Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 36 (8.5.1890)
- Date
- 1890-05-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Anlage j» M 36 »es „Israelit" & „Ieschurun Leitender Artikel. Der Krlesdes Frl.v. Schmidt not der Berliner Ktadtversrdneten - Versamminng. Die Stadtv. Dr. Langerhaus, M e y e r I, D egmeier, Frie derlei und Hüth haben folgende Anfrage an den Magistrat gerichtet: „Die Zeitungen berichten, daß, nach einem Briefe der Vorsteherin einer höheren Töchterschule, Fräulein Agnes v. Schmidt, Halleschestraße 20, diese sich im Laufe des verflossenen Winters anläßlich einer Anfrage der Behörde verpflichtet habe, hinfort nur noch christliche Schülerinnen zu nehmen. Ist dem Magistrat von der berichtctcil Thalsache etwas bekannt? Eventuell was gedenkt derselbe in der Sache zu thun?" Zur Begründung der Interpellation erhielt das Wort der Stadlv. Meyer I: Unsere Frage knüpft an den vor einigen Wochen durch die Zeitungen veröffentlichten Brief des Fräuleins v. Schmidt an, und wir haben an den Magistrat die Frage gerichtet, ob und in wie weit diese Thatsache ihm bekannt sei und eventuell, welche Maßnahmen der Magistrat zu treffen gesonnen sei. Sie wissen Alle, daß dieser Fall nicht der erste ist, und daß wir bereits einen Vwlänfer gehabt haben, der allerdings nicht so kraß war, wie der vorliegende; aber ernst zu beachten dürste es sein, daß der Fall Nachahmung finden könnte, und deßhalb sind wir der Ansicht, daß die Bürgerschaft berechtigt ist, die Sache klar dargestcllt zu sehen. Ich habe mich allerdings gefragt, ob es für mich gerade gerathen wäre, in dieser Sache das Wort zu nehmen, allein man verargt es den Katholiken nicht, die Rechte der Katholiken zu vertreten, und als Mitglied der Stadtverordneten-Versamnilnng und als erster Vertreter der jüdischen Gemeinde glaube ich daher berechtigt zu sein, in diesem Falle das Wort zu nehmen. Der Inhalt des Schreibens des Fräulein v. Schmidt lehnt sich ganz strikte an die Stöckersche Agitation. Diese Agitation verbreitete sich gewaltig, als man annahm, daß dieselbe dem Fürsten Bismarck genehm sei. Später erfuhr sie einen Rückgang und dieser Rückgang der antisemitischen Bewegung konnte Herrn Stöcker nicht passen, er ergriff die Gelegenheit im Abgeordnetenhause, um die Judenfrage wieder in Gang zu bringen, und zwar diesmal auf dem Gebiete der Schule. Worauf «gingen nun die Beschwerden des Herrn Stöcker? Er wollte eine Beschränkung des Schulbesuchs der jüdischen Kinder, er sagte, daß der jetzige Zustand in den höheren Schulen zu einer Art Berjudung führt und meint, daß diesem Zustande ein Ende gemacht werden müsse. Die Stadt gibt Millionen für die Förderung des Unterrichts aus und den Juden machte man den Vorwurf daraus, daß sie ihre Kinder mit möglichst vielen Kenntnissen auszustatten bestrebt sind. Es ist ganz unstreitig, daß das Kontingent der jüdischen Zöglinge in den höheren Lehranstalten gegenwärtig ein sehr großes ist; ich glaube aber, die Frage, ob die jüdischen Kinder an Fleiß, Kenntnissen und besonders an Sittlichkeit den christlichen Kindern nachstehen, wird verneinend beantwortet werden müssen. Der Abgeordnete Cremer hat im Abgeordnetenhaus allerdings auch noch von einem antropologischen Grunde gesprochen, welcher die Trennung der jüdischen Kinder von den christlichen verlange, indessen die weiteren Ausführungen mit Rücksicht auf die Tribünen unterlassen. Stöcker, Cremer und Konsorten thun gerade, als ob wir gar kein Rcichsgesetz hätten, welches allen Konfessionen gleiches Recht garantirt. Klarer als die Verfassungsbestimmung ist, kann keine Bestimmung sein, aber die Herren setzen sich überaus leicht über alle Schwierigkeiten hinweg. Wenn man die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses liest, sollte man nicht denken, daß sie im Landtage vom Jahre 1890 stattgefunden hätten, vielmehr im Provinziallandtage voil 1847. Ich selbst bin vor 30 Jahren Gymnasiast gewesen, meine Söhne waren es und sind es zum Theil noch heute, keiner von uns hat je seines Glaubens wegen irgend welche Anfechtungen zu erdulden gehabt. Cramer war auch ein frommer Mann, aber er trug die Frömmigkeit nicht nur auf den Lippen, sondern auch im Herzen. Ich behaupte, daß eine Unzufriedenheit in den Schulen überhaupt nicht bestände, wenn sie nicht durch den Antisemitismus künstlich groß gezogen würde. Man versucht jetzt, hinter das Jahr 1847 zurückzuschrauben. Unter dem frommen Könige Fridrich Wilhelm IV. ist es nie vorgekommen, daß Abiturienten ein halbes Jahr zurückgesetzt wurden, weil sie an den drei höchsten Festtagen im ganzen Jahre gefehlt hatten. Es ist das erste Mal, daß ein Konsens