Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 34 (1.5.1890)
- Date
- 1890-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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602 Schweiz. Basel, 13. April. Am vergangenen nvv bw feierte der Vorsteher der hiesigen Gemeinde, Herr Banquier S. Dreyfus - Neumann seinen 70. Geburtstag und zugleich das Jubiläum seiner 25jährigen Amtsthätigkeit. Die Feier legte deutliches Zeugniß ab von der allgemeinen Anerkennung der Verdienste des Jubilars, unter dessen Leitung die Gemeinde aus kleinen Anfängen zu ihrer jetzigen Größe sich entwickelt Hut. Nachdem Herr Dreyfus zur meen aufgerufen worden war, sang der Verein „Erholung" den Psalm 13. In seiner darauffolgenden Festpredigt über den Text: 'na wean nay ntt'öai gedachte unser Rabbiner Herr Dr. Cohn, der unermüdlichen Hingebung des Jubilars für das Wohl der Gemeinde, seiner trotz seines hohen Alters jugendlichen Arbeitsfreundlichkeit, wie er in Bezug auf die Erhaltung der religiösen Institutionen und in Bezug auf den Gottesdienst die Gemeinde bisher auf dem Wege unseres heiligen Religionsgesetzes erhalten habe und wie er in Bezug auf Wohlthätigkeit weit uub breit ein leuchtendes Vorbild sei. Mit dem Segenswunsche, daß Gott den Jubilar noch recht lange zum Wohle und zum religiösen Gedeihen der Gemeinde wirken lasse, schloß die Rede, die auf die dichtgedrängte Zuhörerschaft sichtlich tiefen Eindruck machte. Nach dem Gottesdienst wurde unter verschiedenen, vorzüglich ausgeführten Gesängen der „Erholung", von dem Vicepräsidenten der Gemeinde, Herr Constant Lcvy, mit einer Ansprache Herr Dreyfus eine prachtvolle, künstlerisch aus Pergament ausgesührte Adresse überreicht. Dieser dankte tief gerührt für alle Anerkennung, die ihm zu Theil geworden, indem er bescheidener Weise alles Lob, das ihm gespendet worden, der Gemeinde und ihrer musterhaften Opferwilligkeit zuerkannte. England. London, 24. April. Allgemeines Aufsehen erregte die gestern erfolgte Veröffentlichung der Tagebücher Sir Moses Montefiore's, des berühmten Menschenfreundes. Dieselbe erfolgte unter der Leitung Dr. Löwe's, welcher als intimer Freund der Familie Montefiore allzeit nahegestanden und auch in der Sterbestunde Sir Mofts' an dessen Lager zugegen gewesen ist. Während der privaten Wohlthätigkeit des großen Mannes, welche sich bekanntlich auf alle Bedürftigen ohne Unterschied des Glaubens ausdehnte, nur vorübergehend gedacht wird, erhalten wir in den zwei Bänden, welche die Memoiren umfassen!, ein imponirendes Bild der unermüdlichen Thätigkeit Montefiore's zu Gunsten seiner Religionsgenossen, für deren moralische und materielle Hebung er nicht nur in vielen Ländern Europas, sondern auch Asiens und Afrikas in halbdiplomatischer Mission so erfolgreich gewirkt hat. Sind die Schilderungen aus dem Familienleben Sir und Lady Montefiore's in vielen Stellen rührend, so entbehren sie gleichzeitig nicht eines hohen Interesses als Beiträge zur politischen und sozialen Geschichte unseres Jahrhunderts. Folgende Stellen seien zur Charakterisirung der Grundsätze des großen Wohlthäters der Menschheit dem Buche in freier Uebersetzung entlehnt: »Wer seine Hoffnung auf der Menschen wack'res Ausseh'n baut, Lebt wie ein trunkener Matrose aus dem Mast, Mit dem Wanken nur bereit zum Sturz, In der Wasser todtbringende Tiefen." „Gib dich zufrieden mit bescheidenem Gewinn, Greis' träumend nicht nach jedem Schatten. Auskommen, Friede und ein wohlverbrachtes Leben Sind Segnungen, die niemals schwinden können, Und der, der schwächlich seufzt nach mehr, Vermehrt sein Elend nur, nicht seine Schätze." Moses Montefiore war dreißig Jahre alt, als er diese Stelle niederschrieb. Er hat bis zum Schluffe seines langen Lebens treu danach gehandelt. F e u i U e t o ti. Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Wiederum waren mehrere Jahren verstrichen, Hugo war ein kräftiger, blühend schöner, junger Mann geworden, die Freude und der Stolz seines Vaters. Er hatte das Gymnasium absolvirt und befand sich im zweiten Semester auf der Universität, wo er den juristischen Studien oblag. Wildau hatte Anfangs daran gedacht, dem Plane seiner verstorbenen Frau entsprechend, während Hugo's Studienjahre mit ihni in die Universitätsstadt zu übersiedeln. Doch er hatte kurz zuvor in der Nähe seiner Heimathftadt die Leitung eines größeren Werkes übernommen, und überdies kam es ihm doch einigermaßen lächerlich vor, den Sohn auch während der Universitätsjahre nicht von sich lassen zu wollen; so entschloß er sich denn das zu thuu, was er bei Lebzeiten seiner Frau schwerlich gethau haben würde, er ließ Hugo allein fort. Vollständig verödet erschien ihni nun sein Heim, namentlich in der ersten Zeit ward es ihm unendlich schwer, sich an die Einsamkeit in seinem Hause zu gewöhnen. Doch Hugo that sein Möglichstes, ihn auch von der Ferne aus zu erfreuen, er schrieb sehr häufig und ausführlich, sowohl über seine Studien als auch über all sein Thun, Wildau zählte die Stunden bis zum Eintreffen der Briefe. Und als nun endlich das Semester vorüber war und Hugo zu den Ferien heimkam, da fühlten sich