Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1890)
- Date
- 1890-05-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXI. Jahrgang. Beilage zu m 35 d-s „Israelit" & „Ieschurun". Leitender Artikel. „Ccttrlii unü lauRtttt ist hier uerboten.“ Harmlose Plauderei über ein harmvolles Thema von Markus Hirsch (Frankfurt a. M.) (Schluß.) „Aber es gibt doch so viele Arbeitsscheue, so viele Schnapsbrüder, so viele Unwürdige unter den Bettlern, und forderst Du auch für diese mein Mitleid?" Gewiß meine Liebe! Auch für sie. Auch dem sog. Schnapsbruder darfst Du es weihen. Ich will nicht die „erbliche Belastung", eine angeborene Neigung etwa der Hirnganglien zum Alkohol ins Treffen führen, weil es allerdings fest zu stehen scheint, daß Kinder von Säufern vielleicht öfter diesem Laster verfallen. Aber dies Argument wäre dach nicht stichhaltig. Kein Mensch muß stehlen, kein Mensch muß schlecht sein, weil sein Vater oder Großvater Langfinger gewesen, oder mit der Moral vielleicht auf gespanntem Fuße gelebt. Man kann ja den Hundecharakter bilden, kann dem Hunde, dessen Vater, Groß- und Urgroßvater bis zum ersten Hundeurahn hinauf keine Wurst unvertilgt gelaffen, die Naschhaftigkeit so weit abgewöhnen, daß er unberührt das Essen aus der Restauration für seinen Herrn nach Hause bringt — und der Mensch sollte trinken müssen, weil sein Vater oder Großvater vielleicht noch über den urgermanischen Durst hinaus dem Alkohol gehuldigt? Höchstens schwerer kann es vielleicht dem erblich Belasteten werden, sich aus grader Bahn zu halten, und als Milderungsgrund kann man die erbliche Belastung, hie und da gelten lassen. Aber abgesehen davon, kennst Du denn die Genesis vieler sog. Schnapsbrüder? Siehe m. Liebe! Du hast gewiß schon davon gehört, daß der Alkohol ein sog. Sparmittel des Organismus ist — und aus dem Sparen wirst Du dem Bettler keinen Vorwurf machen! — ein Heizmittel, das die nicht mit Beefsteaks und Roostbeef gespeiste Maschine arbeits- und duldungsfähig machen muß im trübseligen Kampfe des Daseins. Willst Du es nun dem armen hungernden und frierenden Menschen, der vielleicht in einer Scheune genächtigt hat, verargen, wenn er für den ersten Pfennig, den er bei Dir erbettelt, sich erst den anreizenden Schnaps kauft, der ihn für den Augenblick wenigstens mehr auf den Damm bringt als das Stück Brod, für das er erst den zweiten Pfennig über hat? Und ist es nicht viel eher erklärlich und entschuldbar, wenn bei ihm der Schnapsgenuß gelegentlich ausartet, und er sich zuletzt Vergessenheit antrinkt für die Mühsal und Trübsal des Daseins, — als wenn Dein Nachbar in Cognac und Sect sich die Gesundheit ruinirt und das Delirium streift? Soll ich Dir übrigens einen guten Rath ertheilen? Dem notorischen Schnapsbruder reiche lieber eine Tasse Suppe oder heißen Kaffee mit Brod, dann hast Du ihm physisch und moralisch mehr genützt, als wenn Du ihm in moralischer Entrüstung die Thüre weist! Und Arbeitsscheu! Ich behaupte, die allerwenigsten, wirklich Arbeitsscheuen, sind es von Anfang an. Die Millionen und Millionen, die in Fabriken, in Spümereien, in Bergwerken u. f. w. in harter, harter Arbeit oft bei wahrhaftigen Hungerlöhnen ihr -Leben mühselig fristen, beweisen das. Arbeitsscheu, wirklich arbeitsscheu wird der Mensch nur selten. Es kann wohl Vorkommen, daß der Handwcrksbursche, der Taglöhner, der Wochenja monatelang ohne Arbeit zu finden, auf der Landstraße umherirrt und „uugebessert" durch diversen Gefängniß-Aufenthalt, der ihn wegen Bettelns und Obdachlosigkeit in der Hochschule der Moral zu Dieben und Verbrechern gesellt,"zum arbeitsscheuen Vagabondcn herabsinkt, der erbetteltes Brod dem redlich verdienten vorzieht. Aber das sind doch nur die Ausnahmen. Es beweist dies ja auch die stete Ueberfüllung der sogen. Arbeitsasyle und Arbeitscolonien, die leider in viel zu geringer Anzahl bestehen und durch ihren oft pietistischen Anstrich nicht grade anziehend wirken. Wäre es nicht überhaupt humaner und rationeller, die Besserung der Menschen, ihre Erziehung zur Moral und Sittlichkeit eher bei den Reichen als bei den Armen zu beginnen? Man klagt soviel über Schlechtigkeit, Gottlosigkeit, Jmmoralität der Armen — sollte man isie hnen nicht viel eher verzeihen, als dem Reichen? Siehe m. Liebe! Schlechte Erziehung, schlechter Umgang, mangelhafte intellectuelle und moralische Bildung, und dann Hunger, Elend und Noth, diese Ziehmütter der Jmmoralität und Verbrechen, ist ihnen der Arme, der Bettler nicht hundertnicht tausendmal mehr ausgesetzt und preisgegeben als der Reiche? Und doch sehen wir gar wohl jeden Splitter im Auge des Armen, und stoßen uns gar oft nicht am Balken in dem des Reichen. Dem Armen, der falsche Angaben macht oder gar auf ein gefälschtes Attest hin ganze 10 Pfennige ergattern will, weisen wir entrüstet die Thüre, — und sind glücklich über den Gruß oder gar den Händedruck des Millionärs, der, auch nicht immer auf streng rechtlichem Wege zu seiner ersten Million die zweite — erworben. Wir ertheilen viel eher Dispens dem Reichen, und gehen gar strenge zu Gerichte mit jedem Verstoß des Armen, dem doch sehr oft mildernde Umstände zur Seite stehen. Also geliebte Leserin! Habe Nachsicht mit dem Armen, gedenke stets dieser mildernden Umstände und mache Dir keinen Skrupel daraus, wenn Deine Pfennige oder Reichsmark nicht immer Tugendhelden zu Gute kommen. „Aber das muß doch zugestanden werden, Bettler sind häufig so „unfreundlich" verbittert und durchaus nicht immer dankbar für die Wohlthaten, die wir ihnen erweisen." Gewiß meine Liebe! kommt dies Alles nicht selten vor. Aber wir üben doch die Wohlthaten nicht um Dank zu ernten, wir üben ja aus Menschenliebe, aus Mitleid, aus Pflichtgefühl dem Armen zu helfen, und gewiß hat der Arme hierfür dankbar zu sein. Und er ist es ja auch in der überwiegenden Mehrheit der Fälle. Und ist er es zuweilen nicht, nun so werfen wir einmal einen Blick in die Psyche des Armen und fragen uns, ob es nicht viel eher ein Wunder ist, daß die Armen nicht noch viel öfters verbittert und verbissen und nicht so wie es gebührt dankbar sind für die Gaben, die das Geschick ihnen in den Schooß wirft?