Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1890)
- Date
- 1890-04-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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■ ■ 585 meinde zu Straßburg trugen die Zipfel der Sargdecke. Dann folgten die nahen Verwandten, darunter der Rabbiner aus Luneville, die Oberrabbinen von Metz und Colmar. Dann sah ich unter den hohen Persönlichkeiten den Staatssektär von Puttkammer, den Gouverneur, General v. Lewinsky, den Adjutanten des Statthalters, Generalvikar Schott, Vertreter des Bischofs, den Ministerialrath Hamm, Reichstagsabgeordneter Dr. Petri, Polizeidirector Feichter, Bürgermeister Back, den Bezirkspräsidenten u. a. m. Abordnungen der israel. Gemeinden des Landes, Vorsänger und Lehrer des Bezirks und eine unabsehbare Reihe Bürger der Stadt. Die Synagoge vermochte nur einem Theil der Menge Platz gewähren. Der Vorsänger stimmte einen Gesang an und der Gesangverein trug ein Chorlied (Psalm 8) vor. Die Herren Oberrabbiner Weill aus Colmar und Weill aus Metz feierten den Heimgegangenen wegen seiner hohen Tugenden; auch Rabb. Uhry aus Brumath rief Worte der Liebe und Verehrung dem Meister nach. Am offenen Grabe sprachen Banquier Blum-Auscher, Vice-Präs. des isr. Consistoriums, Rabb. Levy aus Weißenburg, Namens der Rabb. des Unterelsaß, Bauer, Präsident der Verwaltung der isr. Gemeinde zu Straßburg, Oberdörfer und Schwarz, Verwalter des Hospiz Elisa, dessen Gründer der Verstorbene war. Zuletzt sprach der Rabb. Aron aus Luneville Namens der Familie Worte des Dankes für die großartige Theilnahme, die man den Anverwandten des Verstorbenen erwiesen habe. Der einzige Sohn desselben, der die höchste Stelle als Arzt in der französischen Armee einnimmt, konnte nicht mehr rechtzeitig nach Straßburg kommen, da er gerade auf einer Jnspectionsreise in Algier weilt. "j "n I. Westheimer. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 13. April. Gegenüber der Wichtigkeit, die in diesen Tagen jeder einzelnen Arbeiterversammlung als eine Art von gesellschaftlichen Wetterwinkel innewohnt, sind für den Augenblick die Zusammenkünfte sonstiger Vereine fast ganz bedeutungslos geworden. Einer dieser Vereinsversammlungen, die vorgestern stattfand, wollen wir nur deßhalb gedenken, weil in ihr ein grelles Licht auf Auswüchse im Unterrichtswesen geworfen wurde. Es ist hier eine der beklagenswerthesten Folgen der antisemitischen Bewegung, daß auch viele Lehrer als fanatische Raffen-Politiker sich geberden. In der erwähnten Versammlung erzählte nun ein Universitäts-Professor, daß die schriftlichen Arbeiten eines Knaben, den er kenne, von einem Mittelschullehrer stets als „ungenügend" klassificirt worden, während Aufsätze, die derselbe Knabe incorrecterweise für einen anderen Schüler zu machen pflegt, immer die Note „ausgezeichnet" erhalten; die Eltern des aus „nationalen" Gründen verfolgten Knaben hätten nun den gewissenhaften Pädagogen auf die Probe gestellt, indem sie erst durch einen hervorragenden Schriftsteller, und dann durch einen berühmten Vertheidiger, Aufsätze für ihr Söhnchen machen ließen. Der unbefangene Jugendbildner wiederholte immer wieder sein Urtheil, er klassificirte auch die letzterwähnten Arbeiten als „ungenügend". Wir sind überzeugt, daß nicht jeder der von Rassenwahn erfüllten Lehrer sich in gleichem Maße, wie der eben erwähnte „Pädagoge" zur bewußten Ungerechtigkeit erniedrigt. Aber, sicher ist, daß es für Lehrer weit dringendere Aufgaben gibt, als die Pflege eines sozialpolitischen Sports, und daß dieser in fast allen Fällen geradezu unvereinbar mit dem Lehramte ist. Noch zu keiner Zeit erhielten die Journale so oft, wie derzeit, einen Anlaß, sich mit abnormen Erscheinungen in der Kinderwelt zu beschäftigen. Schon bei früheren Gelegenheiten waren die Zeitungen genöthigt, darauf zu verweisen, daß Selbstmorde von Kindern nicht mehr ungewöhnlich sind. Auch das Schlagwort: „Eine Diebsbande von Schulkindern" tritt in großen Städten, wie Wien, dem Zeitungslcser erschreckend oft entgegen. Heute erzählt ein Journal, daß an einer Schule mehrere Knaben durch Fortsetzung beängstigender Drohungen, also durch Erpressung, einen Kameraden aus wohlhabenden Hause lange Zeit zu einem lohnenden Ausbeutungsobjecte machten. Das Studium solcher Vorgänge dürfte, wie uns scheint, den Lehrern weit mehr zu empfehlen on sein, als die Theilnahme an antisemitische Agitation. Prag, 15. April. Das in beiden Häusern des Reichsrathes durchberathene Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgenossenschaft verlangter Reorganisiruug der Cultusgemeinden, daß dieselben ein Statut im Sinne dieses Gesetzes besitzen, welches der Regierung zur Genehmigung vorzulegen ist. Gelegentlich der Debatte im Abgeordnetenhause hat der Regierungsvertreter Herr Sectionschef Rittner darauf hingewiesen, daß die Regierung den Confessionen innerhalb der gesetzlichen Grenzen freien Spielraunff'gewähren und keinerlei Jngerenz üben wolle; die Regierung erwarte daher, daß bezüglich dieses Gesetzes aus den betheiligten Cultusgemeindekreisen der einzelnen Kron- » länder ein Normalstatut vorgelegt werden wird,