Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 37 (12.5.1890)
- Date
- 1890-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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671 - " r - sie durch gründliche Behandlung aus der Welt geschafft wird. Es ist besser, die verschiedenen Elemente zu sammeln, zu vereinen und zu versöhnen. Der Herr Kultusminister hat in seinen Schlußworten darauf hingewiesen, daß man nicht ohne besondere Noch trennende Fragen gegenüber den großen Problemen der Jetztzeit herbeiziehen soll. Ich gehe insofern beruhigt aus dieser Diskussion hinaus, als dieselbe sich auf dem Gebiete der Pädagogik bewegt und nicht zu Gegensätzlichkeit und Feindseligkeit geführt hat. Herr v. Kleist-Retzow tritt unter Betonung der Nothwendigkeit, der Schule im Interesse unserer nationalen Entwickelung den christlichen Charakter zu erhalten, lebhaft für die Annahme des Antrages ein, dessen Ablehnung das Land sicherlich nicht verstehen würde. Graf v. Pfeil macht Dr. Miquel gegenüber geltend, daß man sich irre, wenn man glaube, die jüdische Bevölkerung werde sich mit der christlichen amalgamiren. Oberbürgermeister Bötticher, welcher der Ansicht ist, daß die christlich-nationale Entwickelung auf dem Gebiete der Schule in keiner Weise gefährdet sei, spricht sich gegen den Antrag aus. Graf v. d. Schulenburg-Nimptsch und Beetzendorff bestreitet, daß der Antrag irgendwie den Charakter der Intoleranz trage, und bittet, den Antrag anzunehmcn, da alles Deutschthum aus dem Christenthum basire. Der Antrag wird mit geringer Mehrheit angenommen. (Dagegen stimmen u. A. Graf v. Moltke, Staatsminister Dr. Friedberg, Oberbürgermeister Dr. Miquel u. A., dafür v. Wedell-Piesdorf, v. Puttkammer.) Die Ansichten der Presse über die Annahme dieses Antrages sind naturgemäß sehr getheilt. Während die antisemitischen und conservativen Blätter dieselbe mit Genugthuung begrüßen, machen die liberalen Zeitungen dagegen Front und empfehlen dem Judenthume die größte Energie bei Niederdrückung der Absicht, den Antisemitismus auf diese Weise practisch auszunützen. Der Zumuthung der „Frankfurter Zeitung" aber (siehe politische Uebersicht im Abendblatte dieser Zeitung vom 10. Mai), daß die orthodoxen Juden für ihre Kinder nicht mehr, wie bisher, Dispense verlangen mögen, werden wir Orthodoxen nie und nimmer Folge leisten. Wir werden niemals wegen eines materiellen Bortheils eine unser religiöses Gewissen verletzende Pflichtvergessenheit uns zu Schulden kommen lassen. Freilich müssen unsere Söhne auf die Erlangung eines Staatsamtes verzichten, weil die mit einer solchen Stellung verbundenen Amtspflichten mit unseren religiösen Pflichten an Sabbat und Feiertagen collidiren könnten. Aber deßhalb haben die preußischen Juden, sobald sie ihre Kinder zur Heranbildung eines bürgerlichen Berufes die Mittelschulen besuchen lassen, nach der Verfassung, dem Landrecht und nach dem in unserer Zeit in vielen europäischen Staaten und in Preußen besonders allgemein geübten und anerkannten Prinzip der Toleranz und Gewissensfreiheit, das Recht und die Pflicht diese Dispense zu verlangen. Damit wird dem Schulplan durchaus kein Zwang angethan; die Eltern der am Samstag nicht schreibenden Schüler tragen die ihnen von dem Staatsgesetz auferlegten Consequenzen; sie müssen für den Ansfall aufkommen und dafür sorgen, wenn nöthig, daß durch Privatunterricht ihre Kinder stets auf der gleichen Stufe mit ihren Mitschülern bleiben — und dieses Opfer bringen sie gerne — aber nur selten ist dies erforderlich, weil die Kinder orthodoxer Eltern, im Bewußtsein durch ihr Nichtschreiben leicht benachtheiligt zu werden, dem Unterrichte um so größere Aufmerksamkeit widmen, und gar häufig zählen solche Schüler zu den hervorragendsten in der Klasse. Aber auffallend und gar verwunderlich ist es, daß die „Frankfurter Zeitung", die sonst für Gewissens- und Religionsfreiheit eintritt, den Cultusminister Herrn v. Goßler auffordert, den Orthodoxen Gewalt anzuthun und ihr religiöses Gewissen zu verletzen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Würzburg. Dem Jahresbericht des Jsraelitischen Lehrervereins für das Königreich Bayern vom zehnten Jahre seines Bestehens (1889) entnehmen wir: Mit dem nun verflossenen Jahre 1889 schließt das erste Decennium des israelitischen Lehrer Vereins für das Königreich Bayern. Es ist dies ein Zeitraum, der beredt genug für die Lebensfähigkeit unseres Vereins spricht und zu der zuversichtlichen Hoffnung berechtigt, daß er auch ferner wachsen, blühen und gedeihen werde. Wir dürfen rückhaltslos unserer Befriedigung über die seitherige Entwicklung und Thätigkeit des Vereins Ausdruck geben; denn unser Verein kann sich kühn an die Seite ähnlicher Institutionen stellen, ohne von denselben verdunkelt zu werden. Er hat sich mit Gottes Hilfe sowohl die Sympathie hoher königl. Behörden als auch die vieler Gönner zu verschaffen und zu erhalten verstanden. Möge der herzinnige Dank der Wittwen und Waisen, sowie manches bedrückten Kollegen, — pro 1889 wurden 127a Unterstützungstheile an 19 Personen gegeben — denen der Verein seit fünf Jahren hilfreich beisteht, ein Sporn sein für die Mitglieder des Vereins sowohl, als auch für die ihm noch Fernstehenden, um ihm zu seinem weiteren Ausbau und zur Vergrößerung seiner Thätigkeit ihre Mitwirkung in reichstem Maße zuzuwenden.