Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 37 (12.5.1890)
- Date
- 1890-05-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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673 nicht unterordnen können und nicht unterordnen würden, selbst wenn noch ganz andere Dinge, wie die Entziehung der durch die christl. Gymnasien übermittelten Bildung auf dem Spiel stände? Hat man vergessen, daß sich Hunderttausende orthodoxer Juden daraus gefaßt gemacht hatten, auf den Genuß von Fleisch gänzlich zu verzichten, für den Fall, daß der Antrag der Thierschutzvereine, das Schlachtvieh vor dem rituellen Schächten zu betäuben, zur Ausführung gelangt wäre? Meint man, daß wir die seit Jahrtausenden hochgehaltene und mit demBlute der Väter getränkte Fahne des Judenthums wegen einiger am Sabbat zu erledigender Schularbeiten sinken lassen würden? So wenig wie der Mohr seine Haut wechseln kann, ebensowenig können wir unsere heiligen Vorschriften in Bezug auf die Sabbatfeier , durch die wir bezeugen, daß Gott der Schöpfer von Himmel und Erde ist, dem Schulplan der öffentlichen Schulanstalten anbequemen. Ja, ruft man uns zu, Ihr könnt als Richter oder Lehrer einen Dispens am Sabbat ja auch nicht beanspruchen, aus dem gleichenGrund könnt Ihr es auch auf dem Gymnasium nicht! Hübsch gemach, meine Herren, Ihre Logik hat ein kleines Häkchen. Einen Anspruch auf ein Richter- oder Lehramt an einer nichtjüdischen Schule hat ein orthodoxer Jude noch jemals oder doch nur ganz selten*) gemacht und wird ihn in dem Bewußtsein, daß ein derartiger Beruf mit seiner orthodox-rituellen Lebensweise nicht in Einklang zu bringen ist, auch wohl kaum jemals erheben. Dagegen hat er vollen Anspruch darauf, daß auch ihm die Bildung in den höheren Lehranstalten, die er, will er sich anständig durch das Leben schlagen, oft nicht entbehren kann, ohne Gewissenszwang zugänglich sei. Die Belästigung, welche daraus den christlichen Mitschülern entsteht, existirt nach allen Erfahrungen gar nicht, so daß man sich erstaunt fragen muß, wie es den Herren Pfeil und Genossen möglich war, etwas Derartiges im Herrenhause vorzubringen. Doch vor unseren Feinden wollen wir uns schon schützen, schütze uns Gott nur vor unseren Freunden! Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 4. Mai. Zur näheren Kennzeichnung des zwischen den „schwarzgelben" und „schwarzweißen" Antisemiten bestehenden Verhältnissen dient der Hergang einer Versammlung der deutschnatio¬ *) Es ist uns nur ein Fall in Frankfurt a. M. bekannt, in welchem ein orthodox-jüdischer Lehrer an einer Schule Anstellung gefunden hat; da ist aber in toleranter Weise der Stundenplan derart eingerichtet, daß der betreffende Lehrer ohne Verletzung des Sabbatgesetzes seinen Amtspflichten voll und ganz genügen kann. Red. nalen Antisemiten, die am Freitag Abend stattfand. Der Obmann des antisemitischen „Politischen Bezirksvereins in Döbling", Herr Gutmann erklärte, daß er und alle seine Gesinnungsgenossen, die Deutschnationalen, keine „Judenfresser" seien, sondern daß er auch Juden hochachte, die sich ehrlich und redlich ihr Brod verdienen. Dann besprach Herr Gutmann die Zerklüftung unter den Antisemiten, durch die das Ansehen der Partei schwer geschädigt worden sei. Dr.. Pattai, der als der eigentliche Störenfried zu betrachten sei, hätte besser gethan, die Klage fallen zu lassen, als gegen Parteigenossen aufzutreten. Durch den Prozeß sei nämlich der Bestand des „Deutschen Volksblatt" sehr in Frage gestellt worden, aber wenn das „Deutsche Volksblatt" auch zu Grunde gehe, niemals werde aus den Trümmern desselben ein Pattai'sches Blatt entstehen, denn die Wirkung dieses Prozesses ist, daß sich viele Antisemiten von der Partei zurückgezogen haben und dem Antisemitismus für immer entsagt haben. Hierauf sprach Abgeordneter Türk und erklärte den Christlich-Sozialen den Krieg bis auf's Messer. Niemals können die Deutschnationalen die Schule preisgeben, und ehe die konfessionelle Schule geschaffen werde, so wie die Klerikalen es wünschen, wolle er lieber, daß die Schule so fortbestehe, wie sie ist. Neu-Sandee. Durch den ungeheuren Brand, dem am 17. April der größte, am dichtesten bevölkerte Stadttheil zum Opfer gefallen, sind mehr als 600 meist ärmere Familien über Nacht an den Bettelstab gebracht und namenlosem Elend preisgegeben worden. Ohne Brod und obdachlos müssen sie selbst bei Sturm und Regen im Freien kampiren. Die Noth und die Verzweiflung der armen vom Unglück Betroffenen ist ergreifend. Unter anderen Bauten sind sämmtliche der israelitischen Cultusgemeinde gehörigen Anstalten, Synagoge, Spital und Bad, ein Raub der Flammen geworden. . Um dem Elend einigermaßen abzuhelsen, hat sich ein Comitö constituirt, dem der Kreisgerichts-Präsident, Bezirkshauptmann, Bürgermeister und andere hervorragende Mitglieder der Bürgerschaft angehören, welches einen Aufruf an die Bevölkerung gerichtet hat. Frankreich. Paris. Die Vorbereitungsschule der Alliance Jsraelite zur Heranbildung von Lehrern für den Orient ist nach einem eigenen Gebäude, in der Nähe des Lots äs Louloxne verlegt worden. Eine historische Erinnerung ist mit diesem Hause verknüpft; in demselben hat der Prinz Pierre Bona-