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Der Israelit · 1890-05-01 · Heft 34 (1.5.1890) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 34 (1.5.1890)
Date
1890-05-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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607 nur, weil wir nichts von Euch wissen wollen", giebt ein baumstarker, gut gekleideter und dem antisemitischen Anrempler in jeder Beziehung überlegener Weinheimer Arbeiterführer zur Antwort: „Ja, wenn wir nach Eurem Recept bei den Inden einbrechen und plündern wollten, da würden wir keine Lumpen, sondern Ehrenmänner nach Eurem Herzen sein. Im Uebrigen verbitt' ich mir, daß Sie mich dutzeu; mit Tagedieben wie Sie, dutze ich mich nicht." So und ähnlich waren die stürmisch bewegten Zwiegespräche, bis Herr Hentschcl an einem der zur Ucberwachung erschienenen wackeren Weinheimer Polizeiwachmann — die Polizei benahm sich mustergiltig — herantrat und ihn bat, ihm und seinen Freunden zum Thor hinaus zu verhelfen, damit sie ungesehen verduften könnten. Der Bitte wurde gerne willfahrt. Ein Gensdarm oder Polizeiwachtmann — im Gedränge konnte man die Uniform nicht sehen, sagte sehr treffend zu dem Antisemitenhäuptling: „Da sehen Sie, mein Herr, am besten, wohin Aufwiegeleien führen; gewöhnlich haben die Ruhestörer zu allermeist unter der Unruhe zu leiden." Herr Hentschel hatte nicht die nöthige Sammlung, um sich in einen Disput einzulassen; er war froh, unter Bewachung das Lokal verlassen zu können, denn die Rufe: „Bübchen, das nächste Mal gibt's Keile", wurden immer allgemeiner; er schlüpfte durch die Hofeinfahrt weg, rettete sich in das Hans des Bender'schcn Instituts und jagte nachher zur Bahn, um den halb 5 Uhr Zug zur Flucht zu benützen. Die anwesende Socialdemokratie, deren Führer Herrn Hentschel vor „handgreiflicher Berührung" schützten, gab inzwischen die nöthige Illustration zu den Worten des hessischen Staatsministers Finger, „daß die Frucht der antisemitischen Saat die Socialdcmokratie pflückt." Während Dr. Hentschel unter Polizeibedeckuug in's Freie klitschte, bestieg Herr Süßkind eine improvisirte Tribüne und hielt hierauf eine 1 ^^frnnbtge stürmisch acclamirte Rede über Antisemitismus und Socialismus, über Puttkamerei und Stöckerei im Gegensatz zu den Zielen der Socialdemokratie, darauf hinweisend, daß die Gesellschaft Böckel-Pickenbach-Hentschel zwar dein Agrarier- und Junkerthum in die Hände arbeiten wolle, aber thatsächlich für anarchistische Zwecke und Ziele wirke. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 23. April. Der bekannte Missionspfarrer Faltin erstattete ausführlichen Bericht in den „Nachrichten für die cvangel. Kirche" über die Thätigkcit der Judenmission in Rußland. Pastor Faltin ergeht sich in Lobeserhebungen über den Israeliten P. in O., welcher „eine Anzahl christlich gesinnter Glaubensgenossen um sich versammelt, denen er jeden Sonnabend Vorträge über Gottes Wort hält", und „nicht nur selbst das meiste Bestreben hat, die Wahrheit zu erfassen, sondern dieselbe auch mit seinen Volksgenossen zu bekennen". P. möchte sofort Christ werden, muß dies aber nur „aus Furcht, sein Amt und seine irdische Existenz zu verlieren, auch des Zusammenhangs mit seinen noch ungetauften Glaubensgenossen verlustig zu werden," unterlassen und will daher „still auf dem von Gott gewiesenen Gebiete Weiterarbeiten, wie er es schon seit Jahren gethan". Zum Schluffe bedauert Faltin, daß P. seine recht guten Vorträge nicht unter Israel verbreiten könne, da seine Mittel nicht ausreichen, dieselben drucken zu lassen. Allgemein war man neugierig, zu erfahren, wer dieser P. in O. sei. Durch die Güte des Herrn Reichsrathabgeordneten Dr. Bloch, dem ich die folgende Mittheilung verdanke, bin ich in der Lage, den Schleier zu lüsten und den sauberen Herrn beim rechten Namen zu nennen. Dieser P. in O. ist kein anderer als der staatlich angestellte jüdische Lehrer I. Priluker in Odessa. Dieser Ehrenmann, der etwa 30 Jahre alt sein mag, war vor einigen Monaten hier in Wien und machte damals auch Herrn Dr. Bloch das „Vergnügen" seines Besuches, indem er sich demselben als einen Juden vorstellte, der die Reformirung seiner Glaubensgenossen in Rußland anstrebe. Herr Dr. Bloch, dem der „Reformator" sehr verdächtig erschien, wies auf die von Nabbinowitsch projectirte Sekte „Neu Israel" hin, worauf Priluker sich gegen den Verdacht, ähnliche Tedenzen zu verfolgen, verwahrte und betheuerte, daß er ganz Anderes, als Rabbinowitsch, der dem Judenthum nur geschadet habe, anstrebe, er sei Jude. Einige Zeit darauf erhielt Herr Dr. Bloch eine Broschüre zugeschickt, welche die Predigt eines hiesigen Missionspredigers enthielt und mit einem Vorworte des Herrn I. Priluker, welcher dieselbe herausgab, versehen war. Einige Tage später war ich gerade zugegen, als Priluker bei Herrn Dr. Bloch vorsprach, wahrscheinlich um sein Urtheil über jene Broschüre zu vernehmen. Gleich nach seinem Eintritte wurde er von Herrn Dr. Bloch, der ihn sehr kalt empfing, tüchtig in's Verhör genommen. Auf die Frage, was er denn eigentlich in Wien treibe, verschanzte er sich hinter Ausflüchten, daß er hier mehrere Schriften hcrausgeben, Propaganda für seine Ideen der „Reformirung der Juden" machen wolle rc.

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