Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-05-05 · Heft 35 (5.5.1890) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 35 (5.5.1890)
Date
1890-05-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448058--29952-2477707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

634 '" Siehe meine Liebe! Pessimismus ist ja eine der Signaturen unsrer Zeit. Und wenn dicjeuues-ie <lor6e bei Champagner und Rothwein pessimistisch angehaucht ist, wenn unsre Dichter oft selbst in glänzenden Verhältnissen im Pessimismus förmlich schwelgen, sollen wir da den Armen, Elenden, den Schiffbrüchigen der Menschheit es verdenken, wenn Erbiterung und Verbissenheit sich ihrer zuweilen bemächtigt! Mit gleichen Ansprüchen an Glück und Segen tritt ja jeder Mensch in's Dasein; die gleiche Sonne leuchtet dem Proletarierkinde wie dem Millionenerben, der gleiche Ehrgeiz. die gleiche Hoffnung, die gleichen Zukunftspläne verbrüdern noch auf der Schulbank oft sie beide. Da tritt das Geschick mit rauher Hand dazwischen. Den Einen führt es aufwärts zur sonnigen Höhe des Glücks, den Andern, vielleicht ebenso Tüchtigen und Würdigen, stürzt es Stufe auf Stufe herab, und froh muß er jetzt noch sein, wenn nicht auch die unterste Stufe der Glückesleiter krachend unter ihm zusammenbricht! Und er sollte stets ausgesöhnt sein mit seinem Schicksal, er sollte nicht zuweilen hadern dürfen mit seinem Geschicke, wenn die unerfüllten Hoffnungen der Vergangenheit ihm nur noch trostloser erscheinen lassen die Gegenwart; er sollte für die Pfennige stets dankbar sein dem Geschicke, das ihm Hunderte und Taufende versprochen?! — Doch ich habe Dich schon lange, viel zu lange in Anspruch genommen. Ich weiß aber, Du verzeihst mir. Ich kenne Dich ja, Du bist mildthätig, Du bist weichherzig, drum verzeihst Du mir, wenn ich versucht habe Dich aufzuklären in einer Frage, die im letzten Grunde aufs Innigste zusammenhängt mit den brennendsten Problemen der Gegenwart. Warum ich mich aber gerade an Dich gewandt, geliebte Leserin, warum ich Dich gestört habe in Deinem dahinfließenden Dasein und unbarmherzig den Schleier weggezogen von den Nachtseiten des Lebens, die weit abliegen von den glückbestrahlten Pfaden des Deinigen? Was Du thun kannst zur Heilung der Noth, was Du thun kannst zur Lösung so schwieriger Probleme? Gemach meine Liebe! Lösen die sog. soziale Frage, das vermagst Du nicht, das vermag ich nicht, dazu gehören so viele sich entgegen arbeitende Faktoren in der eng verschlungenen Maschinerie der Menschengesellschaft, daß darüber wohl das jetzige und wer weiß wie viele Jahrhunderte zur Rüste gehen und ihren Nachfolgern vielleicht noch ungelöst die Frage hinterlassen werden, wie gelingt es, Noth und Elend so weit zu bannen, um allen Menschen wenigstens ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen hier auf Erden. Lösen diese Frage vermögen wir nicht. Aber an ihrer Lösung arbeiten, sie ihrer Lösung wenigstens näher zu bringen versuchen, dazu ist jeder, dazu bin ich, dazu bist Du, dazu — lächle nur nicht sind nicht in letzter Linie die Frauen berufen. Siehe Liebe! Mit nicht hoch genug anzuerkettttendem Eifer, mit rastloser Energie wird von den verschiedensten Seiten, von den verschiedensten Standpunkten aus an der Lösung dieser brenneudsten Frage der Jahrhunderte gearbeitet. Man hat aber, wie ich glaube, bei der Lösung eines Problems, bei welcher es im allerletzten Grunde — zur Ausgleichung der tausend- und tausendfach sich bekämpfender Gegensätze — wenn auch zum größten Theile aus eignem Interesse, nicht ohne Aufgeben gewisser Rechte und Vortheile seitens der Stärkeren zu Gunsten der Schwächeren gehen wird — man hat, sage ich, einem wichtigen Faktor die ihm gebührende Berücksichtigung nicht geschenkt, man hat die Mitwirkung eines wichtigen Faktors nicht hinlänglich angestrebt — ich meine die Pflege der Humanitätsidee der Menschen- und Nächstenliebe, deren Existenz ja nicht zu leugnen, und ohne deren Mitwirkung eine befriedigende Lösung mit Nichten zu erwarten ist. Nur sie kann einen festen Kitt zum Ausgleich der sich bekämpfenden Gegensätze bilden, nur sie das tausendfache Räderwerk der künstlichen menschengesellschaftlichen Maschine vor zu starken Friktionen, vor Erhitzung, vor Zerstörung bewahren. Nur sie kann endlich dazu beitragen den Mächtigen zum Verzicht auf wirkliche und vermeintliche Rechte zu bewegen, nur sie den endlichen Frieden besiegeln auf Erden zwischen Mensch und Mensch, zwischen Interesse und Interesse. Und zur grundlegenden Pflege des Idealen, der Humanitätsidee sind vor Allem die Frauen berufen. Wer die Kinder hat, dem gehört die Zukunft, und in weffen Hand anders als in der der Franen und Mütter liegt die grundlegende Charakterbildung der künftigen Jugend, die einst als Männer bestimmend wirken werden auf die Gestaltung der menschengesellschaftlichen Zustände. Und wahrlich, eine viel größere Schätzung des Idealen, Reinmenschlichen, eine viel intensivere Pflege der Humanitätsidee, der Idee der Gleichheit aller Menschen- und Nächstenliebe ist dringend von Nöthen! Blick' um Dich! Der von Kindheit an systematisch emporgestachelte Ehrgeiz; das auf die Spitze getriebene Utilitätsprinzip; der rücksichtslos geführte sog. Kampf ums Dasein, der den Raubthierprinzipien Vollberechtigung zuerkennt im Wellbetriebe der Menschen; der alle Leidenschaften entfesselnde Jnteressenkampf; der systemastisch getriebene Klasseu- und Rassenhaß, uud wie sie alle heißen mögen die Giftbacillen im menschengesellschaftlicheu Organismus, — drohen das Edle im Menschen zu überwuchern und lassen die Ideale der Menschheit nicht zum Durchbruch kommen. Und da ist es vor Allem der Berus der Frauen als Priesterinnen des Idealen heilend einzutreten in dem Siechthum der Zeit, und in der Erziehung der Jugend allen diesen häßlichen Auswüchsen ein Gegengewicht zu bieten, das sie befähigt und begeistert einst im Leben auch die Humanitätsidee hinauszutragen in den Kampf der Gesellschaft. Und wo bietet sich ein besseres grundlegenderes Erziehungsmittel zum Idealen, zu all den Tugenden der Humanität der Menschen- und Nächstenliebe, zur Pflanzung und Belebung der Idee der Gleichheit aller Menschen, als indem Du Deine Kinder schon von früher Jugend an gewöhnst, auch im verkommensten Bettler den gleichberechtigten Menschen zu achten, als indem Du dadurch, daß Du sie selbst dem Hungrigen ein Stück Brod, dem Bettelnden das Almosen reichen läßt, ihnen früh schon Mitleid, tiefinniges Mitgefühl für die Leiden ihrer Mitmenschen und innige, herzliche Freude am Helfen und Wohlthun anerziehst! Ist Betteln und Hausiren noch verboten in Deinem Hause?! — - Zeitungsnachrichten und Correfpondeuzeu Deutschland. * Laupheim (Württemberg). Eine Notiz, welche der „Israelit" in Nr. 33 aus London bringt, worin gesagt wird, daß viele jüd. Gemeinden Deutschlands durch die seit 50 Jahren eingeführten Reformen ein abschreckendes Beispiel bieten, weil der Friede in den Gemeinden gestört wurde und die Folgen sehr schlimme waren, veranlaßt mich aus ähnlichem bedauerlichen Anlasse im „Js-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.