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Der Israelit · 1890-05-01 · Heft 34 (1.5.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 34 (1.5.1890)
Date
1890-05-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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606 An diese Erörterungen schließt sich dann die Schlußfolgerung, welche Ihr Telegramm bereits brachte und in den Sätzen gipfelt: 1. Die Rekurse werden insofern als begründet erklärt, als dieselben gegen ein unbedingtes Verbot des Schächtens durch die cantonale Gesetzgebung gerichtet sind. 2. Gegen cantonale Gesetze und Verordnungen oder Ortspolizeireglemente, welche das Schächten blos bedingungsweise gestatten, ist von Bundeswegen nichts einzuwenden. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen Deutschland. Darmstadt, 16. April. Die heutige Sitzung der zweiten Kammer betraf die Fortsetzung der Generaldebatte über die Ergebnisse der Landwirts)« schaftsenqnete. — Staatsminister Finger führte aus, daß verschiedene Bemerkungen Osann's zu dem Glauben führen könnten, als werde unser Land schlecht verwaltet, in dieser Beziehung wolle er das Urtheil getrost der Kammer überlassen, Osann habe zu stark aufgetragen. Das Enquetewerk sei ein äußerst verdienstvolles. Auch in früheren Zeiten sei die Lage der Landwirthschaft häufig eine ungünstige gewesen. Was die antisemitische Bewegung anlange, so müsse er diese als eine bedauerliche Erscheinung bezeichnen, um so mehr, als er wisse, daß sich in Oberhessen sogar ein Diener des Evangeliums au derselben betheiligt habe. Die Juden nach Palästina zurückzubringen, gelinge nicht, aber es sei auch schwer, die Verführten in ordentliche Bahnen wieder einzulenken. Auch hochgestellte Persönlichkeiten hätten sich der Bewegung angeschlossen, aber man werde sich täuschen, wenn man glaube, dem Konservatismus oder derReligion damit zu nutzen, den alleinigen Vortheil ernte die Sozialdemokratie. Diese aber würde bei Durchführung ihrer Ideen den Menschen zur Maschine degradiren und die reinste Sklaverei zu Einführung bringen. Weinheim. Der in Handschuchsheim lebende russisch-polnische Unterthan Dr. Hentschel, seines Zeichens ein gewesener Chemiker, hat sich zu gestern in Weinheim angemeldet, um die Lehre vom unverfälschten urgermanischen Antisemitismus zum Besten zu geben, was dieser russisch-nihilistische Apostel der Böckelei und Stöckerei zu seiner, wie er sagt, Lebensaufgabe gemacht hat, seitdem der Verkauf eines Patents ihn in den Stand gesetzt, seinen äußeren Menschen mit einem weißen Strohhut und einem neuen Regenschirm verschönern zu können. Die Versammlung war auf a*/, Uhr festgesetzt und das Lokal drückend voll. In diesem Moment betritt ein kleines, unscheinbares Männchen mit weißen Strohhut und neuen baumwollenen Regenschirm, an der Seite dreier grüner Bürschchen im Alter von 15—16 Jahren, zweier oder dreier Couleurstudenten, die aus der interessanten Gegend der Kikeritze und Jtzenplitze stammen mögen und die ihre studentischen Abzeichen auch hier, den Universitätsgesetzen zum Trotz zur Schau tragen, sowie der Lehrer Sturm und Bernhard vom Bender'schen Institut in Weinheim und des bekannten antisemitischen Lehrers Sevin aus Ladenburg den Saal, richtiger die Wirthsstuben. Das ist das Signal zum Sturm. Hundert Fäuste erheben sich, aus hunderten Kehlen dringen allerlei unartikulirte Laute, eigenartige Koseworte oder hie und da kernige Flüche heraus. Weinheimer Bürger und Arbeiter wollten den Schimpf nicht dulden, den ihrem Orte ein „Polacke ans Rußland" angethan, sie wollten einen Apostel des Hasses nicht zu Worte kommen lassen, denn der Friede unter den Confessionen steht ihnen höher, als die eben geschilderte Gesellschaft. Das Pfeifen und Johlen wollte kein Ende nehmen und als dem Ruf: „jagt ihn zum Ort hinaus", „wirft ihn aus dem Saal", die That zu folgen schien, verschaffte die Stimme des Arbeiterführers Süßkind sich Gehör und er bat um Ruhe, damit der illustre Redner aus Lodz in Rußland seine slavische oder deutsche Litanei tit Formvollendung herunter lesen könne, „dann kommen wir daran", schloß Herr Süßkind. Und Ruhe trat ein: mäuschenstill verhielt sich das Publikum, das die beiden zusammenhängenden geräumigen Wirthsstuben überfüllte. „Ich bin Dr. Hentschel (vielstimmige Rufe: Pfui! Pfui! Runner mit ihm! Jagt ihn zum Städtle raus! Wir brauchen keine Russen!) . . . Ich bin — hebt der Redner noch einmal an — Dr. Hentschel ans Handschuchsheim und habe das Lokal gemiethet . . . ." Weiter kam der be—rühmte Mann nicht. Ein Gejohle entstand nun, das jeder Beschreibung spottet. An jedem Tisch kam es zu ernsten lauten Debatten gegen den Einbcrnfer. Einem Diseurs, dem der Schreiber dieses an einem der Tische beiwohnte, entnehmen wir: „Ja", sagt einer der wenigen Begleiter Hentschels zu seinem Tischnachbar, „so sind die Lumpen, die sich mit Bier bezahlen lassen." „Lumpen" sind wir für Euch Lotterbuwn Wohl

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