Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 32 (24.4.1890)
- Date
- 1890-04-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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562 also bereits mit der Thatsache, daß sich die Horde an dem Eigenthum der Juden vergreift, und das ist nicht eine zufällige, sondern eine gewollte Wirkung aller Heroen des Racenhasses, die längst damit gedroht haben, die soziale Frage werde auf dem Leibe der Juden ausgetragen werden. Der Antisemitismus hat in Wien einen Pöbel geschaffen, er hat den Charakter des Volkes verbittert und verschlechtert, er hat wüste Begierden geweckt, er ist das größte Unglück, von welchem Wien jemals getroffen worden ist, weil er die Wurzel der ökonomischen Existenz ausrauft. Der praktische Antisemitismus war ja immer Raub und Plünderung, von den Tagen, wo das Wasser des Rheins vom Blute der Juden roth gefärbt wurde, bis zu den Exzessen in Lerchenfeld. Christlicher Branntweinladen! Das ist die Zauberformel, welche in Wien vor der Brutalität des Pöbels schützt. Was soll aber aus unserer Stadt werden? Der Antisemitismus ist stets der Vorbote großer Umwälzungen, und er lockert den Boden für die sozialistische Saat. Heute werden die kleinen Juden, welche kaum durch einen dünnen Streif vom Proletariat getrennt sind, beraubt, und morgen wird die Faust den Eingang in Häuser erzwingen, wo größere Schätze zu holen sind, als in einer Schänke. Die Weiber, welche Eier und Butter aus dem Geschäfte des Adolph Buch fortschleppten, werden auch bald kein Bedenken haben, die Waaren christlicher Kaufleute zu entwenden, und so wird die Achtung vor der Institution des Eigenthums untergraben, und so werden die Bedingnngen für eine soziale Revolution geschaffen. Bald wird die Sorge, von welcher jetzt die Juden ergriffen sind, sich aller besitzenden (Staffen bemächtigen, und die Unbehaglichkeit wird bis zur Krise anwachsen. Es ist jetzt schon so weit gekommen, daß die Industrie aus Wien flieht, die größten Firmen, die einst den Wiener Gewerbefleiß rcpräsentirten, haben ihre Fabriken in der Provinz errichtet, und nicht allein wegen der billigeren Löhne, sondern aus Abneigung, stets mit den kapitalsfeindlichen Strömungen rechnen zu müssen. Der Wohlstand Wiens nimmt rapid ab, die öffentlichen Unternehmungen gedeihen nicht, die Theater sind wenig besucht, alte Gasthäuser müssen geschlossen, renommirte Firmen verschwinden die Bauthätigkcit stockt und die Arbeit fehlt. Die Kaufleute am Graben, am Kohlmarkt und in der Kärtnerstraße schlagen jammernd die Hände zusammen, aber nicht allein der Luxus nimmt ab, sondern anch der Absatz der wenigen Massenartikel, die in Wien erzeugt werden. Der Antisemitismus ist eine öffentliche Gefahr, welche die Grundlnge der Gesellschaft bedroht. Das wird auch unser Ministerpräsident Graf Taaffe bald erkennen. England. London. Der Seder wurde dahier nicht allein im häuslichen Kreise begangen, eine der erhabendsten Feier fand in der jüdischen Abtheilung des „London Hosspitals" statt. Seit mehr als 40 Jahren ist es Sitte geworden, daß die jüdischen Patienten das Pesach mit allen seinen Ceremonien gemeinschaftlich abhalten. Die Behörden thun Alles was in ihrer Macht steht, um die Festlichkeit zu erleichtern. Mazot liefert die „Ilniteä S^uaAoxue" Spezereien, Herr Leopold v. Rothschild und Fische Herr F. D. Mocatta. An den ersten zwei Abenden versammelten sich alle Patienten, die nicht bettlägerig waren, in der „Rothschild Station" wo der übliche Seder durch Herrn Jakob Samuel gegeben wurde. Es waren gerade eine größere Anzahl jüngerer Leute unter den Patienten und diese verliehen der Versammlung den Charakter eines Familienfestes. Die Scene war in der That rührend, eine Anzahl Juden und Jüdinnen vereinigt unter diesen eigenthümlichen Umständen, um die Geschichte der Befreiung ihrer Vorfahren aus der Sclaverei zu hören, zugleich darüber nach denkend, in welcher Weise die Vorsehung gewillt sei, sie aus der Sclaverei physischen Leidens zu befreien. Irland. Dublin. Die hiesigen Juden, namentlich die Vorstände der alten Gemeinde, müßten wegen des Geistes der Einigkeit, der sie beseelt, beglückwünscht werden. Ebenso wie in anderen Städten des vereinigten Königreiches, hat sich die jüdische Bevölkerung von Dublin durch die Einwanderung von Fremden vermehrt. In solchem Maaße ist dies in der irischen Hauptstadt der Fall gewesen, daß während von der eigentlichen Gemeinde seit 180(1 nur 12 bis 13 Familien übrig waren, die Zahl der Fremden jetzt 600—7OO Seelen umfaßt. Hauptsächlich wegen der großen Entfernung von der Mary' Abbey-Synagoge bis zu ihrer Wohnung trennten sich die Ankömmlinge von der hebräischen Gemeinde und eröffneten zwei Gottesdienste, nah bei einander, in dem oberen Theile von ungesunden und auch in anderer Weise ungeeigneten Häusern. Um nun diesen Zuständen abzuhelfen, der einen Scandal herbeizuführen drohte, und um die jüdische Gemeinde zu consolidiren, hat die hebräische Gemeinde nach vieler Mühe einen geeigneten Platz gekauft, um darauf eine Synagoge zu errichten, worin alle Juden von Dublin Gottesdienst halten können. Eine Summe von 3000 Sterling wird noch benöthigt, und hat man sich um Beihilfe an die englischen Juden gewendet.