Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-05-01 · Heft 34 (1.5.1890) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 34 (1.5.1890)
Date
1890-05-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448057--29920-2477674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

608 beide so überaus glücklich, daß Wildau behauptete, das Wiedersehen allein wäre schon die Trennung werth. Er dachte nun nicht mehr daran, den Sohn in die Universitätsstadt zu begleiten, und als Hugo zum zweiten Mal die Reise dorthin antrat, da sprach Wildau schon beim Abschied von der Freude des Wiedersehens. Es war in den Lormittagsstnnden eines heitern Sommertages, in Begleitung einiger Eollegen kam Hugo aus der Vorlesung, und war eben im Begriffe, in das Haus einzutreten, in dem seine Wohnung sich befand, als er die Equipage des Rittmeisters Werner vor demselben erblickte. Erstaunt blieb er stehen. „Guten Tag, Heinrich!" rief er dem ihm bekannten Kutscher zu, „was machen Sie denn hier?" „Servus, Herr Wildau!" erwiderte der Rosselenkcr den Gruß, „gehen Sie nur geschwind hinaufich habe den gnädigen Herrn hergefahren, er wartet oben auf Sie." „Was? der Herr Rittmeister ist bei mir?" Mit einem Satz war er in dem Haus und eilte nun die Stiegen hinan, die zu seinem Zimmer führten, indem er mehrere Stufe auf einmal übersprang. „Willkommen Herr Rittmeister!" rief er, indem er die Thür aufstieß und dem alten Freunde seines Vaters mit ausgestreckter Hand cntgegeneilte. „Seien Sie herzlichst willkommen. Das heißt eine Ueberraschung! Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß mir so ein weither Besuch bevorstehe, sonst hätte ich heute sicher die Vorlesungen geschwänzt und wäre zu Hause geblieben. Aber bitte, wollen Sie cs sich doch bequem machen. —" „Laß', laß' lieber Freund", wehrte der Rittmeister ab und wollte seinen Ueberzicher sich nicht abnehmen lassen, „ich — ich habe nicht allzuviel Zeit." „Was", rief Hugo, „Sie wollen schon wieder fort und ich habe mich nicht einmal nach Ihrem werthen Befinden erkundigen können, und nach dem Befinden der gnädigen Frau und nach Robert und nach den jungen Damen." „Danke, danke", eutgegnete der Rittmeister, indem er auf die Uhr sah, „bei mir ist Gottlob alles wohl auf. — Aber — lieber Hugo — es thut mir außerordentlich leid. —" „Was thut Ihnen leid?" fragte Hugo, als der alte Herr stockte. Der Rittmeister fuhr sich mit dem Tuche über die schweißbedeckte Stirn und sah abermals auf die Uhr. „Die Zeit drängt", sagte er gepreßt, „ich hätte gern über eine wichtige Angelegenheit mit Dir gesprochen — aber — ich muß fort. Wie wäre es, wenn Du mich begleiten würdest?" Hugo war gern bereit. „Aber wohin soll ich Sie begleiten, Herr v. Werner?" „Vorläufig hinunter in meinen Wagen. Komm nur, komm', es wird zu spät." Der Rittmeister eilte voraus, mit nahezu jugendlicher Raschheit rannte er die Stiegen hinunter, Hugo folgte kopfschüttelnd. Er hatte nicht verstanden, was der Rittmeister dem Kutscher zugerufen hatte, während er in den Wagen gestiegen war und sich an der Seite des alten Herrn niedergelassen hatte, aber er mußte ihn wohl zu großer Eile augetrieben, denn die Pferde rannten in gestrecktem Galopp davon. Hugo ward ängstlich, cs könnte in den belebten Straßen ein Unglück geschehen. „Herr Rittmeister" bat er, „der Heinrich fährt zu schnell, das ist hier in der Stadt verboten, soll ich ihm nicht zurufen, daß er langsamer fahren soll?" „Nonsens!" brummte der Rittmeister, „laß' den Heinrich in Ruh, der weiß, was er thut." „Aber — wenn ein Unglück geschehen würde. —" „So hast Du's nicht zu verantworten", war die barsche Antwort. Und dabei trieb der Kutscher die Pferde zu noch rascherem Laufe an. „Das ist ein Frevel!" rief der junge Mann erglühend, „wenn Sie mir nicht gestatten, dem Heinrich dieses Dahinrasen zu wehren, so fahre ich nicht weiter mit, so springe ich aus dem Wagen." Er war bei diesen Worten aufgesprungen und schien seine Drohung wahr machen zu wollen. Des Rittmeisters mächtige Hand hielt ihn zurück und zog ihn wieder nieder auf den Sitz. „Bist Du bei Sinnen? — Uebrigens sei unbesorgt, es wird nichts geschehen, der Heinrich ist der beste Roffeleuker, er hat eine feste Hand und einen sichern Blick. Und überdies sind wir in zwei Minuten zur Stelle." Er sah wiederum auf seine Uhr, „wir kommen zur rechten Zeit, er ist ausgezeichnet gefahren, wir werden noch einige Minuten warten müssen." Jetzt erst bcmekte Hugo, daß sic, statt die Richtung, in der das Gut des Rittmeisters lag, einzuschlagen, in die entgegengesetzte Richtung gefahren waren und sich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes befanden. Befremdet wandte er sich an seinen Begleiter. „Wohin fahren wir denn? — Dieses ist doch nicht der Weg zu Ihrem Gute. —" „Freilich nicht — habe ich Dir denn nicht ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.