Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1890)
- Date
- 1890-05-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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635 raelit", dem verehrlichen Sachwalter der jüdischreligiösen Angelegenheiten, meine warnende Stimme zu erheben. Seit einiger Zeit geht man hier mit dem festen Plane um, eine Orgel einzuführen. Wenn man vor vierzig und fünfzig Jahren — und auch damals unter den schwersten Kämpfen — alle Rücksichten bei Seite ließ und, pochend auf die Majorität der meistentheils indifferenten Gemeindemitglieder, die kleinere Zahl der Gesetzes treuen nicht beachtete, sie ost mit „zwei" Händen hinaussticß, so war man damals möglicherweise des Glaubens, man müsse dem Judenthume eine bessere Stellung, Achtung und Anerkennung erringen und könne das nur durch Einführung von Reformen in der Synagoge bewirken. Wer glaubt aber heute noch daran? Hat Berlin nicht den prachtvollsten Tempel, hat cs nicht eine Reformgemeinde, die mit der christlichen Welt den Sonntag feiert, und hat es nicht auch den — Antisemitismus, hat es nicht den Stöcker, der den Rcformjuden die Anklage in's Gesicht schleudert, Feinde aller Religion zu sein? Nach unserem Laupheim scheint von all dem keine Kunde gelangt zu sein. Und wunderbar, nachdem schon seit 50 Jahren Orgeln eingeführt wurden und die prachtvollen Tempel seitdem von Andächtigen — leer stehen, will man hier auf einmal ohne Orgel nicht mehr andächtig sein, nicht mehr beten können! Daß der Gemeindcfriede dabei gestört wird; daß viele Mitglieder dann der Synagoge fern bleiben müssen, und die Erbitterung, die dann selbst innerhalb der Familien die Mitglieder ergreift und entzweit: das Alles nimmt man sehr leicht. Wir meinen, in unseren Tagen, wo von Außen so viel Anfeindungen uns erstehen, sollte man um so mehr sich enge aneinderschließen und in Frieden und Freundschaft mit einander zu leben suchen und nicht leichtsinnig und ohne allen Grund die schwere Verantwortung auf sich laden, den Gemeindcfrieden für immer gestört zu haben. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Möchten das die maßgebenden Persönlichkeiten hier wohl beherzigen und reiflich überlegen und nicht denken, die wenigen Männer seien nicht zu beachten. Es handelt sich nicht um diese Wenigen allein, cs gilt dem Frieden, den man um jeden Preis erhalten sollte; es handelt sich aber auch darum, mit diesem Schritte, der Einführung der Orgel k. mit den Traditionen des alten historischen Judenthums zu brechen, sich loszusagen von dem Glauben unserer Väter. Der Bruch ist leicht geschehen, aber die Rückkehr ist so schwer. Noch einmal ergeht mein Mahn- und Warnungsruf: Laßt die Hände davon, haltet Frieden und belastet nicht Euer Gewissen, Ihr Männer, die Ihr an der Spitze steht! Münster, 15. April. In der hiesigen jüdischen Gemeinde herrschen, laut der „Rheinischen W. Zeitung" Bestrebungen, den Samstag in Zukunft auf den Sonntag zu verlegen. Gerade die einflußreichsten und gebildeten Kreise der Juden erstrebt-n dieses Ziel, während der orthodoxe Theil die Feier aus den Samstag beibehalten will. So weit uns die Verhältnisse in Münster bekannt sind, gibt cs allerdings wohl Elemente, die den thörichten Gdanken einer offiziellen Abschaffung der Sabbatfeicr hegen können. Dieselben dürften aber doch eine so geringfügige Minorität bilden, daß an eine ernstliche Agitation in dieser Richtung wohl kaum zu denken sein möchte. — Oesterr. - Ungar. Monarchie. Prag, 22. April. Die czcchischen Blätt-r veröffentlichen einen Aufruf an die Juden in Böhmen. Dieser Aufruf trägt die Unterschriften der jüdischen czechischen Reichsraths- und Landtags- Abgeordneten, ferner der jüdischen czechischen Mitglieder der Handelskammern und der Gemeindevertretungen in Böhmen. In diesem Aufrufe heißt eS: „Der eben in Wirksamkeit getretene Gesetzentwurf zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Rcligionsgcnossenschaft wird den Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung der Judenschaft bilden, indem er berufen erscheint, nicht nur die äußeren Rechtsverhältnisse zu ordnen, sondern auch die ethische Grundlage des Judcnthums zu kräftigen und zu beleben. Dieser Zweck kann in unseren Tagen nicht erreicht werden, wenn ihm nicht der mächtige nationale Gedanke fördernd zur Seite steht. Bei der Errichtung und Ncu-Organisation der Gemeinden und bei der Entwcrfung und Feststellung der Statuten derselben wird sich auch die Gelegenheit darbicten, der czechischen Sprache jene Geltung und Wirksamkeit zu verschaffen, welche ihr in unserem Vaterlande zweifellos gebührt. Der Gottesdienst soll so eingerichtet werden, daß er auch unsere Glaubensgenossen czechischer Nationalität befriedigt. *) Auch die Schulangelcgenheiten mögen bei diesem *) Der jüdische Gottesdienst, welcher in unserer h. Sprache, der hebräischen, abgchalten wird, befriedigt die Juden deutscher und czechischer Nationalität. Es könnte sich also höchstens um die Predigt handeln! Oder beabsichtigen die Herren einen Reformgoltesdienst einzuführen? Wir fordern unsere geehrt. Leser inKBöhmen und Mähren auf, auf ihrer Hut zu sein. Redaction des „Israelit" und „Jeschurun".