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Der Israelit · 1890-05-15 · Heft 38 (15.5.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 38 (15.5.1890)
Date
1890-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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686 Rabbiner als Lehrer und geistigen Führer der Gemeinde den gesetzlichen Boden entzogen; was Wunder, daß ihre Schutzbefohlenen dann alle Bande mit dem Glauben lösten und nur solange äußerlich mit ihm vereint blieben, als ihre weltlichen Interessen nicht gestört wurden. Winkte ihnen Gewinn, da schleuderten sie ihr Judenthum, das zu einem bloßen Schein herabgesunken war, weitab, um sich einer andern Konfession anzuschließen, die ihnen mehr Vortheil bietet. Da traten sie als glaubenslose Menschen ein, um das Gift ihrer Ungläubigkeit weiterzuverbreiten und dadurch die Gehässigkeit gegen das Judenthum zu befördern. Die jüdischen Ueberläufer, die ehrlosen Pfründenhascher, haben uns viel Elend gebracht, ihre lästerliche Ungläubigkeit wird uns zur Last gelegt, und ihre Gottlosigkeit gewann diesen erschreckenden Umfang, weil ihnen von den Kanzeln herab gepredigt und in den Geschichtswerken erzählt wurde, daß man ohne die göttliche Lehre Israels ein treuer Jude bleiben könne. — Hildesheimer und Genossen verharrten unentwegt auf dem Boden des geoffenbarten Glaubens, lehnten jeden Schacher mit dem Wandel der Zeiten ab, rügten schonungslos die Schäden ihres Volkes, gaben nicht einen Satz preis von dem unantastbaren Vermächtnisse unserer Väter. Sie haben die Getreuen um die Gottesfahne geschaart und ihren Gemeinden die reine sinaitische Lehre erhalten. Diese unschätzbaren Verdienste Hildesheimers um das Gesammtjudenthum werden in die Annalen unserer Nation mit goldnen Lettern eingegraben werden, sie werden nicht schwinden, so lange eine Geschichte der göttlichen Religion bestehen wird. Die Quelle, aus welcher dieses unablässige Streben Hildesheimers, Religiösität zu befördern und zur Gottesliebe anzneisern, ist wie bei den meisten hervorragenden Geistern der Menschengeschichte in der elterlichen Erziehung zu finden. Der Vater H's. R. Löb Glee h'nt, ein Zweig einer alten Gelehrtenfamilie, war ein bedeutender Talmudist und einer jener glühenden Verehrer unseres theueren Judenthums, die ihr ganzes Erdendasein mit seinem Glanz und seinem Genuß für eine selige Stunde in den Hallen der Gotteslehre hingeben. Das Studinm der Gotteslehre und die Erfüllung der religiösen Pflichten betrachtete er als Lebenszweck und den Erwerb als Mittel, welche diesem heiligen Berufe dienstbar sind. Selbst an dem Tage, an welchem er den größten Theil seines Vermögens einbüßte, widmete er einige Stunden dem Vertiefen in das Gotteswort. In dem Vertrauen zu Gott und in der Geringschätzung der vergänglichen Güter fand er die Kraft sich auch in einem höchst kritischen Momente aufrecht zu erhalten. Von einer innigen Glaubenswärme und einer rührenden Menschenliebe war auch die Mutter H's. durchdrungen. In einem solchen vom demüthigen Glauben und tiefinnerster Begeisterung für die Gotteslehre getragenen Hause erblickte Hildesheimer am 27. Jjar 5580 (20. Mai 1820) in Halberstadt das Licht des Lebens. In der jüdischen Schule daselbst empfing Hildesheimer die erste Ausbildung in den religiösen und profanen Wissenschaften. Die Pädagogen, die an dieser Anstalt wirkten, zeichneten sich neben ihrer profanen Bildung durch Gesinnungstüchtigkeit aus, ein Umstand, der vielfach auf die Lebensrichtung Hildesheimers einwirkte. Als der heitere und stets lebensfrohe Knabe die erste schöne Kindeszeit durchschritten hatte, da entriß ihm ein unerbittliches Geschick den wackeren Vater. So hart diese göttliche Heimsuchung für den wissensdurstigen Jüngling war, der mit dem Vater seinen theuersten Jugendbildner eingebüßt hatte; so milderte der Umstand, daß die energische und zielbewußte Mutter die Erziehung der Kinder im Sinne des verstorbenen Gatten fortsetzte, das Herbe des Schicksalschlages. Die kluge Frau entfaltete eine Meisterschaft in der Erziehungskunst; ihr rastloses Schaffen galt nunmehr dem einen Ziele, die verwaisten Kinder nicht die Bitterniß der Vaterlosigkeit empfinden zu lassen. — Wir dürfen auch nicht unerwähnt lassen, daß der Wohlthätigkeitssiun der biederen Frau sich trotz der gesteigerten Haussorgen nicht auf den engeren Familienkreis allein beschränkte, daß vielmehr, wie beim Leben des Vaters, das Wohlthun zur Lebensaufgabe der Familie Hildesheimers gehörte. Als der Jüngling das 17. Lebensjahr erreicht hatte, mußte an eine Trennung von dem trauten Heim gedacht werden. Die Jeschibah zu Altona war das Ziel der ersten Wanderung in die Fremde. Dort schaarte der geistvolle Gelehrte, Oberrabbiner Jakob Ettltnger einen Kreis wissensdurstiger Jünger um seinen Lehrstuhl. Hier gelangte der gründlich vorgebildete Hildesheimer zu einem tieferen Erfassen der rabbinischen Wissenschaft, hier lernte er die Kunst, wie die köstlichen Schätze aus dem Meere des Talmud gehoben werden, hier empfing er gleichsam die Weihe für seinen , eigentlichen Beruf. Ettlingers Geist und Autori- | tat ging auf den Schüler über, der verständnißvoll i den erleuchteten Meister erfaßt hatte. Ettlinger! wurde ihm Vorbild, er gab der Wirksamkeit H's. Ziel und Richtung. Dieses geistige Abhängigkeits-

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