nicht vorzögen, ihren Witz und ihren Scharfsinn in ewigem Negiren und Zersetzen zu versuchen. Jede Wintersaison fördert neue Hypothesen zu Tage, um bald wieder von der Bildfläche zu verschwinden, wenn eine andere Mode geworden. O bedächten doch diese historisch-kritischen Bibelsecirer, daß unser Judenthum längst der Versumpfung verfallen wäre, wenn das gesammte Volk mit deren Theorien gesunken wäre. Gott sei es gedankt, daß uns Männer erstanden in Dr. Hildesheimer und seinen Vor- und Mitarbeitern, die mit der Schärfe ihres Geistes die Kritik unserer allerheiligsten Thora in ihr Nichts zurückschleuderten. Ein Mann, der Hildesheimer in dieses Gebiet einführte, war der sel. Chacham Bernays in Hamburg. Die unbestrittene Größe dieses Meisters der Redekunst bestand darin, die biblischen Schriften nach der Auffassung unserer Weisen zu beleuchten und den Beweis zu erbringen, daß sie mit den gesunden Gesetzen der Vernunft in Einklang stehen, daß alle kritische Schärfe nichts als ein Spiel witziger Laune ist. Von dieser Tendenz waren seine Reden getragen, und von dieser gesunden Kost nährte sich Hildesheimer, während er zu gleicher Zeit mit beispiellosem Fleiß seinen Talmudstudien in Altona oblag. — Ausgerüstet mit diesen festen Grundsätzen kehrte der nunmehr Zwanzigjährige nach Halberstadt zurück, um daselbst nach vollbrachter privater Vorbereitung in die Prima des Gymnasiums einzutreten. Die Mutter desselben, die keineswegs in glänzenden Verhältnissen lebte, ermüdete nicht, um den muthvoll vorwärts strebenden Jüngling von allen materiellen Sorgen zu befreien. Es war ihr höchster Genuß das Licht der Thora, das mit dem Htnscheiden ihres Mannes in ihrem Hause erloschen war, wieder hell aufleuchten zu sehen. — Doch sollte die wackere Frau bald aller Sorgen überhoben werden. Eines Tages erschien bei ihr der Chef der Firma Aron Hirsch u. Sohn, Commerzienrath Josef Hirsch , und bat sie um eine Unterredung. Er habe, wie der joviale Herr zu scherzen beliebte, ein gutes Geschäft vor, das er mit der lieben Freundin abschließen wolle. Die kluge Frau hatte für diesen harmlosen Scherz nichts als ein freundliches Lächeln. Nach einigen launigen Redewendungen fragte endlich der biedere Josef Hirsch wie sich Frau Golde zu einer verwandschaftlichen Verbindung beider Familien verhalten würde, ob es der Mutter genehm wäre, wenn deren Sohn Esriel um die Hand Jettchens, (einer Schwester Josef Hirsch's), anhalten würde. — Daß die fromme Frau der göttlichen Fügung allein vertraute und ihrem Sohne die weiteren Schritte überließ, versteht sich von selbst. — Die Verlobung erfolgte. — Durch die verwandtschaftlichen Beziehung zum Hause Hirsch trat eine neue Aera für den genialen Jüngling ein. Während zahlreiche Talente von der Fülle des Reichthums geblendet, ihr Ziel erreicht glauben und dem süßen Nichtsthun verfallen oder die Pflege der Wissenschaft nur als angenehme Abwechslung gelten lassen, der man bei der dampfenden Cigarre und in wohliger Behaglichkeit einige Stündchen widmet, verharrte Hildesheimer in seinem rastlosen Eifer, sich in den heiligen und profanen Wissenschaften zu vervollkommnen. Er wanderte im Jahre 1840 nach Berlin, trieb an der dortigen Universität Philosophie und Orientalin, pflegte auch die klassischen Sprachen, und versäumte nicht in den Tempeln der Kunst zu erscheinen, um das Wahre, Schöne und Gute auf sein jugendliches Gemüth wirken zu lassen. — Jedoch wb min pi blieb stets sein erster und oberster Grundsatz. Die der Thora zugemessene Zeit durfte keineswegs geschmälert werden. Die Schiurim im Bet-ha-midrasch und die Privatschiurim wurden pünktlichst eingehakten; sie durften keiner andern noch so nützlichen Arbeit weichen. Der fleißige Student, der die Minuten auszunützen verstand, erübrigte auch Zeit, um dem Hegelianer Prof. Werder näher zu treten, um aus dem Born der Weltweisheit die Kraft für seinen künftigen Beruf zu schöpfen. Trotz der emsigen Pflege der Wissenschaften wurde die Erwählte des Herzens nicht vergessen, und ein stattlicher Band, in welchen uns Einblick zu nehmen gegönnt war, belehrte uns, daß ein Briefwechsel zwischen zwei liebedurchglühten Seelen nicht immer in Tändeleien ausarten müsse. Ernst und Würde mit Scherz gepaart, ergießen sich gleich einem würzigen Duft über die eifrig gepflegte Correspendenz zwischen dem jungen Gelehrten und der für den I ü n g e r der Gotteswisse nschaft schwärmenden Braut. Studiengang, Tagesfragen und vieles Wissenswerthe wird in diesen

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