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Der Israelit · 1890-05-05 · Heft 35 (5.5.1890) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 35 (5.5.1890)
Date
1890-05-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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62t termin vor dem Schiedsmann statt. Die beiden streitenden Pastoren waren erschienen. Herr Stöcker lehnte es ab, vor dem Schiedsmann zu verhandeln, weil derselbe jüdischer Confession sei, und setzte dasselbe auch bei seinem Herrn Amtsbruder voraus. Pastor Witte aber erklärte, daß er dem biblischen Wort gehorchend unterthan sei der Obrigkeit, denn es sei feine Obrigkeit ohne von Gott. Herr Stöcker entfernte sich daraus, und es wurde demgemäß ein Protokoll ausgenommen. Würzbnrg, 29. April. Vor dem Schwurgericht wurde heute wieder eine jener traurigen Duellaffairen behandelt, die dem Antisemitismus ihren Ursprung verdanken. Paul Königsfeld, geboren am 29. November 1865 zu Kodier in Schlesien, Sohn eines Gast- und Landwirthes dortselbst, war im letzten Semester Stndirender der Medizin an hiesiger Hochschule und ist Unterarzt der Reserve. Er ist beschuldigt und vollauf geständig, den ounä. med. Paul Freuer aus Rakitt in Pommern im Zweikampf am 21. März im Guttenberger Wald erschossen zu haben. Der Thatbestand ist in Kürze folgender: Am 19. März war Angeklagter mit Collegen in der Restauration Klüpfel auf der Juliuspromenade. Dort verblieb er bis gegen 11 Uhr Nachts, um welche Zeit er sich in den Concertsaal Schieferstein begab. Königsfeld nahm an dem Tisch des ihm bekannten Mediziners Freuer Platz, an welchem auch einige Sängerinnen und andere Studenten saßen. Ein College des Königsseld zog ihn nun wegen seines mangelhaften Billardspieles auf und sagte, „Du willst Billard spielen, laß' es lieber sein", worauf K. entgegnete, „ich kann mir's erlauben." Diese Worte gefielen dem anwesenden Freuer nicht, weshalb er zu Königsseld sagte: „Sie haben eine großsprecherische Schnauze, Sie haben doch kein Geld." Königsseld erwiderte: „ich bitte Sie, was wollen Sie von mir." Nach diesen Worten begann Königsfeld eine Partie Billard. Er kannte den Freuer zu gut, da er mit ihm gleichzeitig bei den Cimbern kneipte und wußte, daß dieser, wenn er getrunken, derartige Aeußerungen machte. Freuer wiederholte diese Worte noch einmal, hieß K. herauskommen, was er auch that. Im Hausflur nun redete Königsfeld den Freuer mit den Worten an: „ich soll meine Schnauze halten," worauf Freuer sagte: „ja, Sie sollen Ihren Mund halten, Sie sind ein ganz unverschämter Judenbengel." Er zog darauf zum Schlage aus, K. kam ihm aber zuvor und versetzte dem F. einen Hieb ins Gesicht. Nun rangen Beide mit einander und F. riß sogar K.'s Rockärmel herunter. Durch Hinznkommen eines Dritten trennten sie sich. K. ließ sich Hut, Ueberzieher und Stock herausgeben und ging von dannen. Freuer ging ins Zimmer zurück. Anderen Tags ließ er durch denStudirenden Fritz Gottschling aus Kettewitz den Freuer auf Pistolen fordern, welcher die Forderung auch annahm. Am 21. März dieses Jahres um die Mittagszeit kam nun das Pistolenduell im Guttenberger Walde in Gegenwart eines sogenannten Unparteiischen, zweier Sekundanten und zweier Aerzte zum Austrag. Auf dem Wege dahin machte Königsfeld einem Arzte gegenüber die Aeußerung „heute gibt's noch was zu thun", welche Worte er nach seiner Angabe beim Verhör auf sich bezogen haben will, da er die Ahnung hatte, er würde fallen. Im Walde angekommen, nahm nun der sog. Unparteiische die Schrittzählung (10) vor, lud die Pistolen vor ihren Augen und nun wurde noch ein Bersöhnungsversuch gemacht, welcher von Königsfeld abgelehnt wurde. Auch einen zweiten Versöhnungsversuch seitens Freuer's lehnte K. entschieden ab. Daraufhin nun stellten sich Königsfeld und Freuer zum Kampfe bereit. Beim dritten Kugelwechsel aus einer Entfernung von ungefähr 21 Metern brachte Königsfeld dem Freuer eine Schußwunde mit nahezu wagrechtem Verlauf von rechts nach links bei, durch welchen Schuß die Leber, die große und untere Hohlvene, der Magen und die Milz verletzt wurden, was den nothwendtgen und unmittelbaren Tod durch Verblutung zur direkten Folge hatte. Freuer stürzte augenblicklich zusammen und Königsfeld reichte ihm nun — es war zu spät — die Hand zur Versöhnung. Die Aerzte legten einen Verband an und man verbrachte den mit dem Tode Ringenden in die Chaise, um ihn in's Juliusspital zu überführen. Auf dem Wege dahin gab er seinen Geist auf. Königsfeld stellte sich sofort der Polizei und wurde, da Fluchtverdacht bestand, auch in Haft genommen. Er wollte später Caution stellen, um auf freien Fuß zu kommen, doch die Annahme wurde verweigert. In der Haft nun schrieb er einen herzzerreißenden Brief an seine Eltern, in welchem er sich als Mörder bekannte und sie um Verzeihung bat. Der Brief wurde aber an dieselben nicht abgeschickt. Das Verhör des Angeklagten ergab nichts Wesentliches, er bekannte sich schuldig. Die Zeugen bekundeten, daß die Beleidigung eine schwere gewesen, daß aber K. nach dem 1. bezw. 2. Kugelwechsel von der weiteren Durchführung des Duells hätte absehen können. Königsfeld gilt als Renommist und Freuer als ziemlich hitzig. Urtheil: 2 Jahre 6 Monate Festungshaft, 38 Tage Untersuchungshaft

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